Vor 25 Jahren

09. November 2014 08:46; Akt: 09.11.2014 12:02 Print

«Die Mauer ist weg!»

von J.-C. Gerber - Die Mauerfall war der Höhepunkt des Wendejahres 1989. Er mochte sich seit Längerem angekündigt haben und doch kam er für die Direktbetroffenen aus heiterem Himmel.

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Am 9. November 1989 ging für Millionen Deutsche ein Traum in Erfüllung. Die innerdeutsche Grenze, die Familien und Freunde über Jahrzehnte trennte und an der so viele Menschen starben, fiel. Dass der Mauerfall am Abend des 9. November 1989 geschah, ist diesem Mann zu verdanken. Günter Schabowski verlas kurz vor 19.00 Uhr die neue Ausreiseregelung vor den Medien und verkündete, dass sie ab sofort gelte. Das war ein Irrtum, denn eigentlich sollte sie erst einen Tag später in Kraft treten. Die Bürger der DDR kümmerte das wenig. Nach anfänglichem Zögern strömten sie zu den Grenzübergangsstellen und verlangten die Ausreise, was die Grenzbeamten völlig unvorbereitet traf. Im Laufe des Abends wurde aber auch dem hartnäckigsten Grenzer klar, dass der Visumzwang, wie er in der Ausreiseregelung eigentlich vorgesehen war, nicht mehr durchgesetzt werden konnte. Um Mitternacht waren alle Grenzübergänge in Berlin offen. Um diese Zeit begannen auch die ersten Menschen, zuerst nur von Westen her, die Mauer zu besteigen. Bald kletterten die Menschen auch aus dem Osten auf die Mauer, die in dieser Nacht ihre Bedeutung verloren hatte. Etwa 50'000 DDR-Bürger besuchten in dieser Nacht Westberlin und sorgten zusammen mit ihren Mitmenschen aus dem Westen für Volksfeststimmung. Schon bald setzten auch die Trabant-Kolonnen Richtung Westen ein, die zu einem Symbol für den Mauerfall wurden. Hier nahm alles seinen Anfang: Am 27. Juni 1989 durchtrennten der ungarische Aussenminister Gyula Horn (rechts) und sein österreichischer Ammtskollege Alois Mock den Grenzzaun zwischen den beiden Ländern. Die Folge war eine Massenflucht von DDR-Bürgern über Ungarn und später die Tschechoslowakei, was schliesslich das SED-Regime in Ostberlin in die Knie zwang.

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Es ist 18.57 Uhr am 9. November 1989, als Günter Schabowski, Regierungsprecher der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), im Internationalen Pressezentrum in Ostberlin die Worte vorliest, auf die 16 Millionen Ostdeutsche jahrzehntelang gewartet haben. «Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.» Die Passage stammt aus der neuen Ausreiseregelung, die das SED-Regime am Nachmittag beschlossen hat.

Was Schabowski aber nicht weiss: Die Regelung hätte erst am Folgetag veröffentlicht werden sollen. Doch das hat ihm niemand gesagt und so antwortet er auf die Frage eines Reporters, wann die Regelung in Kraft trete, mit dem berühmtesten Stammelsatz der jüngeren deutschen Geschichte: «Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.» Die Sensation ist perfekt und wird sofort über alle Kanäle verbreitet, auch im Osten. Und dort geschieht – nichts.

Die Strassen Ostberlins bleiben vorerst leer. Den Reportern der Westberliner Radios bleibt nichts anderes übrig, als zu rapportieren, dass es in der Hauptstadt der DDR keine Feiern und kein Feuerwerk gebe. Denn obwohl seit dem Sommer zehntausende DDR-Bürger durch die löchrigen Grenzen der ČSSR und Ungarns in Westen geflohen sind, kommt die neue Ausreiseregelung für die Daheimgebliebenen aus heiterem Himmel.


Günter Schabowskis folgenschwere Worte. (Video: Youtube/dahast de)

Konfusion an der Grenze

Es ist schon gegen 20 Uhr, als vereinzelt erste DDR-Bürger an den Grenzübergangsstellen Ostberlins auftauchen, wo sie von westlichen Kamerateams empfangen werden. Ungläubig und verunsichert, fast scheu nähern sie sich den Orten, die für sie jahrzehntelang dicht waren. Doch noch immer können sie nicht in den Westen. Denn endgültig ausreisen darf inzwischen zwar jeder, doch wer auch wieder zurückwill, braucht Reisepass und Visum.


Tiefes Unverständnis bei DDR-Bürgern vor den Grenzübergangstellen (Video: Youtube/Flachelay1)

Die Menschen aber, die an jenem Abend nach Westen drängen, haben für diese Regelung kein Verständnis. Sie wollen alle wieder zurück. Sie haben ihr Leben im Osten und – wie viele betonen – ihren Beruf. Schliesslich ist der 9. November 1989 ein Donnerstag und am nächsten Morgen ruft wieder der Arbeitsalltag. Wieso sollen sie also schlechter gestellt sein als diejenigen, die der DDR für immer den Rücken kehren wollen? Sie skandieren «Wir kommen wieder», um die Grenzbeamten zum Einlenken zu bewegen.

Auch im Westen werden Parolen gerufen. Beim Brandenburger Tor haben sich neben einem grossen Medienaufgebot einige Dutzend Menschen versammelt, die «Tor auf, Tor auf!» über die Mauer rufen. Doch noch tut sich an vielen Grenzübergängen nichts. Die DDR-Grenzer sind mit der Situation hoffnungslos überfordert. Sie waren es gewohnt, die Menschen einzusperren, und nun sollen sie sie plötzlich ziehen lassen. Einer der ersten Ostdeutschen, die die Grenze passieren können, beschreibt die Beamten als «völlig fassungslos. Die wissen gar nicht, was sie machen sollen.»

Immer mehr Menschen kommen

Wie chaotisch die Lage ist, zeigt sich daran, dass jeder Grenzübergang die Ausreiseregelung etwas anders auslegt. Während zum Beispiel an der Sonnenallee die Menschen bereits problemlos – nur mit dem Personalausweis – über die Grenze gelassen werden, bleibt der Checkpoint Charlie vorerst dicht. Das DDR-Fernsehen betont um 22.30 Uhr noch einmal, dass Reisen vorher beantragt werden müssten.


In den Tagesthemen der ARD ist man sich der Bedeutung des Abends bewusst. (Video: Youtube/xy01)

Der Aufruf verpufft ungehört. Nach und nach setzt sich auch bei den hartnäckigsten Volkspolizisten die Erkenntnis durch, dass sie den Visumszwang angesichts der immer grösser werdenden Menschentrauben vor den Übergängen vergessen können. So muss der Kommandant des Übergangs Bornholmerstrasse schliesslich eingestehen, dass der Visumszwang zwar weiter bestehe, dass aber «aufgrund der hier entstandenen Situation [...] keinerlei strafrechtliche Relevanzen in Kraft treten werden». Damit gibt er indirekt den Startschuss für eine Partynacht, wie sie Berlin noch nie gesehen hatte. Um Mitternacht stehen alle Schlagbäume offen.

Erstürmung der Mauer

Tausende DDR-Bürger ziehen nun über die Grenze, wo sie von den Bewohnern der Westsektoren mit überschwänglicher Freude empfangen werden. Sektkorken knallen und Freudetränen fliessen. Und die DDR-Bürger kommen nicht nur zu Fuss, erstmals wird auch der Westen der Stadt vom bläulichen Rauch der Trabbi-Zweitaktmotoren eingenebelt. Auch der Appell des regierenden Bürgermeisters von Westberlin, Walter Momper, der die Ostberliner auffordert, erst «morgen oder übermorgen» zu kommen, wird ignoriert. Bilder entstehen, die sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschen in Europa brennen.

Die unvergesslichsten Bilder überhaupt entstehen aber bei der Erstürmung der Mauer. In den 28 Jahren seiner Existenz ist der «antifaschistische Schutzwall» zum herausragenden Symbol für das menschenverachtende Regime des Unrechtstaats DDR geworden. Jetzt ist seine Zeit abgelaufen. Und während auf dem Kurfürstendamm längst Volksfeststimmung herrscht, beginnen ab etwa 23.30 Uhr die Ersten, am Brandenburger Tor auf die Mauer zu klettern – von Westen her. Anfänglich versuchen DDR-Grenzer noch, sie mit Wasserschläuchen von dort zu vertreiben. Doch bald schon steigen die Menschen auch von Osten her auf die Mauer und aus abertausenden Kehlen klingt der Ruf in die Nacht «Die Mauer ist weg! Die Mauer ist weg!»


Fünfminütiger Zusammenschnitt einer historischen Nacht. (Video: Youtube/schuette64128)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Berliner am 09.11.2014 09:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    9. November

    Ich bin selber Berliner, was dieser grossartige Tag und der darauf folgende Fall der Mauer für uns einfache Bürger bedeutet hat, können wohl diejenigen Schweizer die hier so unqualifizierte Kommentare hinterlassen , nicht nachvollziehen! Hauptsache irgendetwas nörgeln!!

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  • Melanie am 09.11.2014 10:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glückwunsch Berlin

    Es ist immer noch so emotional diese Bilder zu sehen, ich bin ein Kind aus der DDR und mich berührt es heute noch... Berlin wird wieder Berlin und vom einen Schlag ist alles anders...

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  • RSF am 09.11.2014 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glückwunsch

    Und wann fallen die Mauern in den Köpfen einiger Mitmenschen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Reto Kunz am 10.11.2014 08:41 Report Diesen Beitrag melden

    Die Mauer ist weg - Leider

    Vor dem Mauerfall gab es nicht annähernd so viele Verbrecher, Einbrüche und Gewalt wie danach. Ich sehe den Mauerfall als einen grossen Fehler der Geschichte. Viele Westdeutsche wünschen sich die Mauer zurück, ging es ihnen ohne dem Osten doch viel besser. Heute wird das Geld in den Osten gepumpt und der Westen Deutschlands vernachlässigt. Kein Wunder bei einer Ossi-Kanzlerin.

  • Tim Lowe am 10.11.2014 06:48 Report Diesen Beitrag melden

    Grosses Ereignis - wunderbar

    Eines der grossen Ereignisse der (jüngeren) Geschichte. Wunderbar, berührend und einfach schön. Als ich die Bilder gestern wieder im Fernseher sah kamen mir die Tränen. Keine andere Stadt hat mich so berührt wie Berlin. Die Atmosphäre, die offenen und herzlichen Leute, die modernen Gebäude... die Geschichte. Einfach unglaublich. Der Mauerfall hat bewiesen, dass alles möglich ist.

  • Michael am 10.11.2014 06:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wirklich gut?

    Ob der Mauerfall jetzt nun für die Betroffenen und Beteiligten wirklich was Gutes war, ist nicht bewiesen. (Lohn- und Preisdumping durch Ostfirmen und Ostbuerger, volkswirtschaftlichen Ungleichgewicht in Europa und viele Gründe mehr) Also immer zwei Seiten betrachten.

  • freund am 10.11.2014 06:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    europär

    obwohl ich kein deutscher bin, hauen mich diese bilder fast aus den socken. gratulation den mutigen berliner! hut ab!!!

  • Beton am 10.11.2014 05:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut. oder schlecht

    Und wie viele wünschten sich. die Mauer stehe wieder oder würde aufgebaut?