Vorlesetag

21. Mai 2019 11:18; Akt: 21.05.2019 11:54 Print

Soll man auf Hochdeutsch oder Mundart vorlesen?

von Fee Riebeling - Einst als sinnloser Zeitvertreib verpönt, wird Vorlesen heute angepriesen – aus gutem Grund.

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Wem als Kind regelmässig vorgelesen wurde, der liest selbst häufiger und intensiver und deshalb auch besser. Das haben Studien gezeigt. Für Kinder ist aber nicht nur das Vorgelesen-Bekommen wichtig, sondern auch das Selbstvorlesen. Ideale Zuhörer sind übrigens Hunde. Sie geben Kindern, die sich mit dem Vorlesen schwertun, Selbstvertrauen. So oder so: Vorlesen ist wichtig. Das wissen auch die 20-Minuten-Redaktoren, die auch heute noch spontan ihr Lieblingsvorlesebuch nennen können, wie die nächsten Slides zeigen. Living-Redaktorin Meret Steiger bekam am liebsten aus Hans Fischers «Pitschi» vorgelesen. Der Grund: «Ich fands toll, dass der ängstliche Pitschi am Schluss sehr mutig geworden ist. Und das Buch hat aufgezeigt, dass man zwar viele Dinge ausprobieren kann, am Ende aber damit zufrieden sein kann, was man hat beziehungsweise ist.» Bei Fee Riebeling, Redaktorin Wissen, stand dagegen Otfried Preusslers «Der kleine Wassermann» hoch im Kurs. Darin erlebt der kleine Wassermann jede Menge Abenteuer in dem Weiher, in dem er lebt. «Damit war er für mich eine Art Vorbild. Denn bis heute kann ich mir keinen besseren Ort als die Küste zum Leben vorstellen.» Für Jean-Claude Gerber, Leiter Digital/Wissen, waren in der Primarschule die Freitage stets ein Highlight. Denn da las die an und für sich strenge Lehrerin immer aus «Die Turnachkinder» vor – auf Mundart, obwohl es in Schriftsprache verfasst war. «Da waren wir immer alle ganz andächtig, es war die schönste Zeit der Schulwoche.»

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Frau Jakob, Lesen und Vorlesen galten einst als sinnlos, heute als essenziell. Was ist passiert?
Die Beschäftigung mit Büchern war den oberen Schichten vorbehalten. Das ist heute – in unseren Breitengraden – anders. Lesen ist wohl die wichtigste Kulturtechnik.

Hinzu kommt: Damals hat man vor allem Unterhaltungsliteratur gelesen. Das diente dem Zeitvertreib. Heute muss man lesen können, um in der Gesellschaft zu bestehen. Wie sollte man sonst an Informationen kommen und sich darin orientieren?

Was hat Vorlesen damit zu tun?
Es sorgt dafür, dass schon die Kleinsten erleben, dass Lesen etwas Spannendes ist. Wer weiss, dass zwischen zwei Buchdeckeln etwas Spannendes stecken könnte, der will das wieder und wieder. So entwickelt sich Lesefreude.

Wie vermittelt man den Spass am Lesen am besten?
Indem man zeigt, dass man selbst Freude daran hat – und dass man grosses Interesse an der Person hat, der man vorliest. Denn Vorlesen funktioniert stark auf der Beziehungsebene.

Was heisst das?
Es gibt verschiedene Arten von Vorlesen. Zum Beispiel das klassische Vorlesen, bei dem man Kindern unkommentiert vorliest. Dabei hören diese mehrheitlich nur zu. Der Genuss der Geschichte steht im Vordergrund. Gespräche finden eher im Anschluss statt.

Beim dialogischen Vorlesen dagegen entdecken Vorleser und Zuhörer eine Geschichte gemeinsam. Das Kind bringt sich ein und wird selbst sprachlich aktiv. Wichtig ist dabei, dass man sich vom Kind und seinen Interessen leiten lässt.

Idealerweise erleben Kinder beide Formen, durch verschiedene Personen, zu Hause und in der Schule. In beiden Fällen ist das Vorlesen eine Art Startrampe für vieles, was man im Leben braucht.

Wofür?
Für die Fantasieentwicklung, das Vorstellungsvermögen und auch die emotionale Entwicklung. Das Kind merkt, es ist mit seinem Gefühl nicht allein. All das plus die sprachliche Herausforderung sind eine kognitive Herausforderung. Das führt dazu, dass Kinder in ganz vielen Bereichen aktiviert werden und vorwärtskommen.

Kann ein gemeinsam geschauter Film das Vorlesen ersetzen?
Nur beschränkt. Ein Film interagiert ja nicht mit dem Zuschauer, genauso wenig wie ein Hörbuch. Man kann zwar alles unterbrechen und dann mit einer anderen Person interagieren, aber das ist alles viel künstlicher als eine spontane Gesprächssituation, die sich aus dem Vorlesen ergibt.

Was muss man beim Vorlesen beachten?
Zentral ist, dass sich der Vorleser für seine Zuhörer interessiert. Beim letzten Vorlesetag hat Gilbert Gress einer Gruppe 10-Jähriger vorgelesen – aus seiner Autobiografie. Da hab ich gedacht: ‹Das wird nix!› Aber es war überhaupt kein Problem. Er las vor, wie er damals barfuss getschuttet hat. Dann hat er die Kinder angeschaut und gefragt: ‹Gell, das kennt ihr nicht. Ihr habt alle Turnschuhe?› Dann hat ein Gespräch begonnen, an dem sich alle beteiligt haben. Gress hat die Kinder richtig abgeholt.

Wie lange sollte man seinem Nachwuchs am Stück vorlesen?
Ein guter Vorleser orientiert sich am Interesse der Kinder. Es gibt zwar Empfehlungen, die sich an der bekannten Aufmerksamsspanne von Kindern orientieren, aber in erster Linie geht es darum, miteinander in Kontakt zu sein. Man darf auch nicht irritiert sein, wenn sich Kinder mittendrin abwenden. Das zeigt nur, dass es für dieses Mal reicht oder dass die Geschichte für das Kind im Moment nicht so spannend ist.

Wie findet man die richtige Lektüre fürs Kind?
Man sucht sie gemeinsam mit dem Kind aus. Kinder können schon relativ früh herausfinden, was ihnen gefällt. Super geeignet sind dafür Bibliotheken.

Und wenn der Nachwuchs immer und immer wieder dieselbe Geschichte hören will?
Das ist ein ganz deutliches Zeichen dafür, dass das Kind noch nicht mit der Geschichte abgeschlossen hat – und dass das Kind bereits Lesekompetenz erlangt hat. Es hat die Geschichte so intus, dass es weiss, wie sie verläuft und sich auf das freut, was kommt.

Sollte man auf Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch vorlesen?
Auch hier sollte man sich vom Kind leiten lassen. Häufig sind aber gerade jüngere Kinder bereit, Schriftsprache zu hören, weil sie gemerkt haben, dass die Grossen sie öfter mal benutzen. Das wollen sie dann auch. Die Angst der Erwachsenen, dass die Kleinen das nicht verstehen, ist in der Regel unbegründet. Klar sind einzelne Wörter neu. Aber im Leben eines kleinen Kindes sind jeden Tag viele Dinge neu. Und ohne all die neuen Impulse entwickelt sich ein Kind nicht.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bea am 21.05.2019 12:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beides

    Ich habe meine Enkelinnen immer wieder gefragt, ob sie die Geschichte im Mundart oder Hochdeutsch hören wollen. Ab einem gewissen Alter wurde Hochdeutsch gewünscht. Das Gschichtebuch war in Hochdeutsch, aber es ist ja nicht schwer, die Geschichte fliessend in Mundart zu übersetzen, finde ich.

  • knurry am 21.05.2019 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    ich lese hochdeutsches

    und spreche immer gleich alles berndeutsche aus, meine kids liebten es jeden abend ein ganzes märchenbuch so vorgelesen zu bekommen, bis sie gross waren...

  • Thomas am 21.05.2019 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Echt jetzt?

    Wann war jemals Vorlesen verpönt?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Anonym am 29.05.2019 17:22 Report Diesen Beitrag melden

    Gar nicht

    Mir ist mal vor vielen Jahren von einem Gof im Dialekt gesagt worden "Tu bitte im richtige Dütsch vorläse". Dem Gof habe ich nie mehr vorgelesen und mache das auch nicht mehr.

  • Das eine schliesst das andere nicht aus am 24.05.2019 07:32 Report Diesen Beitrag melden

    beide Varianten

    Wie wäre es mit einem Kompromiss? Erzählen in Mundart, doch das Vorlesen in Schriftdeutsch. Es sind auch für Schweizer Erwachsene gute Übungen um besseres Deutsch zu sprechen.

  • Children see, Children do am 23.05.2019 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    aus purem Neid

    Ich bin eine Leseratte geworden weil meine Mutter eine ist. Ich war als kleines Kind immer ganz neidisch, dass sie und meine älteren Geschwister diese Zeichen entziffern und die Geschichten quasi erleben konnten. Immer wenn mir jemand etwas vorlas dachte ich: ich will das auch können! Es wurde mir also vorgelebt, dass Lesen etwas tolles ist. Kinder imitieren ihre Vorbilder mit Begeisterung, wenn man also mit gutem Beispiel vorangeht ist das schon die halbe Miete. Da mein Ehemann auch ein Bücherwurm ist mache ich mir um unsere eigenen Kinder wenig Sorgen.

  • Stotterer am 22.05.2019 15:44 Report Diesen Beitrag melden

    ich hatte mein Leben lang

    Mühe mit dem Vorlesen. Durch die Kinder hatte ich völlig stress- und druckfrei die Möglichkeit zu üben.

  • Martin am 22.05.2019 11:01 Report Diesen Beitrag melden

    Beides geht

    Für kleine Kinder sicherlich nur Mundart. Aber ab der ersten Klasse kann man auch mit Hochdeutsch beginnen, damit sie dann in der 3. Klasse - wenn Hochdeutsch auch in der Schule gesprochen wird - sie schon gewisse Erfahrung darin haben und alles verstehen. Wichtig ist einfach, dass es beibehalten wird, dass in der 1. und 2. Klasse noch mundart gesprochen wird.