Kurioses Experiment

17. August 2019 11:52; Akt: 17.08.2019 14:25 Print

Der Mann, der sich 12-mal selbst erhängte

von Fee Riebeling - Weil er beweisen wollte, dass er mit seiner Theorie richtig lag, nahm Nicolae Minovici den Strick – mehrfach.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Selbstversuche gibt es in der Wissenschaft immer wieder. Doch nur wenige muten so merkwürdig an wie die des Rumänen Nicolae Minovici. Er erhängte sich selbst. 12-mal.

Nachdem sich der 1868 geborene Rechtsmediziner zu Beginn seiner Karriere mit der Frage nach einem Zusammenhang zwischen Tätowierungen und Kriminalität beschäftigt hatte, wollte er Anfang des 20. Jahrhunderts wissen, was bei Erhängen im Körper passiert.

Was passiert beim Hängen?

«Wir alle wissen, was ein gehängter Mann ist, aber bisher konnte noch niemand das Hängen wirklich definieren», soll Minovici regemässig seinen Kollegen Paul Brouardel zitiert haben. Er war davon überzeugt, dass kein Thema in der Rechtsmedizin zu mehr wissenschaftlichen Fehlern geführt hatte als das Hängen.

Schliesslich konnte man damals nur aufgrund der Begleitumstände auf die Todesursache «Erhängen» schliessen, nicht aber aufgrund von Merkmalen an der Leiche. Man wusste einfach zu wenig darüber. Und genau das wollte Minovici ändern.

Eine Theorie und eine grosse Frage

Als Minovici nach seinem Forschungsaufenthalt in Berlin begann, sich ausführlich mit dem Hängen zu befassen, folgte man noch der Lehre des französischen Rechtsmediziners Auguste Ambroise Tardieu. Nach dieser soll eine Störung der Atemwege Hauptgrund für das Ableben beim Hängen gewesen sein.

Doch es waren bereits erste Zweifel daran aufgekommen – auch bei Minovici. Anders als Tardieu ging er davon aus, dass der Verschluss der Halsgefässe entscheidend für den Tod während des Erhängens sei. Darauf hatten Arbeiten von anderen Kollegen hingewiesen. Doch wie sollte er das beweisen?

Schmerzen, Ohrenpfeifen, Atemnot

Aus Mangel an Freiwilligen und aus ethischen Gründen führte der Rechtsmediziner seine riskanten Experimente nicht nur durch, sondern nahm auch selbst an ihnen teil. Zunächst hängte er sich im Liegen, dann im Sitzen. Dann wurde ihm klar, dass er sich für die erhofften Forschungsergebnisse mit seinem gesamten Gewicht ins Seil hängen musste – und tat es.

Sechs- bis siebenmal, so ist es in seiner «Studie über das Erhängen» (1904) nachzulesen, zogen ihn seine Mitarbeiter ein bis zwei Meter nach oben, «um sich an das Hängen zu gewöhnen». Minovici hielt nur knapp fünf Sekunden aus, dann verlor er das Bewusstsein. Trotz fürchterlicher Schmerzen am Hals wiederholte er den Versuch am nächsten Tag. Immer und immer wieder – bis er schliesslich 26 Sekunden schaffe.

12-mal in Lebensgefahr

In dieser Sitzung «wurden wir uns der Symptome des Hängens und des Todesmechanismus bewusst», notierte Minovici im Anschluss. Und weiter: Er habe fürchterliche Schmerzen gehabt, seine Ohren hätten so laut gepfiffen, dass sie alles übertönt hätten, und die Atemnot sei so gross gewesen, dass das Experiment habe abgebrochen werden müssen.

Zur Illustration seines Leids veröffentlichte er ein Foto seines geschundenen Halses in der Studie (siehe Bildstrecke). Doch trotz der körperlichen Strapazen, die auch noch Wochen später sichtbar waren, forschte der Rechtsmediziner weiter. Bei einigen seiner insgesamt 12 Hängungen kam er nur knapp mit dem Leben davon.

Das Risiko machte sich bezahlt: Minovici hat mit seinen Versuchen Massstäbe in der Rechtsmedizin gesetzt. Denn seine Arbeit führte zu gleich zwei neuen Erkenntnissen: Zum einen, dass Erhängte in der Regel aufgrund der unterbrochenen Blutzufuhr zum Gehirn sterben und nicht durch Ersticken. Zum anderen, dass Erhängen keine schmerzlose Angelegenheit ist.

Der Mann, der jahrelang sein Leben riskiert hatte, starb 1941 in Bukarest an den Folgen einer Stimmbanderkrankung.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Aaron am 17.08.2019 12:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ergänzung

    Hier spricht man von hängendem Strangulieren, eine grausame Sache. Bei der Hinrichtung durch Erhängen, fällt der Verurteilte meist durch eine Falltüre in das Seil. Der sogenannte Henkersknote durch den das Seil läuft, wird am Genick so fachmännisch platziert, dass das Genick im Bruchteil einer Sekunde bricht und der Tod sofort eintritt. Der Gehängte spürt bei professioneller Anwendung nichts. Sadam Hussein wurde z.B so hingerichtet. Kein schönes Thema, aber wenn schon....

    einklappen einklappen
  • Paede am 17.08.2019 13:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Sehr guter Artikel!

    einklappen einklappen
  • p. steiner am 17.08.2019 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    das war noch einsatz

    für die wissenschaft.. und was ist mit der halswirbelsäule? es gab doch sicher verletzungen (bandscheiben, nerven, augenstörungen, taubheit im arm knochen)..

Die neusten Leser-Kommentare

  • Walter K. am 17.08.2019 20:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    No go

    So was sollte hier nicht gezeigt werden -> Jugendliche Nachahmer...

  • Maria, die Böse am 17.08.2019 20:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das wäre doch schade.

    Nicht nachmachen. Weder zwölfmal, noch nur einmal. Es könnte das letzte Mal sein.

  • markus tschopp am 17.08.2019 19:53 Report Diesen Beitrag melden

    noch eine kleine Ergänzung

    Meines Wissens muss der Henkersknoten jedoch seitlich am Hals plaziert werden, damit der gewünschte Effekt eines gebrochenen Halswirbels eintritt ..

  • The New Yorker am 17.08.2019 19:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aus aktuellem Anlass

    Einen trefflicheren Zeitpunkt hätte man sich ja nicht ausdenken können

  • Neumann am 17.08.2019 17:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vocation 

    Der Mann war noch mit Leib und Seele Mediziner und Forscher. Heute praktizieren viele ohne Berufung und mit Routine. Es ist halt nur noch ein Job geworden wie alle anderen auch.