Denkfehler

22. Dezember 2013 21:10; Akt: 22.12.2013 23:42 Print

Zerbrechen Sie sich mal wieder den Kopf!

von Rolf Maag - Wir sind sehr viel weniger rational, als wir oft meinen. Unser Denken ist systematischen Verzerrungen ausgesetzt, wie eine Studie des Psychologen Daniel Kahneman zeigt.

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Daniel Kahnemans Forschungen revolutionierten die Psychologie des Denkens (Bild: Keystone/Eddy Risch)

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Fehler gesehen?

Versuchen Sie einmal, in höchstens zehn Minuten die folgenden drei Probleme zu knacken. Die Lösungen finden Sie in der Infobox.

1. Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Franken. Der Schläger ist einen Franken teurer als der Ball. Wie viel kostet der Ball?

2. 5 Maschinen produzieren in 5 Minuten 5 Stück. Wie lange brauchen 100 Maschinen für 100 Stück?

3. Auf einem Weiher wachsen Seerosen. Jeden Tag verdoppelt sich die von ihnen bedeckte Fläche. Nach wie vielen Tagen bedecken sie die Hälfte des Weihers, wenn nach 48 Tagen der gesamte Weiher zugewachsen ist?

Mässige Ergebnisse

Falls Sie nicht alle Aufgaben dieses «Cognitive Reflection Test» richtig gelöst haben sollten, müssen Sie sich nicht grämen. Sie sind in bester Gesellschaft. Der Wirtschaftswissenschaftler Shane Frederick legte den Test tausenden von amerikanischen Studenten vor, mit teilweise ernüchternden Ergebnissen: An der elitären Universität von Princeton gaben die Studenten im Durchschnitt nur 1,63 richtige Antworten, an der Universität von Michigan gar lediglich 0,83. Wie ist das zu erklären?

Zwei Systeme

Offensichtlich legen die Formulierungen aller drei Aufgaben Antworten nahe (etwa 10 Rappen im ersten Beispiel), die sich bei genauerer Betrachtung als falsch erweisen. Also können diejenigen Testpersonen, die danebenlagen, ihre Lösungen nicht richtig überprüft haben - sie wurden Opfer ihres intuitiven Denkens, das der israelische Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman «System 1» nennt.

Typische System-1-Aktivitäten sind etwa das Verständnis einfacher Sätze, die Fähigkeit, Stimmungen anderer Leute an deren Gesichtsausdruck zu erkennen oder die Lösung simpler arithmetischer Probleme. System 1 funktioniert automatisch und anstrengungslos, es vermittelt den Eindruck, die Welt sei regelmässig und leicht verstehbar.

Das rationale Denken dagegen, Kahnemans «System 2», ist bewusst, energieaufwändig und anstrengend; man erkennt das beispielsweise daran, dass sich die Pupillen von Menschen, deren System 2 aktiv ist, erheblich weiten. System 2 wird tätig, wenn man etwa komplizierte Multiplikationen (17 mal 24) im Kopf löst, philosophische Gedankengänge nachzuvollziehen versucht oder nachts auf einem engen Bergpfad Auto fährt.

«Faules» System 2

Schwierigkeiten ergeben sich nun dadurch, dass Aufgaben, für die eigentlich System 2 zuständig wäre, häufig von System 1 übernommen werden, weil System-2-Aktivitäten so anstrengend sind. Kahneman geht sogar so weit, System 2 als «faul» zu bezeichnen.

Wenn sich System 1 einer schwierigen Frage gegenübersieht, greift es häufig zu «Heuristiken», also Denkabkürzungen und Daumenregeln, die allerdings der Komplexität des Problems meist nicht gerecht werden.

So wird es häufig Opfer des «availability bias» (etwa: Verfügbarkeitsfehler), der darin besteht, dass man die Grösse einer Kategorie oder die Häufigkeit eines Ereignisses anhand der Leichtigkeit beurteilt, mit der einem Beispiele dazu einfallen. So waren rund 80 Prozent der Teilnehmer einer Studie des Psychologen Paul Slovic der Meinung, mehr Menschen würden durch Unfälle sterben als durch Schlaganfälle, obwohl Letztere rund doppelt so viele Todesfälle verursachen. Ebenso glaubten sie, Wirbelstürme würden mehr Opfer fordern als das 20-mal tödlichere Asthma.

Diese Fehleinschätzungen sind dadurch zu erklären, dass Unfälle und Wirbelstürme meist eine aufgeregte Berichterstattung in den Medien nach sich ziehen, die den Leuten besser in Erinnerung bleibt als unspektakuläre Krankengeschichten. Die Einfachheit, mit der sie auf Beispiele solcher Ereignisse zurückgreifen können, lässt sie deren Häufigkeit massiv überschätzen.

Eine einfachere Frage

Ein anderes Beispiel eines solchen Kurzschlusses ist der «halo effect» (Heiligenscheineffekt). Wenn man von einer Person in einer Hinsicht einen positiven (negativen) Eindruck gewonnen hat, neigt man dazu, ihr auch in anderer Hinsicht nur Gutes (Schlechtes) zuzutrauen. Lernt man etwa einen Menschen neu kennen und empfindet ihn als angenehmen Gesprächspartner, wird man ihn auch für hilfsbereit halten, obwohl man dazu keinerlei Informationen hat. Auf den «halo effect» baut auch die Werbeindustrie, wenn sie Sportler, Schauspieler oder andere Prominente in Spots für Getränke oder Waschmaschinen auftreten lässt.

«Availability bias» wie «halo effect» sind gute Beispiele für die Tendenz von System 1, schwierige Fragen durch einfachere zu ersetzen. Nicht: «Wie glücklich bin ich in meiner jetzigen Lebensphase?», sondern: «Wie fühle ich mich jetzt?» Nicht: «Wie populär wird Obama in einem Jahr sein?», sondern: «Wie populär ist er momentan?» Hier wäre eigentlich das differenzierte System 2 zuständig, doch dessen Trägheit führt dazu, dass wir alle uns immer wieder von System 1 zu intuitiven Fehlurteilen verleiten lassen.

Neues Bild der Irrationalität
Lange Zeit dominierte in den Sozialwissenschaften, besonders in der Ökonomie, die Vorstellung, dass Menschen grundsätzlich rational dächten; Irrationalität komme dadurch zustande, dass sie von starken Emotionen wie Furcht, Liebe oder Hass überwältigt würden.

Die Forschungen von Kahneman legen ein anderes Bild nahe: Durch die oft mangelnde Abstimmung zwischen System 1 und System 2 ist das normale Denken systematischen Verzerrungen ausgesetzt, und das liegt nicht etwa am verderblichen Einfluss von starken Gefühlen, sondern an der Beschaffenheit unseres Erkenntnisapparats. Der Schweizer Autor Rolf Dobelli nennt das «die kalte Theorie der Irrationalität».

Gibt es Leute, die gegen Denkfehler gefeit sind, zum Beispiel Daniel Kahneman? Nein, das würde er auch niemals beanspruchen. Weil das rationale Denken so anstrengend ist, tappen sogar Leute in Denkfallen, die sich professionell damit beschäftigen. Was soll man also tun? Nochmals Dobelli: «In Situationen, deren mögliche Konsequenzen gross sind (bei gewichtigen privaten oder geschäftlichen Entscheidungen), versuche ich, so vernünftig und rational wie möglich zu entscheiden. [...] In Situationen, deren Konsequenzen klein sind (bei Entscheidungen wie: BMW oder VW?) verzichte ich auf rationale Optimierung und lasse mich von meiner Intuition tragen.» Wir werden unsere Irrationalität also niemals ganz los - das ist auch gar nicht nötig.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • B.R. am 24.12.2013 12:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinn der Studie

    Die meisten haben den Sinn der Studie nicht verstanden. Kahneman hat nie gesagt, dass die Aufgaben schwierig seien. Er wollte nur zeigen, dass man oft der Einfachheit wegen das "System 1" verwendet, vor allem wenn etwas auf den ersten Blick simpel erscheint. Und wenn man das dann nicht nachprüft, kann man zu falschen Resultaten kommen. Deswegen soll sich niemand intelligent fühlen, nur weil er oder sie das lösen konnte. Es heisst nur, dass man Aufgaben erwartet hat, die eine Falle haben und dann deswegen mehr Konzentration dafür verwendet. Darum haben so viele bei der Studie den Fehler gemacht, sie haben nicht erwartet, dass es etwas komplizierter ist als auf sen ersten Blick. Wir aber wussten es von der Fragestellung von 20min her. Denn rein mathematisch gesehen, kann diese Aufgabe der grösste Teil der Weltbevölkerung, welcher die Möglichkeit hatte, eine Schule zu besuchen, lösen.

  • mathematiker am 23.12.2013 11:19 Report Diesen Beitrag melden

    zuviele Seerosen

    Wenn es am ersten Tag eine gäbte, müsste es am letzten Tag 1.4+10^14, also über 100 Billionen!

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  • Mathistudi am 23.12.2013 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    Mathematisches Denken...

    ... ist wie eine Sprache. Es lässt sich sehr gut üben, wenn man sich am jeden Tag ca. 10 min lang über Probleme beugt und zu lösen versucht. Es geht dann mit der Zeit ins Blut über. Dann ist dieses "System 2" auch nicht mehr so faul.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gilrich am 25.12.2013 21:31 Report Diesen Beitrag melden

    10 Minuten

    Hatte eine Minute für alle drei Aufgaben. Aufgabe 2 und 3 muss man ja nur durchlesen.

  • Ig am 25.12.2013 05:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hilfsmittel

    Ich glaube das auch viel auf heutige Hilfsmittel zurückzuführen ist. Z.B. Wieso soll ich 17x24 im Kopf rechnen wenn es mein Handy kann? Man schult so unser Hirn richtig gehend faul zu sein. Den jeder kann diese Aufgabe lösen es braucht aber bei einigen wohl einige Schritte mehr. Aber die machen wir eben dann nicht weil wir es ja nur ein tippen müssen. Danke 20mim ihr habt mir gerade geholfen zu verstehen wieso man in der Schule noch viel ohne Rechner rechnen muss!

  • Anna Michel am 25.12.2013 02:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schwer?

    Ich hatte keine Mühe mit diesen Aufgaben. War aber erstaunt dass ich alle richtig hatte.*lach* Jedoch muss ich sagen, dass man nur logisch überlegen muss.. ..viele schreiben ja, dass sie Mühe hatten.. ich hatte keine und ich war in der Real Klasse :) Da sieht man mal wieder, wie wenig das ganze Schulsystem mit dem eigentlichen inteligenz zu tun hat... liebe grüsse einer 18jährigen.

    • Martin Schmid am 25.12.2013 12:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      naja

      Ich glaube kaum, dass dies ein Intelligenztest ist. Ich hatte auch alles richtig und bin Student.

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  • B.R. am 24.12.2013 12:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinn der Studie

    Die meisten haben den Sinn der Studie nicht verstanden. Kahneman hat nie gesagt, dass die Aufgaben schwierig seien. Er wollte nur zeigen, dass man oft der Einfachheit wegen das "System 1" verwendet, vor allem wenn etwas auf den ersten Blick simpel erscheint. Und wenn man das dann nicht nachprüft, kann man zu falschen Resultaten kommen. Deswegen soll sich niemand intelligent fühlen, nur weil er oder sie das lösen konnte. Es heisst nur, dass man Aufgaben erwartet hat, die eine Falle haben und dann deswegen mehr Konzentration dafür verwendet. Darum haben so viele bei der Studie den Fehler gemacht, sie haben nicht erwartet, dass es etwas komplizierter ist als auf sen ersten Blick. Wir aber wussten es von der Fragestellung von 20min her. Denn rein mathematisch gesehen, kann diese Aufgabe der grösste Teil der Weltbevölkerung, welcher die Möglichkeit hatte, eine Schule zu besuchen, lösen.

  • R. Woodesbühl am 24.12.2013 10:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Denkprozess verstehen

    Bin erstaunt! für Aufgabe 1 hatte ich 30 Sekunden benötigt, weil ich genau das System 1 benutzte. Kam dann auf 1 Fr. und 10 Rp. Kurz kontrilliert entdeckte ich mit System 2 den Fehlerund hab entsprechend die fehlende Differenzsumme von 10 zweigeteilt und beidseitig entsprechend ab und dazugezählt. Cool, das man sein eigenes Denken mit so einem Artikel verstehen lernt! :)