Skelette erzählen

05. April 2014 16:32; Akt: 04.04.2014 16:46 Print

Dem Schwarzen Tod auf den Zahn gefühlt

von Nina Sündermann, AP - Beim Bau einer Bahnlinie in London haben Arbeiter Skelette aus dem 14. Jahrhundert gefunden. Deren Zähne enthüllen Geheimnisse über die Pest und ihre Opfer.

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Don Walker, ein Knochenspezialist des Museums von London, umriss die Biografie eines Mannes, dessen sterbliche Überreste Bauarbeiter gefunden hatten: Er war als Säugling gestillt worden, zog aus einem anderen Teil Englands nach London, hatte als Kind schwere Karies, wurde ein Arbeiter und starb als junger Erwachsener an der Beulenpest, die Europa im 14. Jahrhundert heimsuchte.

Das Leben des Mannes war unangenehm, brutal und kurz, doch sein Leben nach dem Tod ist lang und erhellend. «Es ist fantastisch, dass wir uns einen Menschen, der vor 600 Jahren starb, so genau ansehen können», sagte Walker. Die 25 Skelette wurden im vergangenen Jahr bei Arbeiten an einer neuen Bahnlinie ausgegraben, für die unter der Londoner Innenstadt Tunnel von mehr als 20 Kilometer Länge gebohrt werden müssen.

Archäologen vermuteten sofort, dass die Knochen von einem Friedhof für Pestopfer stammten. Der Fundort, ausserhalb der mittelalterlichen Stadtmauern, stimmt mit historischen Berichten überein. Der Platz, an dem einst ein Kloster lag, ist einer der wenigen Orte der Stadt, die jahrhundertelang unverändert blieben.

Interdisziplinäre Forschung

Um ihre Theorie zu überprüfen, entnahmen die Wissenschaftler zwölf Skeletten je einen Zahn und gewannen daraus DNA. In Tests sei in mehreren Zähnen das Pestbakterium Yersinia pestis nachgewiesen worden, erklärten die Forscher bei der Präsentation ihrer Erkenntnisse. Die Menschen hatten demnach Kontakt mit der Krankheit und starben vermutlich daran. Um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, wurden Wissenschaftler anderer Fachrichtungen wie Historiker, Mikrobiologen und Physiker hinzugezogen.

Mit Hilfe der Radiokarbonmethode und der Analyse von Tonscherben wurde der Zeitpunkt der Beisetzung bestimmt. Forensische Geophysiker, die sonst bei Ermittlungen zu Morden und Kriegsverbrechen zu Rate gezogen werden, halfen, unter dem Platz weitere Gräber zu finden. Weitere Untersuchungen gaben Aufschluss über Einzelheiten zu Ernährung und Gesundheit.

Es handelte sich demnach überwiegend um arme Menschen. Viele der Skelette wiesen Zeichen von Mangelernährung auf, die zu der grossen Hungersnot passen, die Europa 30 Jahre vor der Pest heimsuchte. Viele hatten Rückenverletzungen, die auf harte Arbeit hindeuten. Ein Mann wurde zum Ende seines Lebens Vegetarier, möglicherweise war er also einem Mönchsorden beigetreten.

Mindestens 75 Millionen Tote

Überrascht waren die Archäologen darüber, dass die Skelette in verschiedenen Schichten lagen und offenbar aus drei unterschiedlichen Perioden stammen: der ursprünglichen Pestepidemie von 1348-1350 sowie weiteren Ausbrüchen 1361 und dem frühen 15. Jahrhundert. «Es deutet darauf hin, dass die Begräbnisstätte immer wieder für die Beisetzung von Pestopfern genutzt wurde», sagt Jay Carver, Chefarchäologe der Grabungsstätte Crossrail.

Der Schwarze Tod kostete vermutlich mindestens 75 Millionen Menschen das Leben, darunter mehr als die Hälfte der Bevölkerung Grossbritanniens. Und doch deuten die Beisetzungen auf ein überraschend grosses Mass an sozialer Ordnung hin — zunächst zumindest. Als die Pest wütete, pachteten die Stadtväter Land für einen Notfallfriedhof. Die Bestattungen waren einfach, aber geordnet. Die Toten wurden in Leichentücher gewickelt und fein säuberlich in Reihen gebettet, begraben unter einer Schicht Tonerde.

Die späteren Skelette weisen dagegen mehr Zeichen von Verletzungen am Oberkörper auf, die zu einer Ära der Gesetzlosigkeit und des Zusammenbruchs der sozialen Ordnung passen.

Blick in die Zukunft

Für diesen Sommer sind neue Grabungen geplant. Die Archäologen wollen herausfinden, wie viele Tote unter dem Platz begraben sind. Carver zufolge liegt die Zahl vermutlich in den «niedrigen Tausendern».

Auch die Zähne haben möglicherweise noch nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben. DNA-Experten der kanadischen McMaster-Universität arbeiten an der Entschlüsselung des Pestgenoms, das in den Zähnen gefunden wurde.

Sie erhoffen sich neue Erkenntnisse über eine Krankheit, mit der sich weltweit jährlich noch immer mehrere tausend Menschen infizieren. Die meisten Patienten genesen wieder, sofern sie rechtzeitig mit Antibiotika behandelt werden. Die Forscher möchten erfahren, ob die Krankheit des 14. Jahrhunderts dieselbe ist wie die moderne Version, oder ob sie sich weiterentwickelt hat.

Die Untersuchung der DNA von Zähnen, die in den 1980er-Jahren auf einem anderen Londoner Pestfriedhof gefunden wurden, deuten darauf hin, dass die Bakterie weitgehend unverändert blieb. Gesichert ist das aber noch nicht. Molekularbiologie Brendan Wren von der Londoner Schule für Hygiene und Tropenmedizin, sagt, die neuen Erkenntnisse könnten Forschern helfen zu verstehen, «wie die Pestbakterie — und andere fiese Bakterien — für Menschen so ansteckend werden». Dies seien nützliche Informationen, die vor potenziellen Epidemien und Pandemien warnen und diese abwenden könnten.