Neue Antibiotika

16. November 2018 19:49; Akt: 16.11.2018 19:49 Print

Mit Baumwanzen gegen resistente Bakterien

Forscher aus Zürich haben die Wirkungsweise eines Insekten- Antibiotikums entschlüsselt. Das eröffnet im Kampf gegen Resistenzen neue Wege.

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Bakterien, die gegen gängige Antibiotika resistent sind, werden zu einem immer grösseren Problem. Nun haben Forscher von Universität und ETH Zürich den bisher unbekannten Wirkungsmechanismus von Thanatin identifiziert. Das von Baumwanzen produzierte Antibiotikum zerstört demnach die äussere Membran von gramnegativen Bakterien wie E. Coli. Thanatin soll deshalb als Ausgangsstoff für die Entwicklung neuer Antibiotika-Klassen dienen. Das Problem der Antibiotika-Resistenzen hat derweil das Bundesamt für Gesundheit veranlasst, die Kampagne «Antibiotika: Nutze sie richtig, es ist wichtig» zu lancieren. Sie soll Wissenslücken in der Bevölkerung über Antibiotika stopfen und ist auf vier Jahre angelegt. Pro Jahr stehen 1,1 Millionen Franken zur Verfügung. Die Kampagne wird mit TV-Spots, Plakaten, Online-Werbung und einer Website geführt. «Wichtig ist, dass man Antibiotika so einnimmt, wie sie der Arzt verschrieben hat», sagt BAG-Abteilungsleiter Daniel Koch. Oder auch, dass man sie etwa nicht einfach das WC hinunterspüle. Laut Sarah Tschudin Sutter, Leitende Ärztin an der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Unispital Basel, hat die Schweiz das Problem verschlafen. Es gebe heute Infektionen, bei denen die Konstellation sehr gefährlich sei: «Zum Beispiel, wenn Bakterien gegen Carbapeneme resistent sind. Diese Antibiotika wirken gegen viele verschiedene Erreger.» Seien Bakterien aber auch gegen sie resistent, müsse man auf sogenannte «Reserveantibiotika» zurückgreifen – und im Extremfall blieben keine Optionen übrig, so die Ärztin: «Patienten haben dann schlechte Prognosen.» Das sei aber bisher zum Glück sehr selten, sagt sie. «Im Moment nur in etwa 1,7 Prozent der Infektionen mit bestimmten Darmbakterien.» Es seien vor allem Patienten, die im Ausland im Spital gewesen und in die Schweiz zurückgebracht worden seien, die solche Resistenzen aufwiesen. «Doch Antibiotika-Resistenzen nehmen immer mehr zu, vor allem bei Darmbakterien.» Lösen sie eine Infektion aus, müsse man auf Carbapeneme oder sogar Reserveantibiotika ausweichen, so Tschudin: «Das befeuert das Problem natürlich weiter.»

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Immer mehr Bakterien werden immun gegen die bekannten Antibiotika. Neue Mittel müssen her, die anders wirken als die bisherigen. Forschende der Universität und der ETH Zürich berichten nun von der bisher unbekannten Wirkweise eines Antibiotikums aus einer Baumwanze.

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Das natürliche Antibiotikum Thanatin aus einer nordamerikanischen Baumwanze wirkt gegen sogenannte gramnegative Bakterien. Dazu gehören zum Beispiel krankmachende Stämme des Darmbakteriums Escherichia coli. Ein Forschungsteam der Universität und der ETH Zürich hat entschlüsselt, wie genau dieses Antibiotikum die Bakterien eliminiert. Und sind auf einen neuen Wirkmechanismus gestossen, wie die Universität am Donnerstag mitteilte.

Thanatin blockiert Baustein-Transport

Wie die Forschenden um John A. Robinson von der Uni Zürich im Fachblatt «Science Advances» berichten, verhindert Thanatin den Aufbau der Schutzhülle der Bakterien. Genauer gesagt: der äusseren von zwei übereinanderliegenden Zellmembranen, die die Erreger umgeben. Die äussere Membran hat eine wichtige Abwehrfunktion und verhindert, dass für das Bakterium toxische Substanzen ins Zellinnere gelangen.

Beim Aufbau der äusseren Zellmembran werden die dafür benötigten Fett-Zucker-Bausteine (Lipopolysaccharide) über eine Art Brücke aus sieben verschiedenen Proteinen von der inneren Membran zur äusseren befördert. Thanatin blockiert demnach den Bau dieser Brücke, indem es die Wechselwirkung zwischen den beteiligten Proteinen stört. So gelangen die Lipopolysaccharide nicht an ihren Bestimmungsort, die äussere Zellmembran kann nicht ausgebildet werden. Ohne diese Schutzhülle sterben die Bakterien ab.

«Dieser Wirkmechanismus ist bisher beispiellos und öffnet neue Perspektiven für die Entwicklung zukünftiger Antibiotika-Klassen gegen gefährliche Keime», sagte Robinson gemäss der Mitteilung.

Wichtige Ergänzung

Ein Industriepartner in Allschwil BL habe auf Basis des neu entdeckten Mechanismus bereits mit der Suche nach möglichen Wirkstoffkandidaten begonnen, die ähnlich wirkten, schrieb die Universität weiter. «Ein weiteres neuartiges Antibiotikum, das auf andere gramnegative Erreger abzielt, wäre eine wichtige Ergänzung bei der Entwicklung von dringend benötigten antibakteriellen Therapien», schloss Robinson.

(jcg/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andreas Honegger am 16.11.2018 21:33 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffnungsträger

    Solche Mittel sind Hoffnungsträger. Vor allem könnte es durchaus sein, dass die Bakterien gegen diese Wirkungsweise keine Immunität aufbauen können. Trotzdem: der Antibiotika-Einsatz muss massiv zurückgeschraubt werden, da wird noch immer zu viel verabreicht. Dies bei den Menschen, Tieren und Pflanzen.

  • Sulejka am 16.11.2018 20:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zuviel Antibiotika

    Das Fleisch das wir kaufen ist schon voll von Antibiotika und wenn wir mal zum Arzt gehen wegen einer Entzündung, verabreicht er uns irgend ein Antibakterium, das wird auch im Spital so gehandhabt, deshalb sind Bakterien resistent gegen diese Mittel. Man sollte schon mal in der Landwirtschaft möglichst kein Antibiotika verwenden, lieber das Tier vorher von seinem Leiden erlösen oder pflanzliche Substanzen verabreichen.

    einklappen einklappen
  • Neumann am 16.11.2018 20:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verwanzt

    Hoffentlich helfen meine Bettwanzen auch gegen etwelche resistenten Bakterien.

Die neusten Leser-Kommentare

  • nano am 17.11.2018 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dringend

    Und dazu sollten die CH-Leute ihren Vorsprung und ihr Wissen nun wirklich optimieren und in der Schweiz positiv umsetzen und das ohne die bekannten Farmakonzerne.

  • Apop85 am 17.11.2018 19:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Forschungsgelder

    Für die Etablierung der Phagentherapie welche in ehm UDSSR Ländern längst zum Standard gehören. Anstatt mit Kanonen auf Spatzen zu schießen (Antibiotika) könnte man damit gezielt den Erreger ausschalten anstatt die Hälfte der humanen Bakterienflora wie es bei Antibiotika der Fall ist. Nur Geld lässt sich damit nicht so gut machen da die Synthese deutlich einfacher ist und so keine horrenden Preise verlangt werden können.

    • Badener am 17.11.2018 19:12 Report Diesen Beitrag melden

      Fargenwissenschaft

      Sie sprechen mir aus dem Herzen,die Russen Forschen schon fas 80 Jahre an den sog "Fargen".Auf diese langen Erkentnissn sollte die Westliche Pharma und Forschung Aufbauen.

    einklappen einklappen
  • Freddy am 17.11.2018 17:14 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich!

    Kann ich jetzt alle diese Wanzen von Garten und Balkon in ein Couvert stecken und an die Uni Zürich senden? Ihr seid Götter! Danke.

  • tjaja am 17.11.2018 16:21 Report Diesen Beitrag melden

    Antibiotika nicht für alle

    Hört endlich mal auf für Hühner, Schweine und Kühe, Antibiotika zu verwenden die auch für Menschen überlebenswichtig sind. Die meisten Resistenzen werden im Stall gezüchtet!

  • Rolf am 17.11.2018 16:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja, aber.....

    Sensationel gute Nachricht. Der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast muss trotzdem verboten werden.