Klimabericht

26. September 2019 09:21; Akt: 02.10.2019 13:40 Print

«Der Meeresspiegel wird auch nach 2100 steigen»

Bis 2100 wird der Meeresspiegel um mindestens 43 Zentimeter ansteigen. Wieso das so ist und was die Folgen sind, erklärt Thomas Frölicher von der Uni Bern.

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Der neu veröffentlichte Bericht des Weltklimarates (IPCC) zeichnet ein düsteres Bild. Demnach wird der Meeresspiegel bis 2100 um 43 bis 84 Zentimeter steigen. Gletscher weltweit verlieren zwischen 2015 und 2100 bis 36 Prozent ihrer Masse, jene in Europa gar über 80 Prozent. Bis Ende 2100 gelangen Dutzende oder gar Hunderte von Gigatonnen als Kohlendioxid oder Methan in die Atmosphäre und heizen das Klima weiter auf. Allein die Schäden durch Überschwemmungen werden jährlich auf das 100- bis 1000-fache ansteigen. Bei weiterhin hohen Treibhausgas-Emissionen könnten bis 89 Prozent der wenig tiefen Permafrostböden auftauen und damit an Stabilität einbüssen. Im gesamten Alpenraum wird seit den 1980er-Jahren ein starker Gletscherschwund beobachtet. Dieser steht in direktem Zusammenhang mit den erhöhten Treibhausgasemissionen und dem dadurch verursachten globalen Temperaturanstieg. Seit 1870 ist der Aletschgletscher bereits um drei Kilometer zurückgegangen. Wegen der Gletscherschmelze werden im Aletschgebiet Hänge instabil. Auf der italienischen Seite des Mont Blanc drohen wegen Erwärmung Teile eines Gletschers einzustürzen. Wo zur Jahrtausendwende noch der Silvrettagletscher im Kanton Graubünden die Landschaft bedeckte, hat sich durch den Gletscherschwund ein See gebildet. Eine Tafel beim Morteratschgletscher im Kanton Graubünden weist auf den Rückgang des Gletschers seit 1900 hin. Der Findelgletscher im Kanton Wallis hat seit 1850 rund einen Drittel seiner Masse verloren. Der Rhonegletscher dürfte Berechnungen zufolge 2100 nicht mehr existieren. Für den Pizolgletscher im Kanton Sankt Gallen fand im September 2019 eine Trauerfeier statt. Die Gletscherzunge mit dem Namen Unterer Grindelwaldgletscher im Kanton Bern ist seit wenigen Jahren komplett verschwunden.

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Der Weltklimarat IPCC hat am Mittwoch einen Bericht zur Eisschmelze und den Ozeanen vorgestellt. Darin warnt er nicht nur vor einer Gletscherschmelze und dem Auftauen der Permafrostböden, sondern sagt auch voraus, dass der Meeresspiegel bis 2100 zwischen 43 und 84 Zentimeter ansteigen wird. Was das für die Welt bedeutet, erklärt Tomas Frölicher von der Universität Bern im Interview.

Herr Frölicher, der Weltklimarat geht bis 2100 von einer Erhöhung des Meeresspiegels zwischen 43 und 84 Zentimeter aus. Woraus ergibt sich diese Spanne?
Dabei gehen wir von zwei Szenarien der Treibhausgaskonzentration aus. Das erste Szenario sieht vor, dass wir die Klimaziele des Übereinkommens von Paris erreichen werden und die Erwärmung auf 2° Celsius gegenüber vorindustriellen Werten begrenzen können.
Das zweite Szenario basiert auf der Annahme, dass wir weitermachen wie bisher und den Temperaturanstieg nicht eindämmen können.

2100 ist noch weit entfernt. Werden wir an den Meeresküsten schon vorher etwas spüren?
Ja. Die Häufigkeit von Extremwasserständen, also Sturmfluten, wird dramatisch zunehmen. Ereignisse, wie sie bisher einmal in hundert Jahren vorkamen, werden in den meisten Regionen der Welt bis 2050 jährlich wiederkehren. Tropische Wirbelstürme werden zwar auch künftig Europas Küsten nicht heimsuchen, doch auch normale Stürme, wie es sie heute schon gibt, werden zu extremen Überflutungen führen, wenn der Meeresspiegel schon grundsätzlich höher ist.

Können wir künftig noch in Italien oder Spanien Badeferien machen? Oder verschwinden die Strände?
Es wird sicher zu einer erhöhten Erosion in den Küstengebieten kommen. Aber die Strände werden nicht alle verschwinden. Einige Megastädte wie etwa Jakarta oder New York werden durch den Anstieg des Meeresspiegels schon Probleme bekommen.

Was bedeutet der Klimawandel neben einem Anstieg des Meeresspiegels für die Weltmeere?
Im Bericht wurde erstmals festgehalten, dass es auch ozeanische Hitzewellen gibt. Hitzewellen im Ozean sind das Pendant zu den uns bekannten Hitzewellen auf dem Land. Diese ozeanischen Hitzewellen werden stark zunehmen in Zukunft. Zudem versauern die Ozeane, da sie immer mehr mit CO2 angereichert werden. Zurzeit nehmen die Ozeane etwa einen Viertel des weltweiten CO2-Ausstosses auf. Schliesslich nimmt auch der Sauerstoffgehalt der Meere ab, da die Erwärmung dazu führt, dass sie sich weniger durchmischen. Alle diese Faktoren bedrohen die Ökosysteme der Meere.

Werden die Fische aussterben?
Global werden die Fischbestände pro Grad Anstieg um 3 Prozent abnehmen. Allerdings gibt es regionale Unterschiede. In den Tropen werden die Bestände zurückgehen, weil es zu warm ist, während sie im Norden, wo das Wasser kälter ist, sogar ansteigen können.

Die Schweiz ist weit vom Meer entfernt. Welche Auswirkungen werden wir hierzulande vom Anstieg des Meeresspiegels zu spüren bekommen?
Der Ozean nimmt so viel Wärme und CO2 auf, dass er auch das Wetter bei uns beeinflusst, was vielen Leuten nicht bewusst ist. Würde er das nicht tun, wäre es auch bei uns viel wärmer. Doch die Effizienz des Ozeans nimmt mit der Erwärmung ab, da er sich weniger durchmischt. Er kann künftig weniger CO2 aufnehmen. Dadurch wird wiederum der Treibhauseffekt verstärkt.

Angenommen, wir würden das Klimaziel von Paris erreichen, wird der Meeresspiegel wirklich bis 2100 um mindestens 43 Zentimeter ansteigen?
Ja, denn der Anstieg wird nicht einfach aufhören, wenn wir die Erwärmung begrenzen. Der Anstieg wird weitergehen, auch über 2100 hinaus. Der Ozean ist im Vergleich zur Atmosphäre ein sehr langsames System, das sehr lange Zeit braucht, bis es wieder ins Gleichgewicht kommt.

Sind Sie persönlich zuversichtlich, dass die Menschheit im Bezug auf die Erderwärmung die Kurve noch kriegt?
Ich bin vorsichtig optimistisch, denn das Thema ist im Moment allgegenwärtig. Vor zwei, drei Jahren war ich noch eher pessimistisch. Aber jetzt tut sich was. Doch es eilt. Um die Risiken zu minimieren, müssen wir unsere gesamte Gesellschaft innerhalb der nächsten Jahrzehnte dekarbonisieren. Das ist eine Riesenherausforderung.

(jcg)