Notre-Dame

16. April 2019 13:10; Akt: 17.04.2019 08:38 Print

Darum blutet das Herz der Welt

Mit Notre-Dame brannte nicht nur eine Kirche, sondern die Seele einer Nation. Von Napoleon bis Quasimodo prägte Notre-Dame Frankreich und die Welt.

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Die weltbekannten Chimären der Kathedrale Notre-Dame. (Bild: Wikimedia Commons/Quintilis/CC BY-SA 3.0)

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Die Entstehung

Die Kirche Notre-Dame de Paris wurde von 1163 bis 1345 auf der Seine-Insel Île de la Cité im Herzen von Paris erbaut. Für den nun zerstörten Dachstock wurden 1300 Eichen verbaut. Der Dachstock wurde deshalb auch als der Wald (la fôret) bezeichnet. Da während der langen Bauzeit der romanische Baustil früher erstellter Gebäudeteile aus der Mode gekommen war und nicht mehr zur gotischen Westfassade passte, riss man das Querschiff kurzerhand ab und baute es im 13. Jahrhundert neu.


Notre-Dame im Paris des 16. Jahrhunderts. (Bild: Getty)

Beerdigte Eingeweide

Während die französischen Könige traditionell in der Kathedrale von Reims in Nordfrankreich gekrönt wurden, gab es einige Beisetzungen berühmter Könige in der Kathedrale. Manchmal waren es auch nur Teile. So wurden von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. jeweils nur die Eingeweide in Notre-Dame beigesetzt. Ihre Herzen fanden in der Pariser Kirche Saint-Paul-Saint-Louis ihre letzte Ruhestätte.


Statue von Ludwig XIV. in der Kathedrale Notre-Dame. (Bild. Getty)

Napoleons Krönung

Napoleon Bonaparte gab Notre-Dame den Vorzug vor der Kathedrale von Reims, als er sich selbst 1804 in Anwesenheit von Papst Pius VII. zum Kaiser der Franzosen krönte. Bonapartes Neffe und späterer Kaiser von Frankreich Napoleon III. heiratete 1853 in Notre-Dame die spanische Gräfin Eugénie de Montijo.


Die Krönung Napoleons und seiner Gattin Joséphine. (Bild: Jacques-Louis David/PD)

Victor Hugos Roman

Enorme Bedeutung für das Schicksal von Notre-Dame hatte der französische Schriftsteller Victor Hugo. Sein 1831 erschienener Roman «Notre-Dame de Paris» (bei uns auch als «Der Glöckner von Notre-Dame» bekannt, siehe unten) lenkte den Blick Frankreichs auf das über die Jahrhunderte ziemlich heruntergekommene Gotteshaus und führte zu dessen dringend nötiger Renovierung.


Victor Hugo, 1829. (Bild: Achille Devéria/PD)

Längst überfällige Restaurierung

1844 wurde beschlossen, die Kathedrale umfassend zu renovieren. Der Auftrag ging an den Architekten Eugène Viollet-le-Duc. Während der 20 Jahre dauernden Arbeiten wurde dem Bauwerk der jetzt beim Brand eingestürzte 93 Meter hohe Vierungsturm beigefügt. Zum Vergleich: Die markanten Zwillingstürme der Westfassade sind 69 Meter hoch.


Notre-Dame zur Zeit der Restaurierung, noch ohne den Vierungsturm. (Bild: Émile Harrouart)

Furchteinflössende Fratzengesichter

Notre-Dame ist berühmt für seine in Stein gehauenen Fantasiegestalten, Chimären genannt. Allerdings gab es diese grotesken Statuen im Mittelalter noch nicht und auch nicht 1482, als der Roman «Der Glöckner von Notre-Dame» spielte. Sie wurden erst von Viollet-le-Duc an der Kirche angebracht. Zuvor gab es lediglich sogenannte Wasserspeier (auch unter dem englischen Namen Gargoyles bekannt), die allerlei furchterregende Fantasiewesen darstellen.


Eine der Chimären von Notre-Dame. (Bild: Wikimedia Commons/Michael Reeve/CC BY-SA 3.0)

Überstandene Kriege

Im Gegensatz zur Kathedrale von Reims, die im Ersten Weltkrieg zu grossen Teilen zerstört wurde, überstand Notre-Dame über die Jahrhunderte alle Kriege praktisch unbeschädigt. Als Adolf Hitler anordnete, alle Pariser Monumente beim Abzug der deutschen Truppen 1944 zu zerstören, unterliess es der Stadtkommandant Dietrich von Choltitz, dem Befehl Folge zu leisten. Damit wurde auch eine Sprengung Notre-Dames verhindert.


Paris zur Zeit der Befreiung 1944. (Bild: Getty)

«Der Glöckner von Notre-Dame»

Viel zusätzliche Berühmtheit erlangte Notre-Dame durch die zahlreichen Verfilmungen von Victor Hugos Roman. Das wohl prägendste Werk stellt dabei «Der Glöckner von Notre-Dame» von 1956 dar. Darin spielt eine junge Gina Lollobrigida die feurige Esmeralda und Anthony Quinn den furchtbar entstellten Glöckner.


Anthony Quinn und Gina Lollobrigida in «Der Glöckner von Notre-Dame». (Bild: Allied Artists Pictures)

Disneys Verfilmung

Einer neuen Generation wurde Notre-Dame durch den Disney-Zeichentrickfilm «Der Glöckner von Notre-Dame» von 1996 zum Begriff. Eine wichtige Rolle spielten darin die Chimären, die von Disney zum Leben erweckt wurden, im Roman von Victor Hugo aber gar nicht vorkamen.


Disneys Verfilmung von 1996. (Bild: Disney)

Magnet für Touristen und Pilger

Die reiche Geschichte Notre-Dames, ihre Architektur, der Roman Victor Hugos und dessen zahlreichen Verfilmungen haben die Kathedrale weltberühmt gemacht. Mit 30'000 Besuchern pro Tag war sie die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Frankreichs, wenn nicht gar ganz Europas. Und jeder, der dieses überwältigende Bauwerk einmal erleben dufte, wird am Abend des 15. April 2019 angesichts des zerstörerischen Feuers ein tiefes Gefühl des Verlusts empfunden haben.


Notre-Dame, der Touristenmagnet. (Bild: Getty)

(jcg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Xertigny am 16.04.2019 13:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Respekt vor Geschichte

    Wie wenig Respekt Ahnung wir heute vor Geschichte und Kultur haben zeigen traurigerweise vieler dieser sehr inhaltlosen Kommentare... Es handelt sich eben hier nicht" nur um irgend eine Kirche " ... Könige .. Napoleon und viel Geschichte wurde darin gelebt.. 2 Weltkriege hat sie überlebt.. Natürlich sind Menschenkatastrophen nicht zu vergleichen.. aber nichts desto trotz wären etwas Respekt dem UNESCO Kultur Erbe gegenüber angebracht!

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  • alright am 16.04.2019 13:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    so viel Geschichte zerstört

    Macht traurig und fassungslos. Hoffe, das wird wieder so aufgebaut und ermittelt, was die Brandursache war.

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  • Luzernerin am 16.04.2019 13:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kann mitfühlen

    Kann mich noch gut erinnern, wie traurig ich war, als die Kapellbrücke in Luzern brannte. Ist einfach schade wenn solche wunderschöne und historisch wertvolle alte Gebäude, dem Feuer zum Opfer fallen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Patrick am 26.04.2019 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kirche hatte auch kein Respekt

    Ich finde alte Gebäude durchaus schön und einige sind sicher erhaltenswert, aber mein Herz blutet nicht wenn eine Kirche weniger da ist. Alle Kirchen wurden auf den Heilgen Orten unserer Vorfahren erbaut und die Kirche und ihre Helfer waren wenig zimperlich, wenn sich die Bevölkerung wehrte. Und wenn man etwas tiefer gräbt, dann findet man heraus, dass alle Kirchen, Moscheen, Tempel, etc. auf Kreuzpunkten der Leylinien liegen. Ich wäre dafür dass man alle Kreuzpunkte von den Bauten befreut und wieder der Natur überlässt.

  • Carmen Maurer am 21.04.2019 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt vor Geschichte und Kultur

    Diese Meinung teile ich absolut, das Wesentliche kurz zusammengefasst

    • Abraxas am 23.04.2019 08:57 Report Diesen Beitrag melden

      Es ist vorbei

      Null komma Null Respekt gegenüber Lügengeschichten. Die Kultur der Lügengeschichten ist nun am Ende ihres Weges angelangt.

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  • Ruedi Schneider am 21.04.2019 15:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Motre-Dame

    Ja und die tausenden Obdachlosen in Paris, was passiert mit diesen, ja da drücken die millionen Spender natürlich beide Augen zu

  • Matt am 18.04.2019 21:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm?

    Mir blutet das Herz über Menschen die verhungern müssen und im krieg sterben Wacht auf,!!!

  • Avenarius am 18.04.2019 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    Scheinheilig

    Eine Kirche auf Buckeln und Verzicht der damaligen Einwohner gebaut. Mit Geldern aus Ablasshandel und erhöhten Steuern. Schade ist der Scheinheiligkeits-Dom nicht komplett abgebrannt. Die Kirche hat ja genügend Hexen etc. verbrannt. Passt irgendwie.

    • mon dieu am 18.04.2019 12:18 Report Diesen Beitrag melden

      unglaublich

      wer keine Ahnung und Respekt vor der Geschichte hat, sollte lieber schweigen

    • Marlo am 18.04.2019 12:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Avenarius

      Die meisten Hexen wurden in Deutschland verbrannt und nicht in Frankreich. Etwa das Zehnfache von komplett Europa.

    • Streichler am 18.04.2019 12:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Avenarius

      Denkweisen wie die Ihrig haben dieses Feuer entfacht!

    • Streichler am 18.04.2019 12:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Marlo

      Haber wir Schweizer haben weltweit den pro Kopf Rekort in Hexen-Kills! Doch auch wir haben nicht alle erwischt und sind mit der Einwanderung auch durch die mangelnde Gründlichkeit anderer Länder in der damaligen Zeit betroffen! Das dürfen wir heute jetzt ausbaden!

    • Kala am 18.04.2019 13:26 Report Diesen Beitrag melden

      @mon dieu

      Sie selbst scheinen es mit der Geschichte nur solange genau zu nehmen solange diese in Ihr Weltbild passt. Wenn Sie die Geschichte der Katharer nicht kennen sind Sie entschuldigt, sollten dann aber selbst Ihrem Statement nach handeln.

    • Ahmed am 18.04.2019 22:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Avenarius

      und heute werden noch immer Leute gesteinigt, Kirchen in Ländern mit mehrheitlich bestimmter, anderer Religion abgefackelt und Christen getötet... Du scheinst eben jener Ideologie zu folgen. Historische Bauten hatten auch für die Islamisten keine grosse Bedeutung! Wie kann man nur ein so einfaches Gemüt haben...

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