Problem erkannt

09. Oktober 2013 20:44; Akt: 10.10.2013 16:49 Print

«Nutztiere bekommen zu viele Antibiotika»

von J.-C. Gerber - Trotz Resistenzenbildung wird in der Tierzucht immer noch massiv auf Antibiotika gesetzt. Weshalb das so ist, erklärt Adrian Steiner von der Vetsuisse-Fakultät anhand der Kälbermast.

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Bei einem Test der Stiftung für Konsumentenschutz wurden in 19 von 40 Poulet- und Truthahnfleisch-Produkten antibiotikaresistente Keime entdeckt. Doch das Problem ist längst nicht nur auf die Geflügelzucht beschränkt. So haben Forscher der Universitäten Bern und Zürich in einer aktuellen Studie bei 48 von 571 getesteten Schlachtrindern antibiotikaresistente Bakterien gefunden. Weshalb Antibiotika trotzdem nicht so schnell aus Nutztierhaltung verschwinden werden, erklärt Professor Adrian Steiner von Vetsuisse-Fakultät.

Herr Steiner, wie werden beim Kalb Antibiotika eingesetzt?
Adrian Steiner: Man unterscheidet drei Arten der Abgabe von Antibiotika. Im Zuge einer Therapie werden kranke Tiere behandelt. Bei der Metaphylaxe werden Antibiotika an die ganze Mastgruppe verabreicht, wenn bereits einige Kälber an einer Atemwegserkrankung leiden und man annehmen muss, dass sich die anderen Tiere auch angesteckt haben. Von Prophylaxe spricht man, wenn gesunden Tieren zur Vorbeugung einer Infektion Antibiotika verabreicht werden.

Weshalb können auch gesunde Tiere Antibiotika erhalten?
Im Zuge einer Vorbeugung soll so verhindert werden, dass sie krank werden.

Wie ist die Abgabe von Antibiotika bei Nutztieren geregelt?
Die Tierarzneimittelverordnung beschreibt die Regeln bei der Abgabe von Medikamenten für Nutztiere. Sie erlaubt eine gewisse Vorratsabgabe an Antibiotika, die der Mäster etwa zur Prophylaxe einsetzen kann. Dafür muss aber eine Tierarzneimittelvereinbarung zwischen Tierhalter und Veterinär vorliegen.

Gibt es einen Druck von Seiten der Züchter, dass der Tierarzt eine grosse Menge Antibiotika verschreibt, damit möglichst wenige Tiere sterben?
Auch der Tierarzt will, dass keine Tiere leiden müssen oder gar sterben. Deshalb verschreibt er Antibiotika, wenn es für das Tierwohl unumgänglich ist.

2012 wurden in der gesamten Nutztierhaltung fast 57 Tonnen Antibiotika eingesetzt. Das bedeutet für Mastkälber, dass sie an 34 Tagen ihres rund 100-tägigen Lebens Antibiotika-Milch erhalten. Weshalb werden Antibiotika immer noch so grossflächig eingesetzt, obwohl man weiss, dass dies zur Bildung von Resistenzen führen kann?
Dass Kälber einen Teil dieser Antibiotika erhalten, hat viel mit ihrer Haltung zu tun. Die Kälbermast hat sich über Jahrzehnte zu dem entwickelt, was sie heute ist. Das kann man nicht von gestern auf heute ändern.

Das Problem ist aber erkannt?
Ja, alle Akteure sind sich einig, dass zu viele Antibiotika in der Nutztierhaltung eingesetzt werden. Eine Taskforce von Bund, Tierhaltern, Veterinären und der gesamten Branche sucht gemeinsam nach Wegen, künftig den Antibiotika-Einsatz deutlich zu reduzieren.

Was muss getan werden?
Bei der Kälbermast muss das ganze System hinterfragt werden. Kälber kommen heute sehr früh von ihren Heimbetrieben in die Mastbetriebe und sind dann noch zu wenig widerstandsfähig. Die Kälber müssen deshalb besser vorbereitet werden. Sie sollten weniger weit transportiert und dabei weniger mit anderen Kälbern gemischt werden. Dann werden sie weniger krank in der Mast und müssen weniger Antibiotika schlucken.

Besser vorbereiten heisst, sie sollten länger bei der Mutter bleiben?
Ja, das ist auch eine Möglichkeit. Kälber in Mutterkuhhaltung sind deutlich gesünder. Ebenso Kälber, die auf ihrem Heimbetrieb, wo sie geboren wurden, gemästet werden. Doch nicht jedes Kalb kann so gehalten werden. Die Kälber von Milchkühen werden an Mastbetriebe abgegeben, weil Milchproduzenten nicht auch noch Mäster sein wollen. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten so eingebürgert. Hier müssen neue Ideen verfolgt werden.

Wie sieht die Zukunft aus? Wird die Antibiotikamenge reduziert werden?
Ja, da passiert etwas. Ich bin sicher, dass in den nächsten Jahren eine Verbesserung eintritt. Die Menge der eingesetzten Antibiotika beim Nutztier wird in den nächsten fünf Jahren noch einmal deutlich kleiner werden. Entscheidend ist vor allem, dass die für Menschen relevanten Typen der Fluoroquinolone, Cephalosporine der 3. und 4. Generation und Makrolide beim Nutztier nur noch in Notfällen eingesetzt werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Annie am 09.10.2013 21:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fleischkonsum heute, einfach KRANK!!!

    Leute esst weniger Fleisch!!! Produzenten geht zurück zur "normalen und natürlichen Produktion"!!!!!... 1/3 ihres Lebens wird den Kälbern Antibiotika reingestopft!! EINFACH NUR KRANK!!

  • Regula Huber am 09.10.2013 21:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir müssen beim Einkauf was ändern

    Wenn der Konsument beim Grossverteiler kein Fleisch mehr kauft sondern direkt zum Bauern mit Mutterkuhhaltung oder eigener Milchproduktion und Aufzucht geht und das Fleidch direkt ab Hof kauft ist schon sehr viel erreicht! Wir kaufen nur aus Mutterkuhhaltung und haben Topqualität! Und günstiger als beim Grossverteiler.

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  • A.W. am 09.10.2013 22:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Himmeltraurig

    Himmeltraurig was den Tieren angetan wird.Vorbeugend Antibiotika den Tieren füttern damit sie die schlechten Bedingungen bei der Tierhaltung bis zur Schlachtung überleben.Das Fleisch von solchen geschundenen Tieren macht die Menschen krank.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Walti am 10.10.2013 15:09 Report Diesen Beitrag melden

    Die Lösung des Problems!

    Wir brauchen kein Kalbfleisch, ja eigentlich überhaupt kein Fleisch. Stellt die Ernährung um auf pflanzliche Kost: Getreide, Obst, Gemüse! Das reicht.

  • Landmädchen am 10.10.2013 15:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel reden für nix

    Wegen den lebensmitteln machen alle immer gleich ein riiiiesen fass auf... Das ist unsere gesellschaft die solche probleme verursacht!!! Es führt einfach das eine zum andern!!! Pflanzt doch mal selber was an?! Haltet euch ein hausschweinchen?! Oder ein huhn?! Wir menschen wollen in einen laden und super wahren zum kleinen preis, es muss mehr produziert werden, so günstig wie möglich und dann kommen die krankheiten usw... Das gilt überall, ob gemüse, obst oder fleisch, ihr werdet nie wissen was drin ist ausser ihr tut es selbst... Und wer keine ahnung hat, informiert euch mal richtig...!

  • Pezzi am 10.10.2013 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Logische Konsequenzen

    Ich bin seit 10 Jahren Vegi und finde, jeder sollte für sich selber entscheiden, welche moralischen Grundsätze er befolgt. Aber es ist so lächerlich, wie viele der Fleisch Konsumenten realitätsferne Vorstellungen haben. Es ist ja wohl logisch, dass eine so hohe Fleischproduktion Konsequenzen haben muss, sei dies für die Umwelt oder die eigene Gesundheit! Erst wenn die Konsumenten zu Schaden kommen, gibt es wenigstens einen Funken Hoffnung für die Tiere.

  • Tier Freund am 10.10.2013 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    Esst kein Fleisch mehr

    Die armen Tiere werden nicht nur vollgepumpt, sondern meistens auch eingesperrt. Nur noch Vegie-menues in den Kantinen! Zum Wohle der (AUS-) Nutztiere welche KZ-mässig gehalten werden. Gemästet = Gequält. Veganer oder mind. Vegetarier sollten wir alle werden!

  • dimi f am 10.10.2013 12:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir alle sind betroffen

    kauft biologisch und mit dem kopf. die resistenten bakterien werden uns allen zum verhängniss. was wenn kein antibiotikum mehr wirkt? hallo mittelalter. menschen sterben ab einem kleinen schnitt in den finger