«Unstatistik des Monats»

09. September 2018 11:43; Akt: 09.09.2018 11:43 Print

Alkoholrisiko ist geringer, als Studie behauptete

Statistiker bezeichnen eine im Fachjournal «The Lancet» publizierte Studie als «Unstatistik des Monats» – wegen falsch ausgewiesener Zahlen.

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Für viele Menschen gehört zu einer richtigen Party auch Alkohol dazu. Bevor man allerdings kräftig zulangt, ... ... sollte man sich bewusst machen, dass Alkohol, genauer gesagt Ethanol, als Gift gilt: 2007 wurde der Stoff von der WHO als potenziell krebserregend eingestuft. Ausserdem soll er nach bisherigem Kenntnisstand für über 300 Krankheiten und Organschäden verantwortlich sein. Doch wie so oft gelten auch hier die viel zitierten Worte des Schweizer Mediziners Paracelsus (1493–1541), der frei übersetzt sagte: «Die Dosis macht das Gift.» Soll heissen: Gegen Alkohol spricht nichts, solange er massvoll getrunken wird. Doch bereits seine Zeitgenossen schlugen seine Ermahnungen oft in den Wind. Die Alkoholkrise war so gross, dass der deutsche Reformator vor dem «Saufteufel» warnte. Auch wenn die Gelage heute in der Regel moderater ausfallen: Ganz unberechtigt war Luthers Warnung nicht, denn Alkohol beeinflusst so gut wie jedes Organ, wie die nächsten Bilder zeigen. Sofort nach dem ersten Schluck beginnt die Aufnahme ins Blut: Ein kleiner Teil gelangt über die Mundschleimhaut und die Speiseröhre direkt dorthin. Bis zu einem Viertel wird über die Magenschleimhaut aufgenommen. Der Rest gelangt über den Darm ins Blut. Nach rund zwei Minuten kommt der Alkohol im Gehirn an. Dort dringt er in alle Hirnareale ein, auch in das sogenannte Belohnungszentrum, wo er verstärkt Botenstoffe wie Dopamin und Endorphine freisetzt. Ab einem Blutalkoholwert von 0,5 Promille wird man unternehmungslustig und gesellig, aber auch hemmungsloser. Die Risikobereitschaft steigt. Die Reaktionsfähigkeit dagegen sinkt. Bei einem Blutalkoholwert von 0,8 Promille ist sie gegenüber dem nüchternen Zustand um 30 bis 50 Prozent verlängert. Aber das merkt man nicht. Man fühlt sich entspannt. Zudem bekommt man Schwierigkeiten, wenn es darum geht, Entfernungen richtig einzuschätzen. Bei 1 bis 2 Promille ist das Gleichgewicht beeinträchtigt. Zudem verändern sich die Emotionen und das Verhalten. Auch Stimmungsschwankungen können die Folge sein, genauso wie eine plötzlich aufkommende Müdigkeit. Auch das Aggressionspotenzial steigt: So zeigte zuletzt eine Studie des Bundes, dass bei Gewalthandlungen im öffentlichen Raum zunehmend Alkohol im Spiel ist. Wer trotz ersten Ausfallerscheinungen weitertrinkt, riskiert, ganz die Kontrolle über sich und seinen Körper zu verlieren. Ab 3 Promille kann ein Erwachsener bewusstlos werden und gar ins Koma fallen. Grundsätzlich gilt: Frauen vertragen Alkohol weniger gut als Männer. Für sie ist dieselbe Menge Alkohol schädlicher als für einen Mann. Dies einerseits, weil Frauen im Verhältnis zu ihrem Gewicht mehr Körperfett und weniger Körperwasser haben. Da sich Alkohol in Wasser besser löst als in Fett, ist nach dem Konsum der gleichen Menge die Alkoholkonzentration im Blut bei Frauen in der Regel höher. Andererseits weil Frauen über geringere Mengen des Leber-Enzyms ADH (Alkoholdehydrogenase) verfügen, das den Alkohol in Azetaldehyd abbaut. Wer zu viel Alkohol getrunken hat, den erwartet am nächsten Tag ein ausgewachsener Kater. Der ist zwar unangenehm, aber bei weitem nicht so gefährlich wie eine akute Alkoholvergiftung, die aufgrund der gereizten Magenschleimhaut häufig mit Erbrechen einhergeht. Es besteht zudem die Möglichkeit, am Erbrochenen zu ersticken. Auch lebensbedrohliche Atemlähmungen können die Folge sein. Das erste bekannte Alkoholopfer der Geschichte war kein Geringerer als König Alexander der Grosse: Er war nicht nur ein genialer Feldherr, sondern auch für seinen reichlichen Alkoholkonsum bekannt. Letztendlich starb er daran. Bei einer Alkoholvergiftung besteht auch die Gefahr zu erfrieren: Weil das Blut durch den Alkohol in die äusseren Körperregionen gelenkt wird, entsteht ein trügerisches Gefühl der inneren Wärme. Das täuscht darüber hinweg, dass die Körpertemperatur eigentlich stark absinkt. Während es sich beim bisher Erwähnten um direkte Folgen von Alkoholkonsum handelt, gibt es auch Spätfolgen, die sich nach dem regelmässigen und übermässigen Trinken einstellen. Laut Medizinern wie dem Leberspezialisten Helmut Karl Seitz aus Heidelberg geht bereits von «moderatem Dauerkonsum» eine Gesundheitsgefahr aus, denn auch so kommen Alkoholmengen zustande, die der Körper auf Dauer nicht verkraftet – weil ihm die alkoholfreien Erholungsphasen fehlen. Durch regelmässigen Alkoholkonsum kann es zu schweren Organschäden kommen. Am stärksten davon betroffen ist die Leber (dunkelrot), denn in ihr wird der grösste Teil des Alkohols abgebaut. Das Problem: Beim Abbau von Alkohol werden die für diesen verantwortlichen Leberzellen geschädigt und es sammelt sich Fett an. Dies kann zu einer Fettleber, zu Gelbsucht sowie zu einer Leberzirrhose und -krebs führen. Zu einer Leberzirrhose, der wohl bekanntesten Folge von übermässigem Alkoholkonsum, kommt es, weil die Leberzellen wegen Überlastung nach und nach absterben und sich immer mehr knotiges Narbengewebe bildet. Die Leber schrumpft. Irgendwann bleiben zu wenig Leberzellen übrig und der Körper kann nicht mehr entgiftet werden. Man stirbt. Aber nicht nur die Leber wird angegriffen: Alkoholiker und regelmässig konsumierende Genusstrinker leiden häufig auch an entzündeten Bauchspeicheldrüsen (Pankreas). Wird das Problem chronisch, kommt es zu Kalkablagerungen, die schlussendlich zu einer Verstopfung des Organs führen. Alkoholkonsum kann Veränderungen am Herzen zur Folge haben. Der Blutdruck wird durch Alkoholkonsum erhöht. Dadurch steigt auch das Herzinfarktrisiko. Zu viel Alkohol schadet zudem Haut und Blutgefässen. So kann regelmässiges Trinken zu entzündlichen Hauterkrankungen wie Schuppenflechte (Psoriasis) führen. Mit schuld daran kann eine weitere Folge von chronischem Alkoholkonsum sein: ein geschwächtes Immunsystem. Auch Krebs, insbesondere Speiseröhrenkrebs, geht oft auf das Konto von Alkohol. Laut einer an der Tagung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) vorgestellten Studie erkranken weltweit jährlich rund 700'000 Menschen aufgrund ihres Alkoholkonsums an Krebs. Jährlich stehen 365'000 Todesfälle von Patienten mit Leber-, Speiseröhren-, Darm-, Hals- oder Brustkrebs mit Alkohol in Verbindung, so das Fazit der Wissenschaftler. Wie gefährlich Alkohol sein kann, zeigen auch Zahlen aus der Schweiz. Laut dem Bundesamt für Gesundheit sterben hierzulande jährlich rund 1600 Menschen zwischen 15 und 74 Jahren an den Folgen von Alkohlkonsum. Allein die Leberzirrhose führt zu mehr als 430 Todesfällen pro Jahr. Etwa doppelt so häufig sind tödlich ausgehende alkoholbedingte Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Störungen. Die Aufmerksamkeit und die Konzentrationsfähigkeit können ebenfalls dauerhaft beeinträchtigt werden. Der Grund: Regelmässiger Alkoholkonsum kann zu schweren hirnorganischen Schäden führen. Konkret sorgt er für ein Schrumpfen der Hirnsubstanz, über die Jahre sterben Nervenzellen, der Gang wird unsicher, die Hände zittern. Auch das Risiko für psychische Krankheiten wie Depressionen oder Psychosen steigt. Aber was heisst das? Laut «Sucht Schweiz» liegt gesundheitlich unbedenklicher Alkoholkonsum bei gesunden erwachsenen Frauen bei 12 Gramm reinem Alkohol. Das entspricht einem sogenannten Standardglas – 3 Dezi Bier, 1 Dezi Wein, 2 cl Spirituosen – pro Tag. Männer dürfen etwas mehr trinken: Für sie liegt die Grenze bei 24 Gramm Alkohol pro Tag, etwa zwei Standardgläsern. Doch wie immer gilt auch in Sachen Alkohol: Ausnahmen sind erlaubt. Wer mal über die Stränge schlägt, hat wenig zu befürchten. Schwangere sollten jedoch ganz darauf verzichten.

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Zu viel Alkohol kann der Gesundheit schwer schaden. Das steht ausser Zweifel. Doch dass bereits geringe Mengen das Risiko für eine alkoholbedingte Krankheit um 0,5 Prozent steigen lassen, wie Forscher unlängst im Fachjournal «The Lancet» berichteten, stimmt nicht.

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Das vermelden nun deutsche Wissenschaftler. Das Gespann um den Statistiker Walter Krämer von der Technischen Universität Dortmund hinterfragt mit der «Unstatistik des Monats» jüngst publizierte Zahlen wie auch deren Interpretationen.

Relativer Risikoanstieg wird leicht missverstanden

Krämer und seine Kollegen monieren eines der zentralen Ergebnisse der Studie, über die auch 20 Minuten berichtete. Demnach erhöht bereits ein einziges alkoholisches Standardgetränk (10 Gramm reiner Alkohol, etwa 2,5 Dezi Bier) pro Tag das Risiko, eines von 23 mit Alkohol assozierten Gesundheitsproblemen zu bekommen, um 0,5 Prozent.

Das ist laut den Unstatistik-Autoren jedoch ein Irrtum, denn die Prozentzahl ist ein relativer Risikoanstieg. «Wir haben in mehreren Unstatistiken gezeigt, dass relative Risiken leicht missverstanden werden und Studien daher immer die absoluten Risiken ausweisen sollten», heisst es in einer Mitteilung. Auch die Richtlinien des «Lancet» schrieben genau dies vor.

Ein Drink pro Tag liegt drin

Doch offenkundig haben sich die Autoren der nun beanstandeten «Lancet»-Studie nicht daran gehalten, denn die absoluten Zahlen zeigen etwas anderes: Von je 100'000 Personen, die keinerlei Drinks konsumierten, hatten 914 im folgenden Jahr ein Gesundheitsproblem. Bei Personen mit einem Drink pro Tag stieg diese Zahl auf 918. Das heisst, der absolute Risikoanstieg war 4 Personen von 100'000, also 0,004 Prozent. Bei zwei Drinks pro Tag erkrankten etwas mehr, 63 von 100'000 respektive 0,063 Prozent. Demnach sei ein Drink pro Tag ein eher kleines Gesundheitsrisiko, wie das Team um Krämer folgert.

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mutti am 09.09.2018 12:20 Report Diesen Beitrag melden

    Erschreckend!

    Darauf erstmal ein Schnaps! Danach sieht die Sache schon wieder anders aus.

  • Axel Zucker am 09.09.2018 12:18 Report Diesen Beitrag melden

    Pädagogisch wertvoll

    Wenn man eines aus diesen Artikeln lernen kann, so ist es dies: Zu jeder Studie gibt es eine Gegenstudie. Oder: Zu jeder Expertise eine Gegenexpertise. Oder auch ganz schön: Jede Theorie ist nur solange wahr, bis das Gegenteil bewiesen wird.

    einklappen einklappen
  • Basta am 09.09.2018 11:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht jetzt bitte

    So etwas muss man nicht am Sonntag Morgen lesen ...

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • günsel maier am 10.09.2018 19:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    realität

    Saufen bis man stirbt rauchen bis die Erde neblig wird. Kiffen bis das grüne weg ist koksen und vieles mehr. So sieht die heutige Generation aus. Naja man kanns in zwei Richtungen anschauen. Aber es stimmt nur eine.

  • Spassvogel am 10.09.2018 18:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufhören!

    Ich habe so viel über die schlechten Auswirkungen von Alkohol, Drogen und Sex gelesen, dass ich beschlossen habe mit dem Lesen aufzuhören.

  • Ionescu am 10.09.2018 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Noch neuere Studie

    Eine noch neuere Studie aus Transsylvanien sagt, dass erstab 7,5 dl Wein pro Tag das Risiko bedeutend sinkt (ab zwei Six Packs bei Bier).

  • Teodoro am 10.09.2018 14:46 Report Diesen Beitrag melden

    Minimum 6 dl Wein am Tag

    Eine noch neuere Studie aus Transsylvanien zeigt, dass erst ab 6 dl Weinkonsum oder einem Sixpack Bier pro Tag keine Gefahr von gesundheitlichen Folgen bestehen.

  • Baum am 10.09.2018 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    Ist so weil wahr

    Eine Studie hat herausgefunden das Menschen fast alles glauben wenn am Anfang steht "Eine Studie hat herausgefunden..."