Vom Eis eingeschlossen

21. September 2019 08:01; Akt: 21.09.2019 08:01 Print

Die «Polarstern» ist bereit zum Einfrieren

Die grösste Arktis-Expedition der Geschichte sticht am Freitag in See. Mit an Bord sind auch Schweizer Projekte.

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Die «Polarstern» ist ein als Eisbrecher ausgelegtes Forschungs- und Versorgungsschiff. Am Freitagabend wird sie im Rahmen der sogenannten Mosaic-Expedition von Tromsø (Norwegen) aus in See stechen. Ein Jahr lang soll das Forschungsschiff mitsamt der Besatzung fest eingefroren im arktischen Eis durch das Nordpolarmeer driften. Versorgt von weiteren Eisbrechern und Flugzeugen werden insgesamt 600 Menschen aus 17 Ländern an der Expedition teilnehmen. 300 davon werden zeitweise an Bord sein. Weitere 300 Fachleute arbeiten im Hintergrund, um die Expedition zu ermöglichen. (Im Bild: Aufnahme von der Sommer-Expedition 2015) Im ewigen Eis werden die Forscher sich weniger auf die arktischen Wildtiere ... (Im Bild: zwei Eisbären auf dem Meereis des Arktischen Ozeans, 2015) ... und auch nicht auf die beeindruckenden Naturschauspiele konzentrieren, sondern vor allem arbeiten. (Im Bild: Polallichter über dem Weddellmeer) Das Ziel der aufwendigen Expedition ist es, die Wechselwirkung zwischen Atmosphäre, Eis und Ozean zu erforschen, um bestehende Wissenslücken bei Klimaprognosen zu schliessen. Die Forscher folgen damit einem prominenten Beispiel aus der Vergangenheit. (Im Bild: Arktisforscher im Eis, 2013) 125 Jahre ist es her, dass der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen mit der Fram zur ersten Drift-Expedition der Geschichte aufbrach. (Im Bild: die Fram bei der Abreise aus Bergen am 2. Juli 1893) Die während des zwischen 1893 und 1896 dauernden Forschungstrips von Nansen und seiner Crew gemachten Beobachtungen leisteten wichtige Beiträge zu der damals noch jungen Forschungsdisziplin der Ozeanographie. (Im Bild: Fridtjof Nansen, 1897) So lieferte die Eisdrift der Fram und der Marsch der Crew nach Norden den erstmaligen Beweis, dass sich zwischen dem eurasischen Kontinent und dem Nordpol keine grösseren Landmassen befinden und die Nordpolarregion im Wesentlichen durch vereiste Tiefsee gekennzeichnet ist. (Im Bild: die Fram im Packeis, 1894) Die aktuelle Expedition ist auf 350 Tage im ewigen Eis ausgelegt. Die Forscher gehen davon aus, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit der Eisdrift bei rund sieben Kilometer pro Tag liegen wird. Ein Zuckerschlecken wird der Aufenthalt für die Forscher nicht. Im Winter muss mit Temperaturen von bis zu minus 45° Celsius gerechnet werden. Auch die Kosten sind ordentlich: Pro Tag kostet die Expedition etwa 200'000 Euro, umgerechnet rund 218'000 Franken. Auch Schweizer sind beteiligt. Ein Team um Mike Schwank (rechts) von der WSL hat beispielsweise ein Messgerät entwickelt, das die Mikrowellen erfasst, die Meereis ausstrahlt. Sein Mitarbeiter Reza Naderpour (links) soll die Apparatur rund um die «Polarstern» einsetzen und die Ergebnisse mit Satelliten-Messungen vergleichen. So sollen Veränderungen des arktischen Meereises beobachtet werden. Julia Schmale und ihr Team vom PSI erforschen winzige Partikel (Aerosole) in der Atmosphäre, die für die Wolkenbildung wichtig sind. Denn Wolken, so Schmale zu Keystone-SDA, seien zentral für die weitere Entwicklung des Meereises in der Arktis und das Klimasystem. Das von Martin Schneebeli geleitete Team des SLF will mit verschiedenen Messtechniken die Mikrostrukturen und physikalischen Eigenschaften des Schnees erfassen. Dieser Schnee wirkt sich indirekt auf die Meereisbedeckung der Arktis aus.

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Die Arktis verändert sich rasant. Das Minimum, auf welches die Meereisfläche im Sommer schrumpft, wird immer kleiner. Mit dem Klimawandel erwärmt sich die Arktis besonders schnell. Mit globalen Auswirkungen, insbesondere auf Wetterprozesse der nördlichen Hemisphäre. Lang anhaltende Extremwetterlagen wie Trockenheit sind eine der Folgen.

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Gleichzeitig bestehen gerade bei den Polarregionen noch grosse Wissenslücken, die zu Unsicherheiten in den Klimamodellen führen. Im Rahmen der Arktis-Expedition «Mosaic» unter Leitung des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) wollen Forschende die Wechselwirkung von Ozean, Meereis und Atmosphäre während eines Jahres untersuchen und damit unter anderem Klima- und Wettermodelle verbessern.

«Mosaic» steht für «Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate». Es ist eine Expedition der Superlative, ein logistisches Megaprojekt unter extremsten Bedingungen. Das Budget liegt laut Projektwebsite bei über 140 Millionen Euro.

Stilles Sich-treiben-Lassen

«Die Idee hinter ‹Mosaic› ist, still im Eis zu sitzen und zu beobachten», fasst Julia Schmale vom Schweizer Paul-Scherrer-Institut die Expedition zusammen. Inspiriert ist das Grossprojekt von der Reise des Norwegers Fridtjof Nansen mit dem Segelschiff «Fram» vor 126 Jahren (siehe Box). Wind und Meeresströmungen bestimmen den Kurs.

«Die Idee ist, still im Eis zu sitzen und zu beobachten.»

Auf dem Forschungsschiff «Polarstern» des AWI werden sich über 100 Forschende vor der sibirischen Küste vom Packeis umschliessen und über ein Jahr lang ohne Antrieb mit dem Transpolardrift treiben lassen. Sechs Etappen sind geplant, von Etappe zu Etappe wechseln sich die Forschenden ab. Mit sehr starken Eisbrechern wird die neue Besatzung zur driftenden «Polarstern» gebracht und die vorherige abgeholt.

Insgesamt sind 600 Forschende aus 17 Nationen beteiligt, 300 davon werden zeitweise an Bord sein. Weitere 300 Fachleute arbeiten im Hintergrund, um die Expedition zu ermöglichen. Sechs Personen passen beispielsweise auf, dass es zu keinen unangenehmen Begegnungen mit Eisbären auf dem Packeis kommt. Rund um die «Polarstern» sollen auf dem Eis nämlich ein Basiscamp, ein Netz aus Messstationen und eine Landebahn für Versorgungsflüge entstehen.


Meereis und Wolken

An Mosaic beteiligt sind auch das PSI, die Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), das Swiss Polar Institut (SPI) und die Schweizerische Kommission für Polar- und Höhenforschung (SKPH).

Ein Team um Mike Schwank von der WSL hat beispielsweise ein Messgerät entwickelt, das die Mikrowellen erfasst, die Meereis ausstrahlt. Sein Mitarbeiter Reza Naderpour soll die Apparatur rund um die «Polarstern» einsetzen und die Ergebnisse mit Satelliten-Messungen vergleichen.

Ziel sei, Veränderungen des arktischen Meereises als Folge des Klimawandels trotz langer, dunkler Winter zu beobachten und besser zu erfassen, sagte Schwank gemäss einer Mitteilung der WSL.

Spezielle Herausforderung

Julia Schmale und ihr Team erforschen winzige Partikel (Aerosole) in der Atmosphäre, die für die Wolkenbildung wichtig sind. Für die zentrale Arktis gibt es bisher wenige Messungen dazu. Das soll sich ändern: Der mit Messgeräten bestückte Container von Schmales Team steht ganz vorne auf dem Forschungsschiff.

«Wir wollen wissen, wie sich diese Prozesse mit dem Klimawandel verändern.»

«Wolkenbildung spielt für die Energiebilanz eine wichtige Rolle – in klaren Nächten wird es sehr kalt, in bewölkten bleibt es wärmer», erklärte Schmale im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Damit sind Wolken zentral für die weitere Entwicklung des Meereises in der Arktis und das Klimasystem.

Aerosole bilden Kondensationskeime für die Wolkenbildung. «Es gibt Partikel aus menschlichen Aktivitäten und solche natürlichen Ursprungs. Wir wollen wissen, wie sich die Zusammensetzung im Jahresverlauf entwickelt und wie sich diese Prozesse mit dem Klimawandel verändern», so die Forscherin.

Eine spezielle Herausforderung werde sein, die hochkomplexen Instrumente über einen so langen Zeitraum am Laufen zu halten. Nur eine Person aus dem Team wird pro Etappe an Bord sein und müsse täglich eine Liste von rund 200 Punkten abarbeiten, um alles zu kontrollieren.

«Here comes the sun»

Schmale selbst wird für die dritte Etappe von Februar bis April 2020 an Bord gehen. Sie freue sich besonders auf das Ende der 150-tägigen Polarnacht. «Dieser Übergang von der ständigen Dunkelheit bis die Sonne wiederkommt, wird allein schon visuell faszinierend sein. Aber auch für unsere Forschung: Wenn die Sonne kommt, fängt die Chemie an. Das wird absolut spannend.»

«Das wird ein einmaliges Erlebnis.»

So lange auf seinen Einsatz warten muss David Wagner vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) nicht. Er ist Teil der ersten Crew, die am Freitagabend vom norwegischen Tromsø aus in See sticht. Dabei betreut er ein Projekt, das die Rolle von Schnee bei der Bildung und Schmelze von Meereis untersucht.

Das von Martin Schneebeli geleitete Team des SLF will mit verschiedenen Messtechniken die Mikrostrukturen und physikalischen Eigenschaften des Schnees erfassen. Schnee wirkt sich auf die Wärmeübertragung zwischen Atmosphäre und Meereis aus und damit auf die Meereisbedeckung der Arktis. Die Messdaten kommen insbesondere auch Modellen zur Wettervorhersage zugute, erklärte Wagner gegenüber der Keystone-SDA.

Mit der Expedition erfüllt sich für ihn ein Kindheitstraum, verriet er. «Diese Kombination von Schnee, Eis und Meer hautnah zu erleben, die Natur in dieser extremen Form, das wird ein einmaliges Erlebnis.»

Im ewigen Eis werden die Forscher wilden Tieren begegnen, Naturschauspiele beobachten – und jede Menge zu tun haben. (Video: AWI)

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Noldi Schwarz am 21.09.2019 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    So geht Umweltschutz

    Das Schiff stammt aus dem Jahr 1982. Es wurde das letzte Mal 1997 generalüberholt. O-Ton des Kapitäns: "So treten nun mehr und mehr Reparaturen altersbedingter Schäden neben die routinemäßige Instandhaltung, Wartung und Modernisierung." Das nagelneue Nachfolgeschiff Polarstern II wäre nächstes Jahr vom Stapel gelaufen. Also lieber mit einer altern Dieseldreckschleuder ins ewige Eis.

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  • Bertie am 21.09.2019 08:23 Report Diesen Beitrag melden

    Unnütz

    Und was verbraucht diese Mühle in der Zeit an Schweröl?Das ist dann ok, aber die Verbrenner verbannen geht, jaja

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  • Hurluberlu am 21.09.2019 08:32 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Hohn

    Da wird doch der Umweltschutz mit den Füßen getreten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Theater am 22.09.2019 19:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    extremste Scheinheiligkeit

    Da wird einmal mehr klar, wie scheinheilig das ganze Klimatheater ist. Da machen hunderte Derer, die pausenlos den schlimmen Klimawandel und Massnahmen propagieren, genau das was am schlimmsten sei. Und das alles zusammen in maximal konzentrierter Form: Arktis, Schiffe ,Flugzeuge, Naturspektakel, Kindheitsträume, usw. mit unhaltbarem Aufwand.

  • Brain Bug am 22.09.2019 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wer hat eine Antwort?

    Wie dick sind die Stahlplatten der Seitenwände? 15 mm? 20 mm? Wenn die Meeresstömungen das Packeis zusammenschieben und auftürmen, wird dann das Schiff nicht beschädigt?

    • kein Problem am 22.09.2019 18:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Brain Bug

      die CO2-neutralen Dieselmotoren werden das sicher genug wärmen. Und Essen kommt aus der nahen Umgebung. Ausser Mangos, Avocados und Bananen, die werden mit Flugzeug oder Eisbrecher geliefert.

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  • Ronia am 22.09.2019 15:32 Report Diesen Beitrag melden

    und tschüss

    Warum lässt sich Greta nicht einfrieren. Würde auch CH1000.- spenden.

  • Rolf Lehner am 22.09.2019 15:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Armes Gretchen

    Wenigstens haben sie, allen Unkenrufen zum Trotz, Eis gefunden. Das sollte man aber nicht zu laut sagen, sonst wird die Gretchenlüge bekannt und der Geldhahn abgestellt.

  • Verbrennermotor am 22.09.2019 11:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinnloses verhindern

    Wann werden solch schädliche und sinnlosen Profilierungsprojekte und Eisbrecher verboten ?

    • Batterie am 22.09.2019 11:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Verbrennermotor

      die Eisbrecher und Flugzeuge sind doch sicher elektrisch ?

    • lokal regional am 22.09.2019 11:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Batterie

      und die Verpflegung der Teilnehmer erfolgt natürlich lokal regional, was sonst. Und sie geben sich gegenseitig warm, damit nicht geheizt werden muss.

    • Rolf Lehner am 22.09.2019 15:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Verbrennermotor

      Solange es noch Eis gibt, nicht.

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