Prager Fenstersturz

23. Mai 2018 15:25; Akt: 23.05.2018 16:01 Print

Wie überlebt man einen Sturz aus 17 Metern?

von Rolf Maag - Vor 400 Jahren wurden drei hohe Beamte aus einem Fenster der Prager Burg geworfen. Der Fenstersturz stand am Anfang des 30-jährigen Kriegs.

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Am Morgen des 23. Mai 1618 marschierte eine wütende Menschenmenge durch die Gassen der böhmischen Hauptstadt Prag. Angeführt wurde sie von zwei protestantischen Adligen, dem Lutheraner Joachim Andreas von Schlick und dem Calvinisten Heinrich Matthias von Thurn. Ihr Ziel war die Prager Burg, der Hradschin.

Dort residierten zwei Statthalter des deutschen Kaisers, Jaroslaw von Martinitz und Wilhelm Slawata. Sie hatten den Zorn der böhmischen Protestanten erregt.

Keine protestantischen Kirchen

Den Hintergrund der Ereignisse bildete ein Majestätsbrief aus dem Jahr 1609, in dem der damalige Kaiser Rudolf II. den böhmischen Protestanten freie Religionsausübung garantiert hatte. Erzherzog Ferdinand, der seit 1617 König von Böhmen war und kurze Zeit später Kaiser werden sollte, bestätigte den Majestätsbrief zwar, dachte aber nicht im Traum daran, sich an seine Zusagen zu halten.

Anfang 1618 liess der Abt des Benediktinerklosters im böhmischen Braunau eine auf seinem Land errichtete protestantische Kirche schliessen. In Klostergrab liess der Erzbischof von Prag ein auf seinem Grund stehendes evangelisches Gotteshaus sogar kurzerhand abreissen. Ein kaiserliches Schreiben aus Wien erklärte das Vorgehen der Geistlichen für rechtens. Die protestantischen Adligen kochten vor Wut.

Fenstersturz

Am 23. Mai verschafften sie sich Zugang zum Sitzungszimmer der Prager Burg, wo sich die Statthalter Slawata und Martinitz aufhielten. Die beiden bestritten jegliche Beteiligung an dem kaiserlichen Dokument. Das entsprach auch der Wahrheit, da es von Kardinal Klesl, dem wichtigsten Berater von Kaiser Matthias, verfasst worden war, doch die Protestanten glaubten ihnen nicht.

Nun drängten sie die Statthalter zu einem kleinen Fenster und stiessen sie hinaus. Den ebenfalls anwesenden Sekretär Philipp Fabricius warfen sie hinterher. Die drei stürzten in den 17 Meter tiefen Schlossgraben.

Prager Fenstersturz

Alle überleben

Erstaunlicherweise fand keiner bei dem tiefen Fall den Tod. Nur Slawata war einigermassen schwer verletzt. Die protestantische Propaganda behauptete später, das sei darauf zurückzuführen, dass die drei in einem riesigen Abfallhaufen weich gelandet seien, doch das ist eher unwahrscheinlich.

Vermutlich bremsten die weiten Mäntel, die sie an diesem kalten Tag trugen, die Fallgeschwindigkeit. Ausserdem rutschten sie eher an der abgeschrägten Burgmauer hinunter, als dass sie in freiem Fall stürzten.

In katholischen Flugblättern wurde eine übernatürliche Erklärung der Ereignisse vertreten: Die Jungfrau Maria persönlich habe ihre Hand schützend über die katholischen Würdenträger gehalten und ihren Fall gebremst. Damit habe die Gottesmutter gezeigt, dass es nun an der Zeit sei, Böhmen endgültig für den Katholizismus zurückzugewinnen. Es liegt auf der Hand, dass solche Erzählungen der Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten nicht unbedingt förderlich waren.

Furchtbares Gemetzel

Aus dem Prager Fenstersturz entwickelte sich der 30-jährige Krieg. Er griff auf weite Gebiete des Deutschen Reichs über, dessen Bevölkerung in dieser Zeit von 16 Millionen auf 10 Millionen zurückging. Zur Eskalation dieses Gemetzels trug wesentlich bei, dass sich auch auswärtige Mächte wie Frankreich, Spanien, Schweden und Dänemark daran beteiligten. Erst 1648 wurde der Konflikt mit dem in Münster und Osnabrück ausgehandelten Westfälischen Frieden beigelegt.

Kurioser Adelstitel

Bei allem Fanatismus bewies die katholische Seite auch einen gewissen Sinn für Humor. Fünf Jahre nach dem Ereignis wurde ein Überlebender des Fenstersturzes, der Sekretär Fabricius, in den Adelsstand aufgenommen. Sein neuer Titel lautete «von Hohenfall».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gurke Linde am 23.05.2018 15:50 Report Diesen Beitrag melden

    Okay

    Danke für die Infos.

  • Herzog Lunte am 23.05.2018 16:20 Report Diesen Beitrag melden

    Fachgesimpel

    Eine sogenannte Defenestration. Habe ich kürzlich gelernt :) Jemanden defenestrieren klingt irgendwie klug und brutal zugleich :p

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  • Exile Gear am 23.05.2018 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    Find ich gut

    Das sollten wir Heutzutage auch wieder einführen für all die unbelehrbaren.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ee kk am 25.05.2018 21:54 Report Diesen Beitrag melden

    14m ?

    ich habe 9 m überlebt - nicht noch ein mal!

  • M. K. am 25.05.2018 15:46 Report Diesen Beitrag melden

    Hail dem Edlen

    Hail Tore Hund.

  • G. Pereu am 24.05.2018 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Resultat

    Und trotzdem ist Tschechien (Böhmen) mehrheitlich Katholisch. Die Protestanten haben sich wie in DE, CH, FR (Luther, Zwingli, Calvin) nicht durchgesetzt. Dafür ist der Böhme zu lebensfroh.

  • Zoom am 24.05.2018 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Bedeutend für die Schweiz

    Nicht zu vergessen: Am Ende des 30jährigen Krieges, im Westfälischen Freiden, resultierte als 'Nebenprodukt' die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft vom so genannten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dies dank dem Verhandlungsgeschick des Baslers Johann Rudolf Wettstein.

  • Trudi Gürkli am 24.05.2018 07:09 Report Diesen Beitrag melden

    Time to say Goodbye

    Ich bin dafür, dass Religion zur absoluten Privatsache erklärt wird. Spiritualität ist ein stilles Geschehen in jedem Einzelnen. Niemand braucht das Bodenpersonal, niemand braucht Vermittler oder Stellvertreter (was für eine Anmassung, sich als Stellvertreter Gottes zu deklarieren!), niemand Ideologien und Dogmen. Werdet erwachsen Menschen! Ob Fenstersturz oder Kopf ab, Kreuzzüge, Aberglauben bis zu "Hexen"-Verbrennungen, Fanatismus auf ALLEN Seiten - Religionen sind seit es sie gibt ein Instrument der Macht über Menschen und Trennung der Menschen voneinander.

    • Pitt Trefzer am 26.05.2018 01:45 Report Diesen Beitrag melden

      Lug & Trug

      I love you Trudi. Leider ist es heute noch gestattet, die pfaeffischen Luegenmaerchen, z.b. von Jesus, Maria und Joseph weiterzuverbreiten. Den "lieben" Gott lassen wir mal auf der Seite.

    • Raeuber Fotzenplotz am 12.06.2018 03:05 Report Diesen Beitrag melden

      Ecrasez l'infame

      Gegenueber dem, was uns Katholen und Protestanten weismachen wollen, ist Erich von Daeniken direkt ein Muster zn Glaubwuerdigkeit.

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