Apokalypse

16. März 2019 12:43; Akt: 16.03.2019 12:49 Print

Warum glaubt man den Untergangspropheten?

von Rolf Maag - Sektenführer finden trotz falscher Prophezeiungen immer wieder Anhänger. Dahinter steckt ein verbreiteter psychischer Mechanismus.

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Es war 1998, als die kürzlich verstorbene Uriella vor einer Fülle katastrophaler Ereignisse warnte: vor einem kurz bevorstehenden Börsencrash, einer mehrere Hundert Meter hohen Flutwelle und dem Einmarsch der Russen in Deutschland. Die Mitglieder ihrer Sekte Fiat Lux würden von Raumschiffen vorübergehend in Sicherheit gebracht. Damit trat sie in die Fussstapfen von Paul Kuhn, dem Oberhaupt der St. Michaelsvereinigung, der in Dozwil TG predigte. Er hatte schon für den 8. Mai 1988 nichts weniger als den Weltuntergang angekündigt.

Uriella und Kuhn sind bei weitem nicht die einzigen vermeintlichen Propheten, die sich mit falschen Prophezeiungen in die Nesseln gesetzt haben. Nach solchen Fehlschüssen reduziert sich zwar meistens die Anhängerzahl dieser Leute, doch sie sinkt keineswegs auf null, wie man erwarten würde. Wie ist das zu erklären?

Nachrichten aus dem Weltall

In den 1950er-Jahren gelang es Mitarbeitern des Sozialpsychologen Leon Festinger, eine Gruppe von Gläubigen zu infiltrieren, die sich um Dorothy Martin, eine Hausfrau aus Chicago, gebildet hatte. Martin empfing angeblich Botschaften vom (inexistenten) Planeten Clarion, die sie in einer Art Trancezustand notierte (automatisches Schreiben). Der Absender dieser Meldungen war vermeintlich kein Geringerer als Jesus persönlich, der Martin zufolge gerade in einer zeitgenössischen Inkarnation auf Clarion weilte.

Neue Sintflut

Aus Martins Geschreibsel ging hervor, dass am 21. Dezember 1954 eine gewaltige Flut die Erde heimsuchen werde. «Clarioniten» (Bewohner von Clarion) würden aber die Mitglieder der Gruppe auf fliegenden Untertassen retten. Mit einer Mischung aus Angst und Zuversicht warteten die Gläubigen auf das Ende alles Irdischen. Natürlich geschah gar nichts.

Rechtfertigungen

In ihrem 1956 erschienenen Buch «When Prophecy Fails» beschrieben Festinger und seine Mitarbeiter, wie Martins Anhänger auf das Versagen ihres Idols reagierten. Viele wandten sich nicht etwa von ihr ab, sondern suchten nach Erklärungen, warum der Erde der Untergang noch einmal erspart geblieben war.

Ihr Glaube sei nicht stark genug gewesen, meinten manche. Andere fanden, Gott habe noch einmal zugunsten der Menschheit interveniert, weil der Glaube der Gruppenmitglieder eben gerade so stark gewesen sei. Man könnte auch schlicht das Datum falsch verstanden haben, war eine weitere Ansicht.

Kognitive Dissonanz

Für den psychischen Zustand, in dem sich Martins Anhänger nach der Enttäuschung befanden, prägte Festinger den Begriff «kognitive Dissonanz». Damit ist gemeint, dass sie gleichzeitig zwei Überzeugungen hegten, die einander widersprachen. Einerseits glaubten sie an Martins übersinnliche Fähigkeiten, andererseits hatten sie gerade festgestellt, dass sie alles andere als unfehlbar war.

Weil sie emotional und finanziell sehr viel in ihre religiöse Überzeugung investiert hatten, waren sie nicht bereit, davon abzulassen. Stattdessen gaben sie sich alle Mühe, plausible Rechtfertigungen für Morgans Versagen zu finden. Nur so konnten sie ihre psychische Stabilität aufrechterhalten. Bei Uriellas und Kuhns Jüngern dürfte es ähnlich gewesen sein.

Rassismus

Das Bestreben, kognitive Dissonanz loszuwerden, kann auch andere irrationale Verhaltensweisen erklären, etwa den Rassismus. Der Soziologe James Loewen erläutert das in seinem Buch «Lies My Teacher Told Me» am Beispiel von Kolumbus. Solange er dem spanischen Königspaar Ferdinand und Isabella weitere Expeditionen schmackhaft zu machen versuchte, beschrieb er die Eingeborenen der Neuen Welt als «gut gebaut» und «von rascher Auffassungsgabe». Als er dazu übergegangen war, sie zu bekämpfen und auszubeuten, waren sie plötzlich «grausam» und «dumm».

Bei Kolumbus (und vielen anderen Kolonialisten) lag wohl eine Dissonanz zwischen Denken und Handeln vor: Er sah sich als einen guten Menschen, der andere anständig behandelt, verhielt sich gegenüber den Eingeborenen aber gerade anders. Also sagte er sich, sie hätten es verdient, weil sie minderwertig seien.

Das Bestreben, kognitive Dissonanz zu reduzieren, wird in der Psychoanalyse auch Rationalisierung genannt. Dagegen ist niemand gefeit. Es schadet sicher nichts, sich gelegentlich zu fragen, ob man nicht selber ein Opfer davon geworden ist.