Gewalt gegen Kinder

24. März 2014 21:10; Akt: 24.03.2014 22:12 Print

Das Schlagen von Kindern hat eine lange Tradition

von Fee Riebeling - Stockschläge, Ohrfeigen, Kopfnüsse: Viele Eltern greifen zu solchen Erziehungsmassnahmen, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Und das schon seit Jahrhunderten.

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Ein Klaps auf den Allerwertesten ist für viele Eltern ein probates Mittel, wenn sie sich sonst nicht zu helfen wissen. (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-R79742 / CC-BY-SA)

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In der Schweiz wird jedes zweite Kind regelmässig körperlich bestraft. Das zeigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2004. Auch in Deutschland sah es 2012 ähnlich aus: In einer Forsa-Umfrage, die von der Zeitschrift «Eltern» in Auftrag gegeben worden war, gaben etwa 40 Prozent der Eltern an, ihre Kinder mit einem Klaps auf den Hintern zu strafen, zehn Prozent verteilten Ohrfeigen — nicht aus Überzeugung, sondern aus Hilflosigkeit.

Wie das Thema früher gehandhabt wurde, zeigt ein Blick in die Bibel. Denn zu alttestamentarischen Zeiten wurde die körperliche Züchtigung des Nachwuchses nicht nur geduldet, sondern sogar ausdrücklich empfohlen. So heisst es in den Sprüchen Salomos beispielsweise: «Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh zur Zucht» oder «Rute und Rüge verleihen Weisheit, ein zügelloser Knabe macht seiner Mutter Schande.»

Allerdings darf die Anzahl der Schläge 40 nicht überschreiten. Andernfalls gilt der Bestrafte als entehrt. Deshalb werden in der Praxis maximal 39 Schläge erteilt — aus Sorge, durch Verzählen das alttestamentarische Gebot zu brechen.

Erstes Umdenken

Zur gleichen Zeit standen auch im antiken Athen (800 v. Chr. – 146 n. Chr.) Züchtigungen an der Tagesordnung. Doch erstmals wurden da auch andere Stimmen laut. So ist beispielsweise von Platon die Aussage überliefert, dass das Gemüt des Kindes, «fern von Verzärtelung, welche empfindlich, zornig und mürrisch macht, wie auch von zu grosser Strenge, welche Kleinmut und Sklavensinn erzeugt, in einer möglichst heiteren Stimmung gehalten werden» müsse.

Recht auf gewaltfreie Erziehung

Auch im Oströmischen Reich (395 – 1453 n. Chr.) glaubte man zunächst weiter an Aussprüche wie «An der Rute sparen rächt sich nach Jahren». Unfolgsame Kinder wurden mit der Rute oder dem Lederriemen gegeisselt. Im Laufe der Jahrhunderte setzte man in der christlichen Kultur aber zunehmend auf eine Erziehungsmethode, die ausgewogener erscheint. So empfahl im 15. Jahrhundert der Theologe Martin Luther «neben den Apfel eine Rute zu legen».

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen Stimmen auf, die forderten, auf Körperstrafen in der Kindererziehung zu verzichten. Diese wurden allerdings erst Mitte des 20. Jahrhunderts erhört. Schweden verbot 1979 als erstes Land überhaupt die sogenannten Körperstrafen grundsätzlich. Bis heute zogen 15 weitere europäische Länder nach. Nicht zuletzt wegen des Übereinkommens über die Rechte des Kindes, das 1989 von der UNO-Generalversammlung angenommen wurde. Darin heisst es, dass Kinder «das Recht auf gewaltfreie Erziehung» sowie «auf elterliche Fürsorge und ein sicheres Zuhause» haben.

Manche prügeln noch immer

In der Schweiz wurde das ausdrückliche Züchtigungsrecht der Eltern bereits 1978 aus dem Zivilgesetzbuch gestrichen. Jedoch werden bis heute nur «wiederholte Übergriffe» geahndet. «Körperliche Züchtigung» ist damit nicht explizit verboten, sie wird bis heute als «gesetzlich erlaubte Handlung» im Sinne von Artikel 14 des Strafgesetzbuches gewertet, solange sie als Ausdruck der elterlichen Sorge gelten.

Auch in anderen Ländern werden körperliche Strafen bis heute praktiziert. Dies mitunter mit dem Verweis auf religiöse Gründe. So berufen sich einige Anhänger von Glaubensgemeinschaften wie den evangelikalen Freikirchen oder den Zeugen Jehovas bis heute auf die Bibel. Wie viele Kinder davon betroffen sind, ist unklar. Denn neben problematischen Gruppierungen gibt es auch solche mit liberaler Einstellung.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ricardo Granda am 25.03.2014 02:43 Report Diesen Beitrag melden

    Das eine wie das andere

    Ist denn eine Ohrfeige aus Überzeugung gerechtfertigter, als eine aus Hilflosigkeit?

  • Beat am 25.03.2014 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    abartig

    ist es nicht erstaunlich, in der hundeerziehung werden heute sämtliche starkzwangmethoden abgelehnt und verboten. in der kindererziehung soll aber physische gewalt noch ganz ok sein! ekelhaft. ich wurde übrigens ohne schläge erzogen und werde auch meinen kindern keine gewalt antun. ich will meinem kind nicht vormachen dass man konflikte mit gewalt lösen kann oder dass gewalt ein mittel ist seine interessen durchzusetzen.

  • Hans am 25.03.2014 00:18 Report Diesen Beitrag melden

    "Fingerklopfen" muss manchmal sein!

    Nicht schlagen, züchtigen nennt man sowas! Auch wenn Kinder nicht in der Lage sind zu verstehen, so muss man ihnen gewisse Dinge doch irgendwie beibringen. Natürlich probiert man es zuerst mit den "zivilisiertesten" Methoden. Wenn ein Kind jedoch nicht verstehen will/kann, dass man z.B. keine Sachen abfackeln darf, dann muss man halt, sagen wir es so, ein wenig nachhelfen! Solange man das wie unsere Vorfahren hält und es nicht zur Gewohnheit werden lässt, dann schadet es ganz sicher nicht! Unsere Vorfahren haben es auch durchlebt und "überlebt"! Auf die Finger klopfen bringt niemanden um!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Andrea Mordasini am 26.03.2014 20:02 Report Diesen Beitrag melden

    Streng sein auch ohne Schläge möglich!

    Ich will, dass unsere Kinder zu starken, mutigen, zu selbstsicheren, anständigen und ehrlichen Mitmenschen heranwachsen. Dies jedoch nicht mit Schlägen, sondern mit viel Liebe, Wärme, Geduld, gewissen Freiheiten, einigen wichtigen Regeln, Grenzen und nötiger Konsequenz. Ich will doch nicht, dass meine Kinder aus Angst vor Strafe/Ohrfeigen zu Lügnern werden, im Gegenteil! Wie gross der Seich auch ist, den sie angestellt haben, sie sollen uns immer anvertrauen dürfen! Meine Schwestern und ich sind ebenfalls gewaltlos erzogen wurden und kamen alle 3 sehr gut raus. Es klappt also tatsächlich!

  • Andrea Mordasini am 26.03.2014 20:01 Report Diesen Beitrag melden

    Kinder schlagen ist feige :(!

    Schläge sind erniedrigend! Ein wehr- schutz- + hilfloses Kind zu schlagen, ist feige + eine charakterliche Schwäche. Ein Kind möglichst gewaltlos zu erziehen, hat nichts mit antiautoritärer Erziehung zu tun, sondern mit Respekt + Anstand gegenüber dem Kind sowie Vernunft + gesundem Menschenverstand seitens der Eltern. Wie soll ein Kind lernen, dass es nicht schlagen soll, wenn es im Gegenzug als Strafmassnahme ebenfalls geschlagen wird? Es lernt so doch nur, dass (Zurück)-Schlagen ok und angemessen ist. Wie soll ein Kind Respekt haben, wenn ihm dieser wichtige Wert nicht entgegengebracht wird?

  • Andrea Mordasini am 25.03.2014 15:18 Report Diesen Beitrag melden

    Gewalt an Kindern darf nicht sein :(!

    Was für Erwachsene Tabu ist, muss es dringendst auch für wehr-, hilf- + schutzlose Kinder sein! Es kann doch nicht sein, dass es verboten ist, Erwachsene zu schlagen, bei Kindern ein solches Verbot jedoch nicht besteht! Natürlich bringen Kinder einen an Grenzen und darüber hinaus. Aber Gewalt jeglicher Art (physisch, psychisch, verbal, sexuell) hinterlässt Spuren bei den Betroffenen und gehört sich einfach nicht! Wer tatsächlich Schläge und sonstige bei Kindern gutheisst und/oder diese sogar an ihnen ausübt, hat ein gravierendes Problem, braucht Hilfe + sollte dringendst über die Bücher gehen!

  • Beat am 25.03.2014 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    abartig

    ist es nicht erstaunlich, in der hundeerziehung werden heute sämtliche starkzwangmethoden abgelehnt und verboten. in der kindererziehung soll aber physische gewalt noch ganz ok sein! ekelhaft. ich wurde übrigens ohne schläge erzogen und werde auch meinen kindern keine gewalt antun. ich will meinem kind nicht vormachen dass man konflikte mit gewalt lösen kann oder dass gewalt ein mittel ist seine interessen durchzusetzen.

  • Hans Druff am 25.03.2014 13:30 Report Diesen Beitrag melden

    Lektion

    Es gibt nunmal Rotzlöffel die - wenn sie saufrech sind und zB die Mutter beleidigen - eine "Flättere" verdient haben. Das Kind wird so erstaunt und "baff" sein, dass es seine Lektion gelernt hat. Habe genau einmal eine kassiert und die Lehren daraus gezogen.

    • Beat am 25.03.2014 14:17 Report Diesen Beitrag melden

      in allen ehren aber...

      wenn physische gewalt das einzige mittel ist welches hilft dann ist wohl in der erziehung vorher bereits etwas ziemlich schief gegangen. wahrscheinlich fehlt solchen eltern wohl eher die geduld oder die lust sich mit ihren kindern auseinanderzusetzen.

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