TV-Geschichte

19. Oktober 2012 07:17; Akt: 19.10.2012 11:42 Print

48 Nationalräte wetterten gegen «Emmanuelle»

von Daniel Huber - 1984 wollte das welsche Fernsehen «Emmanuelle» senden. Nach einem Proteststurm knickte die TSR ein – der Softporno mit Sylvia Kristel flimmerte dennoch über die Bildschirme.

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Sylvia Kristel war die Ikone der sexuellen Befreiung: Mit den Soft-Erotikfilmen der «Emanuelle»-Reihe war sie in den 70er-Jahren berühmt geworden. Sex im Flugzeug? Davon träumten bereits unsere Eltern und Grosseltern. Sylvia Kristel half bei der Visualisierung dieser weit verbreiteten Fantasie. Auch diese Szene ein Klassiker des Softpornos: Sylvia Kristel fantasiert als Emmanuelle in einem Korbstuhl in Hongkong - bis sie von einer Freundin auf den sanften Beckenboden der Realität geholt wird. Sylvia Kristel wurde am 28. September 1952 im niederländischen Utrecht geboren. Hier posiert sie Mitte der 70er-Jahre während der Filmfestspiele von Cannes vor dem «Carlton». Als Model und Schauspielerin machte sie sich beim breiten Publikum als Protagonistin der Softsex-Filmreihe «Emmanuelle» einen Namen. Teil 1 entstand 1974 und bereits ein Jahr darauf... ... wurde angesichts des überwältigenden Erfolgs der Folgefilm gedreht. Acht Jahre hielt sich «Emmanuelle» in den französischen Kinos. Die Handlung der ersten drei Teile: Die schöne Emmanuelle und ihr Gatte Jean führen eine offene Beziehung und suchen ihre Befriedigung... ... auch komplikationslos ausserhalb ihres Ehelebens. Ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gelangte Kristel durch den Wettbewerb «Miss TV Europe», den sie 1973 für sich entschied. Ihre Rolle in dem Kultfilm hatte aber auch Nachteile: In weiteren Filmen spielte sie immer wieder die laszive Frau. Die Titel ihrer Folgearbeiten sprechen für sich: Da wären... ... Streifen wie «The Nude Bom» (USA, 1980), «Lady Chatterley's Lover» (USA, 1982), «Mata Hari» (USA, 1985), oder «Casanova» (USA, 1987). 1995 machte sie für das französische Fernsehen sieben weitere «Emmanuelle»-Filme: Die Teile heissen etwa «Magique Emmanuelle», «L'Amour d'Emmanuelle» oder «La Revanche d'Emmanuelle». Ein böser Nackenschlag ihrer Jugend war der Verlust des Vaters, der mit ihrer Mutter ein Hotel in Utrecht führte. Als sie 14 Jahre alt, verliess ihr Papa die Familie für eine andere. Kristel hat eine zwei Jahre jüngere Schwester mit Namen Marianne. In ihrer Autobiographie schreibt sie später über jene Zeit: «Es war das Traurigste, was mir jemals passiert ist.» Die Folgen sind eklatant: Als Erwachsene sucht die Actrice eine Vaterfigur und nimmt sich vor allem ältere Männer. Ihre erste lange Beziehung führt sie mit dem 27 Jahre älteren belgischen Autor Hugo Claus (Bild), dem sie 1975 den gemeinsamen Sohn Arthur gebar. 1977 trifft sie bei den Dreharbeiten zum Film «Man behind the Mask»... ... den zehn Jahre älteren Schauspieler Ian McShane, für den sie Claus verlässt. Fünf Jahre hielt die Liaison, für die Kristel aber teuer bezahlen musste. Sie nimmt Kokain und wird drogenabhängig, weil sie in dem Stoff eher einen Muntermacher als eine Gefahr sieht. Eine der Folgen dieser Zeit spürte sie bis zuletzt: Damals... ... verkaufte sie ihre Filmbeteiligungen für den Spottpreis von 150 000 Franken an ihren Agenten, um ihre Sucht zu finanzieren. Ein ganz schlechtes Geschäft: Das Einkommen aus den Filmen beläuft sich auf 26 Millionen Franken. Zuletzt ... ... lebte Kristel übrigens in einfachen Verhältnissen in Amsterdam. Nach einer Fehlgeburt und dem Ende ihrer Beziehung mit McShane ... ... heiratete sie noch zwei Mal: Zum einen einen amerikanischen Geschäftsmann, zum anderen den Filmproduzenten Philippe Blot (Bild). Ihren Liebes-Frieden allerdings ... ... fand sie erst mit dem belgischen Radioproduzenten Fred de Vree, der einige Zeit vor ihr an Krebs gestorben ist. Angeblich hatte die Dame einen IQ von 164 und vier Schulklassen übersprungen. 2005 liess sich Kristel einen Kehlkopfkrebs entfernen. 2007 stellte sie ihre Autobiographie «Nue» (Nackt) vor, die auf Englisch unter dem Titel «Undressing Emmanuelle: A Memoir» erschien.

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Im Dezember 1984 schreckte Jean Dumur, der Programmdirektor des Westschweizer Fernsehens, das christliche und konservative Milieu in der Schweiz auf. Seine Ankündigung, in der Silvesternacht werde die TSR den berühmten Erotikfilm «Emmanuelle» ausstrahlen, brachte die Sittenwächter vom Genfer- bis zum Bodensee auf die Barrikaden.

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Neben traditionalistischen Katholiken und der erzkatholischen Vereinigung «Pro Veritate» des Moralapostels Bonaventur Meyer – der 1987 auch gegen die «Stop Aids!»-Kampagne Sturm lief – protestierten auch etablierte Politiker gegen das sündige Vorhaben der welschen TV-Macher. An ihre Spitze setzte sich der freisinnige Waadtländer Nationalrat Philippe Pidoux, damals 41 Jahre alt, der mit 47 Ratskollegen – darunter auch die Zürcher Freisinnige Vreni Spoerry – einen Beschwerdebrief an SRG-Generaldirektor Leo Schürmann schickte. Ein grosser Teil der Bevölkerung würde in seinen moralischen Überzeugungen verletzt, schrieb Pidoux.

Bischof ruft zu Gebührenboykott auf

SRG-Chef Schürmann aber blieb hart. Mitte Dezember versuchte der ehemalige Preisüberwacher und CVP-Nationalrat die Gemüter mit dem Hinweis zu beruhigen, der vorgesehene Zeitpunkt der Ausstrahlung ausserhalb des üblichen Programms um zwei Uhr nachts sowie ein Warnhinweis vor Sendebeginn, dass der Film für Jugendliche nicht geeignet sei, würden «hinreichende Gewähr dafür bieten, dass die Eltern ihre erzieherische Verantwortung wahrnehmen können».

Nun hagelte es Kritik für Schürmann. Der Bischof von Sitten und Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Monsignore Henri Schwery, zeigte sich «schockiert» darüber, dass ein solch gottloser Film über die Weihnachtszeit ausgestrahlt werde. Der Gottesmann liess es nicht bei dieser Kritik bewenden, sondern rief seine Schäfchen zur TV-Abstinenz und sogar zum Gebührenboykott auf.

Der Proteststurm zeigt Wirkung

In ungewohnter Allianz mit dem katholischen Klerus bezog auch die «Neue Zürcher Zeitung» gegen Schürmann Stellung und stellte der SRG ein «Armutszeugnis» aus. Das freisinnige Blatt bezeichnete «Emmanuelle» als «in seiner pseudoerotischen Herrenmagazinästhetik» nur auf den kommerziellen Erfolg ausgerichtetes «Machwerk», das von «jeder modernen Frau als Provokation empfunden werden» müsse. Schürmann, so mutmasste die NZZ, sei womöglich der «Beifall des sich zum Schirmherrn der Freizügigkeit erklärenden ‹Blicks› wichtiger» als die «ethischen Überzeugungen» vieler Zuschauer.

Der Proteststurm zeigte Wirkung: Am 21. Dezember knickte Jean Dumur ein und gab bekannt, dass der Erotikstreifen aus dem Programm geworfen werde. Man habe aber keinen Druckversuchen nachgegeben, liess die TSR wenig glaubwürdig verlauten, sondern «einen Beitrag zur Beruhigung leisten» wollen. Nationalrat Pidoux war erfreut. «Ich bin gegen jede Zensur», sagte der welsche Sittenwächter, «aber es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung, und ich glaube, dass es dem Fernsehen an Verantwortung gefehlt hätte, wenn es ‹Emmanuelle› an Silvester ausgestrahlt hätte.»

Ein Piratensender macht's möglich

«Emmanuelle-Video: Alle Kassetten vermietet», titelte der «Blick» am 29. Dezember. In der Tat hatte der Medienhype dem berühmt-berüchtigten Softporno massive Gratiswerbung verschafft. Doch nun schaute das Fernsehpublikum in der Romandie in die Röhre. Nicht aber in der Deutschschweiz: Der Zürcher Piratensender «Züri-Welle» strahlte den Streifen aus und speiste ihn in das Kabelnetz der Rediffusion ein. Dort lief er wie vorgesehen um zwei Uhr nachts, aber nicht über den TSR-Kanal, sondern über die Wellen des ersten österreichischen Fernsehens (damals FS 1, heute ORF 1). Möglich sei dieser infame Akt der Piraterie nur deshalb gewesen, weil FS 1 den Sendebetrieb um 1:30 Uhr einstellte und der Kanal daher frei war, berichtete der «Tages-Anzeiger» am 3. Januar 1985.

Wie viele Zuschauer in dieser Silvesternacht tatsächlich in Genuss des umstrittenen «Machwerks» kamen, lässt sich nicht mehr eruieren.

Der Trailer von «Emmanuelle» (Quelle: YouTube/aldymarzio)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Raul am 19.10.2012 08:21 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Frau die Sinne weckt

    Auch mich hat sie als 12 jährigen mit Haut und Haaren verführt. Ich träume immer noch von ihr. Sie war und ist der Inbegriff der freien, erotischen Frau, die es schafft, im Mann die Seite der wirklichen Leidenschaft zu öffnen. Ihr unwerfender Blick weckt im Mann nicht das Tier, sondern den Liebhaber im Taumel der puren, erotischen und emotionalen Lust. Sie bleibt unvergesslich.

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  • Phill am 18.10.2012 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Erotik

    Das war noch Erotik damals. Die heutigen Pornodarsteller kennen dieses Wort gar nicht mehr.

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  • eveline kuster am 19.10.2012 08:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    tv als vorbild?

    lieber eine emanuelle als irgend so ein abschlachtfilm in welchem alle paar Sekunden jemand ermordet wird. wundern sich die Politiker und die tv Zuschauer warum die Welt immer gewaltbereiter wird?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Roger S. am 19.10.2012 10:30 Report Diesen Beitrag melden

    Erinnerungen

    Schöner Beitrag! Jedes heterosexuelle männliche Wesen älter als zwölf Jahre kannte damals Emanuelle. Die Jungen von heute können sich kaum vorstellen wie anders damals alles war, wie viel träger und komplizierter. Kein Internet, keine Handys, nichts, adsolut nada. News musste man in der Zeitung lesen oder am Röhrenfernseher schauen, und Pornos waren nur auf Magnetband (Videokassetten) erhältlich. Man ging in die Videothek um sich einen Film auszuleihen, Pornovideos waren in einem speziellen Hinterzimmer, und natürlich war es jeweils unendlich peinlich einen Porno auf die Theke zu legen :-)

    • Mann am 19.10.2012 13:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Roger Träger und komplizierter??

      Meinst du das im Ernst?? Findest du die heutige NonStopVerfügbarkeit von Sex wirklich lebendig und unkompliziert?? Nun was den Jungen von heute wirklich entgeht, ist das Geheimnisvolle, das Reizvolle, das Kribbelnde, letztlich eben das Erotische! Das was du als kompliziert bezeichnest, war ja gerade das Spannende... um an einen Sexfilm zu kommen, musste man noch Aufwand betreiben und sorry, von wegen Peinlichkeit, aber ohne Peinlichkeit, kein Reiz und letztlich verliert Sex eben genau so die ganze Kraft, dass nichts mehr peinlich ist... traurig eigentlich!

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  • I.N.Truder am 19.10.2012 10:11 Report Diesen Beitrag melden

    Lief gegen «Stop Aids!»-Kampagne Sturm

    Heute, knappe 25 später, kaum denkbar. Worüber wir 2035 wohl nur kopfschüttelnd übrige haben werden? Die Naive Sicht auf Klimawandel, Energiepolitik, Ölverbrauch, Wolf, Bär, Kriege, Flüchtlinge? Niemand weiss es. Noch nicht!

  • r.buhl am 19.10.2012 09:32 Report Diesen Beitrag melden

    es war tatsächlich wunderschön

    und ich habe alle Filme von Emanuelle gesehen. Und im Gegensatz zu heute, mit viel Humor und Gefühl dabei.

  • terra am 19.10.2012 09:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    son zufall

    wau ist das ein zufall ich bin gestern beim stoebern auf kinox.to auf den film gekommen und hab ihn mal schnell durchgeswitchet.

  • enttäuschter Wähler am 19.10.2012 08:57 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist heute noch so

    Politiker waren früher so und sind es heute noch. Früher in dutzenden VR und so ist heute noch, also keine Vorbilder