Kicken auf Kunstrasen

09. Juni 2015 19:31; Akt: 09.06.2015 19:31 Print

«Als wenn der Schuh auf eine Metallplatte schlägt»

von Marieke Reimann - Die Spielerinnen bei der Frauen-WM in Kanada kicken auf Kunstrasen. Eine Fifa-Entscheidung, die für Langzeitschäden sorgen kann.

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Die Schweizerinnen unterliegen Kanada im Achtelfinal 0:1. Damit ist das Turnier für die Eidgenossinnen beendet. Die Kanadierinnen hingegen dürfen an der Heim-WM weiterhin auf den grossen Coup hoffen. Mangelnden Einsatz kann man den Schweizerinnen nicht vorwerfen. Insgesamt können die Eidgenossinnen zufrieden sein mit ihrem ersten Auftritt an einer WM. Vorbereitung aufs grosse Spiel: Die Schweizerinnen trainieren im BC Place Stadium von Vancouver, wo sie im Achtelfinal auf Gastgeber Kanada treffen. Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg (l.) ist sich im Klaren darüber, dass «eine gute Halbzeit nicht reichen wird». Sie fordert vor allem von ihren Teamleaderinnen eine Steigerung. Sieht fast aus wie in der Heimat: Die Schweizerinnen beim Training in Vancouver. Zurück in Vancouver: Nach dem Abstecher nach Edmonton ist das Schweizer Nationalteam wieder dort, wo das WM-Abenteuer begann. Lara Dickenmann nimmt sich Zeit für die Fans. Niedergeschlagene Schweizerinnen nach der 1:2-Niederlage im letzten WM-Gruppenspiel gegen Kamerun. Da war die Welt noch in Ordnung: Nach einer schönen Hereingabe von Ramona Bachmann steht Ana Maria Crnogorcevic goldrichtig und bringt die Schweiz in der 24. Minute in Führung. Kameruns Star-Stürmerin Gaelle Enganamouit im Zweikampf mit Rachel Rinast, Gabrielle Onguene (links) zeigte eine bärenstarke Partie für Kamerun. Die 26-jährige Kamerunerin erzielt das 1:1 mit einem satten Flachschuss und bereitete den 2:1-Siegestreffer vor. Starke Vorstellung: Die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft gewinnt das zweite Gruppenspiel gegen Ecuador mit 10:1. Fabienne Humm gelingt beim Kantersieg ein lupenreiner Hattrick innerhalb von fünf Minuten. Auch Ramona Bachmann netzte dreimal ein. Der Ehrentreffer für Ecuador geht auf das Konto von Ponce, die noch zweimal ins eigene Tor traf. Die Schweizer Fussball-Nati verliert das Auftakt-Spiel gegen Weltmeister Japan in Vancouver 0:1. Die Eidgenossinnen zeigen sich kämpferisch und bieten den Favoritinnen die Stirn. Captain Aya Miyama versenkt cool in die rechte Ecke und lässt Thalmann keine Chance. Die Schweizerinnen haben vor allem in der zweiten Halbzeit mehr vom Spiel. Die besten Chancen vergibt Ramona Bachmann, die eine überragende Partie zeigt. Die 24-jährige Angreiferin ist es dann auch, die den Ausgleich in der Nachspielzeit auf dem Fuss hat. Es sollte nicht sein. Nach dem Spiel fliessen bei der Angreiferin die Tränen. Trainerin Martina Voss-Tecklenburg und ihre Mitspielerinnen trösten Bachmann. Die Leistung zum Auftakt gegen Japan stimmt für den weiteren Turnierverlauf zuversichtlich. Die Schweiz hat sich bestens verkauft. An Unterstützung mangelt es dem Schweizer Team auch in der Ferne nicht. Viele Fans haben die Reise nach Kanada angetreten.

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Es begann letztes Jahr: Schon im Vorfeld der Frauenfussball-WM hatten rund 50 Spielerinnen aus zwölf Nationen gegen die Fifa geklagt. Der Grund: Die Frauen-Nationalmannschaften spielen, anders als die Männer, das gesamte Turnier auf Kunstrasen.

Das sei «diskriminierend», protestierten unter anderem die US-Stürmerin Abby Wambach und die deutsche Torhüterin Nadine Angerer und reichten Klage ein. Die ist mittlerweile zwar eingestellt, doch das Problem bleibt: Kunstrasen ist gesundheitsgefährdender als Naturrasen, nur warum?

Kunstrasen staucht die Gelenke

«Kunstrasen ist vor allem härter als echter Rasen», sagt Diana Ziemke. Die Sporttherapeutin beschäftigt sich schon seit Jahren mit den Problemen, die viel Bewegung auf falschem Untergrund verursachen kann. Der härtere Kunstrasen sorge für einen stärkeren Rückstoss in die Gelenke: «Durch die geringere Federung, werden die Bänder und Gelenke viel stärker belastet, die Verletzungsgefahr ist grösser.»

Man läuft mit einem normalen Fussballschuh, der an der Unterseite Stollen hat über einen Naturrasen-Platz. Die kleinen Stollen drücken sich dabei permanent in den Boden, etwa wie die Zinken einer Gartenharke, wenn man ein Beet umpflügt. Umso weicher der Boden ist, desto einfacher geht das Umpflügen des Gartens, denn umso weniger Kraft muss man mit der Harke aufwenden. Ähnlich geht es auch dem Fuss, der im Fussballschuh steckt – je weicher der Boden ist, auf dem er läuft, desto weniger Kraft braucht er, um sich zu bewegen.

Bei Kunstrasen hingegen sei es so, als wenn der Schuh permanent auf eine Metallplatte schlagen würde. «Durch den höheren Widerstand ist der Rückstoss grösser und die Gelenke werden zusätzlich gestaucht», sagt Ziemke. Da die Belastung für den Körper während einer WM durch den permanenten Trainings- und Spielablauf und den noch stärkeren psychischen Druck eh schon höher sei, «ist der Kunstrasen eine Zusatzbelastung für die Frauen, die nicht sein müsste.»

Ähnlich sieht das auch die deutsche Trainerin Silvia Neid: «Der Kunstrasen ermüdet total, das haben wir im Training schon festgestellt.» Und er sei , weil die Mannschaft «zwischen Spielorten grosse Distanzen und verschiedene Zeitzonen überwinden» müsse, eine weitere Herausforderung.

Spielerinnen, die regelmässig auf Kunstrasen spielen würden, litten viel häufiger an Zerrungen, Bänderdehnungen, Kreuzbandrissen und Knieproblemen, weiss Sporttherapeutin Ziemke. «Die geringe Dämpfung belastet den gesamten Bewegungsapparat – die Stösse gehen bis in die Wirbelsäule.» Deshalb sei es wichtig, die Regenerationsphase nach einem Turnier wie der Weltmeisterschaft zu verlängern, um explizit Langzeitschäden zu vermeiden, die sogar ein früheres Aus der Profikarriere bedeuten könnten.

Kühlpads für besseren Halt im Schuh

Zusätzlich zur geringeren Dämpfung ist aber auch die grössere Wärme des Rasens ein Problem. Am Boden können schon mal gut doppelt so viel Grad sein, wie in der Luft. Während die Spielerinnen also vielleicht bei angenehmen 23 Grad spielen, schwitzen ihre Füsse bei 46 Grad im Schuh. Dadurch rutschen die Spielerinnen im Schuh und haben weniger Grip.

Zumindest für dieses Problem hat der Schweizer Jean-Benoît Schüpbach aber eine Lösung gefunden. Er entwickelte eine Sohle, an deren Unterseite kleine Kühlpads angebracht sind. Die sollen nicht nur den Fuss kühlen, sondern auch den Druck auf die Gelenke verringern und für festen Halt sorgen. Schüpbach hat seine Erfindung mit der Schweizer-Frauennati getestet, die nun auch in Kanada mit seinen Kühl-Sohlen aufläuft.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • D.F am 09.06.2015 19:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mies

    Zeit Jahren wird versucht, den Fussballern , den Kunstrasen schmackhaft zu machen. Wahrscheinlich weil der Unterhalt vil billiger ist. Aber er ist einfach nur mies.

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  • Superpippo am 09.06.2015 20:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Unterlage ist das Problem...

    Das Problem ist an und für sich nicht der Kunstrasen, sondern vielmehr die ungelöste Frage der Art des Bodens unter dem Rasenteppich... Auch das nicht identische Hochspringen des Balls im Vergleich zum Naturrasen ist ein Problem. Die Fasern sind heute 1A. Erfindergeist ist gefragt!

  • Rasenmäher am 09.06.2015 19:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Andere Studien

    Es gibt aber auch Studien, welche zum Resultat kamen, dass die Verletzungsgefahr kleiner ist. Vor allem bei den sehr üblen Bänderverletzungen, da man im Kunstrasen nicht hängen bleiben kann. Ausserdem ist die Spielqualität besser, da leider viele Naturrasenfelder nicht gerade als "Englische Rasen" bezeichnet werden können (z.B. St. Jackob Park in Basel). Bin aber auch für das natürliche Grün.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • G.M. am 10.06.2015 16:19 Report Diesen Beitrag melden

    Information ist alles

    Es kommt auf den Unterbau an. Ein Naturrasen hat in etwa einen Kraftabbau von 45-50%. Ein Kunstrasen mit Elastikschicht ca. 60-65%. Warum sollte er dann härter sein, Frau Ziemke? Das die Ermüdung höher ist, liegt auch am höheren Kraftabbau. Die Spieler/-in muss mehr Krft aufwenden um "vorwärts" zu kommen als auf einen Naturrasen.

  • Gärtner am 10.06.2015 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Die Harke dem Untergrund anpassen

    Ist jemand der diskrimminierten Frauen schon auf die Idee gekommen, seine Stollen gegen einen Tausendfüsser auszutauschen? Und zudem macht der Kunstrasen das Spiel nur etwas schneller, so dass auch Frauenfussball einigermassen so spannend wie eim 2. Liga Spiel in der Schweiz wird.

  • Grassschmöcker am 10.06.2015 08:20 Report Diesen Beitrag melden

    Kunstrasen Naja

    Ich finde es gut das ein Verein ein Kunstrasen zur Verfügung hat, im Falle einer mehr tägigen Regenschauer, welche denn Naturrasen unbrauchbar macht. Aber nichts desto trotz sollte der Kunstrasen nur eine Ausweichmöglichkeit sein und nicht eine Dauerlösung wie z.b bei der Frauen WM 2015.

  • Boss am 10.06.2015 07:55 Report Diesen Beitrag melden

    Fussball

    Ich selber als Junioren-Fussballspieler spiele viel lieber auf Naturrasen. Bei warmen Temperaturen kann man kaum mehr auf dem Kunstrasen spielen und der Rücken schmerzt nach einiger Zeit. Deshalb ist mir Naturrasen viel lieber.

  • Mättu am 09.06.2015 22:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Yeah

    Ah bitte als ob es eine Rolle spielt, auf welcher Unterlage die Frauen ihr "Talent" zum Besten geben. Es langweilt über den Bildschirm hinaus... und ist nicht zuzuschauen. Lustig ist der Vergleich vom Wochenende, zuerst Championsleage-Finale und dann die Frauen WM.