Todesfalle Nordsee

10. August 2018 17:35; Akt: 10.08.2018 17:35 Print

Das hat es mit den 30 toten Pottwalen auf sich

30 Pottwale strandeten 2016 an der Nordseeküste und verendeten. Lange wurde gerätselt, was passiert ist. Nun sind die Untersuchungen abgeschlossen.

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Grosses Pottwal-Sterben: In den ersten Monaten des Jahres 2016 wurden insgesamt 30 Wal-Kadaver an die Nordseeküste angespült. Allein an der deutschen Nordseeküste strandeten 16 der Riesen. Weitere Wale starben an den Küsten der Niederlande, Grossbritanniens und Frankreichs. Nun liegt der Abschlussbericht vor. Laut der im Fachjournal «Plos One» veröffentlichten Studie, war keines der Tiere ernsthaft krank oder verletzt, noch Opfer einer sonstigen klar nachweisbaren Umwelteinwirkung. Die Tiere verirrten sich wohl durch das «komplexe Zusammenspiel» nicht mehr rekonstruierbarer Faktoren. In der laut Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover bislang umfangreichsten Analyse einer Pottwalstrandung hatte ein internationales Team aus mehr als 40 Experten 27 der 30 Kadaver untersucht sowie die zur damaligen Zeit herrschenden Umweltbedingungen betrachtet. Die Tiere waren zwar von Parasiten und mit einer bisher unbekannten Variante des Herpesvirus befallen, aber diese können die Strandungsserie nicht erklären. Auch Traumata durch Schiffskollisionen, ... ... Verheddern in Netzen oder eine Kontamination mit chemischen Stoffen schieden aus. Der im Magen von neun Wale aufgefundene Plastikmüll reichte nach Einschätzung der Experten ebenfalls nicht aus, da er bei keinem der Tiere den Verdauungstrakt verstopfte. Umweltereignisse wie die Schockwellen von Seebeben, giftige Algenblüten oder auffällige Veränderungen der Ozeantemperatur seien nach eingehender Analyse aller verfügbaren Daten als «sehr unwahrscheinlich» zu betrachten. Die Theorie von der «Kombination grossräumiger Umweltfaktoren» wird auch dadurch gestützt, dass die Tiere zu zwei unterschiedlichen Gruppen aus verschiedenen Gebieten gehörten und dass im Frühjahr 2016 zeitgleich auch andere Arten in der Nordsee strandeten, die dort sonst nicht vorkämen. Ihrem Mageninhalt zufolge frassen sie zuletzt in den Gewässern vor Norwegen ihre bevorzugte Nahrung aus Tintenfischen, die sie in grosser Tiefe jagen. Seit der Massenstrandung haben verschiedene Theorien die Runde gemacht. Eine mögliche Erklärung stammte von Forschern um Klaus Heinrich Vanselow von der Universität Kiel. Ihnen zufolge könnten heftige Sonneneruptionen, die sich Ende Dezember ereigneten, die Meeressäuger fehlgeleitet haben. (Im Bild: Walkadaver auf Wangerooge) Denn auf der Sonne kommt es immer wieder zu gewaltigen Eruptionen, bei denen auch gigantische Mengen von Gasen ins Weltall geschossen werden. Treffen sie auf die Erde, kommt es einerseits zu Polarlichtern, andererseits zu Störungen des Magnetfelds der Erde. (Im Bild: Nordlichter in Norwegen) Letzteres könnte den Walen laut Studie zum Verhängnis geworden sein. Darauf deuten zumindest die Daten einer Messstation im norwegischen Solund hin. (Im Bild: Walkadaver auf Wangerooge) Wie die Forscher im «International Journal of Astrobiology» schreiben, hat sich das Magnetfeld in der Region am 20. Dezember 2015 so verändert, dass es sich kurzzeitig um 460 Kilometer in Nord-Süd-Ausrichtung verschob. Ähnliches spielte sich auch am 31. Dezember ab. Das könnte die Pottwale in die Irre und damit in den Tod geführt haben, so die Theorie der Kieler Forscher: Statt westwärts nördlich von der britischen Insel zu schwimmen, zogen die Jungbullen nach Süden – und damit in den Tod. Es war nicht die erste Erklärung für das grosse Walsterben von 2016. (Im Bild: einer der beiden Wangerooger Wal-Kadaver beim Abtransport) Bereits kurz nach der Entdeckung der Kadaver äusserten Forscher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung die Theorie, heftige Sonnenstürme hätten das Lieblingsessen der Wale – Kalmare – nach Süden und somit in flache Gewässer getrieben, aus denen es für die Wale kein Entrinnen gab. Dafür sprachen einerseits die zahlreichen durch die Tintenfischsaugnäpfe verursachten Narben auf der Haut der Meeressäuger, aber auch die Tatsache, ... ... dass Pottwale in Gewässern, die flacher als 50 Meter sind, Probleme mit ihrem Sonarsystem bekommen – der einzigen Möglichkeit, die den Tieren zur Orientierung zur Verfügung steht. Wie wichtig dieses ist, zeigt auch ein Blick auf den Schädel der Pottwale. (Im Bild: das Wal-Skelett auf Wangerooge) Vergleicht man diesen mit einem vollständigen Kopf, fällt auf: Für das Sonar, das oberhalb des Mauls angesiedelt ist, steht enorm viel Platz zur Verfügung. Eine weitere mögliche Erklärung für das grosse Pottwal-Sterben war: Plastikmüll könnte die Mägen der Tiere verstopft haben, wodurch die Tiere Hunger leiden mussten und immer schwächer wurden. Dafür spricht unter anderem der Fund eines Fischernetzes im Magen eines der auf Wangerooge verendeten Tiere.

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Im Frühjahr 2016 verendeten an der deutschen und niederländischen Nordseeküste 30 Pottwale – alles kräftige Jungbullen – qualvoll. Wale können in dem flachen Randmeer mit seinen vielen Inseln, Flussmündungen und Wattbänken nicht gut navigieren und finden nichts zu fressen. Wenn sie stranden, werden sie vom Gewicht ihres eigenen Körpers erdrückt. Danach begann das grosse Rätselraten, was zum Tod der Tiere geführt haben könnte.

Entsprechend viele Theorien gab es. Laut Kieler Forschern haben heftige Stürme die Leibspeise der Wale – Kalmare – nach Süden und somit in flache Gewässer getrieben, aus denen es für die Wale kein Entrinnen gab. Andere vermuten, dass Plastikmüll die Mägen der Tiere verstopft hat. Andere Kieler Wissenschaftler waren dagegen der Ansicht, dass die an den Küsten verendeten Tiere von Sonnenstürmen fehlgeleitet worden waren.

Kombination verschiedener Faktoren

Nun, zwei Jahre nach der ungewöhnlichen Häufung von Walstrandungen, liegt der Abschlussbericht vor. In der laut der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover bislang umfangreichsten Analyse einer Pottwalstrandung hatte ein internationales Team aus mehr als 40 Experten 27 der 30 Kadaver untersucht sowie die zur damaligen Zeit herrschenden Umweltbedingungen betrachtet.

Es sei dabei «kein alleiniger Faktor gefunden worden, der für die Strandungsreihe im Jahr 2016 verantwortlich ist», heisst es in der Studie, die im Fachjournal «Plos One» veröffentlicht worden ist. Stattdessen gehen die Autoren davon aus, «dass sehr wahrscheinlich eine Kombination verschiedener und zusammenfallender Faktoren dazu geführt hat».

Plastikmüll nicht schuld

Insbesondere fanden die Experten keine Hinweise auf gravierende Erkrankungen oder Verletzungen. Die Tiere waren zwar von Parasiten und einer bisher unbekannten Variante des Herpesvirus befallen, aber diese können die Strandungsserie nicht erklären. Auch Traumata durch Schiffskollisionen, Verheddern in Netzen oder eine Kontamination mit chemischen Stoffen schieden aus.

Der im Magen von neun Walen aufgefundene Plastikmüll reichte nach Einschätzung der Experten als Todesursache ebenfalls nicht aus, da er bei keinem der Tiere den Verdauungstrakt verstopfte. Umweltereignisse wie Schockwellen von Seebeben, giftige Algenblüten oder auffällige Veränderungen der Ozeantemperatur seien nach eingehender Analyse aller verfügbaren Daten als «sehr unwahrscheinlich» zu betrachten.

Vom eigenen Gewicht erdrückt

Diese Ergebnisse decken sich mit Resultaten der Untersuchung einiger Tiere, die Fachleute für das schleswig-holsteinische Umweltministerium kurz nach den Strandungen vorgenommen hatten. Demnach waren die Wale gesund sowie gut genährt.

Dass die Tiere durch menschlichen Lärm geschädigt werden und die Orientierung verlieren, ist eine weitere Theorie zur Erklärung. Erklärungsbedürftig ist weniger die Todesursache der Pottwale, die in der Nordsee nicht zurechtkommen. Die Frage ist vielmehr, warum die über sehr weite Strecken wandernden Tiere in für sie ungeeignete Meeresgebiete «abbiegen».

Letzte Mahlzeit vor Norwegen

Wahrscheinlich habe «eine Kombination grossräumiger Umweltfaktoren» dafür gesorgt, dass die Wale in die südliche Nordsee gelangten und dort wie in einer «Falle» festsassen, so das aktuelle Fazit. Diese These werde dadurch gestützt, dass die Tiere laut Analyse zu zwei unterschiedlichen Gruppen aus verschiedenen Gebieten gehörten und dass im Januar und Februar 2016 zeitgleich auch andere Arten in der Nordsee strandeten, die dort üblicherweise nicht vorkämen. Ihrem Mageninhalt zufolge frassen sie zuletzt in den Gewässern vor Norwegen ihre bevorzugte Nahrung aus Tintenfischen, die sie in grosser Tiefe jagen.

Neben den 13 vor Schleswig-Holstein verendeten Tieren waren damals drei vor Niedersachsen gefunden worden. Weitere Wale starben an den Küsten der Niederlande, Grossbritanniens und Frankreichs.

Pottwale verenden an deutscher Küste

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Paddy-Zé am 10.08.2018 18:11 Report Diesen Beitrag melden

    Sonarwaffen

    Easy, wenn man der Sonne die Schuld geben kann. Aber kein einziges Wort von militärischer Aktivität. Was die alles machen, um U-Boote zu orten, halten die sensiblen Sonarorgane der Tiere nicht aus. Ist klar, dass das eine Hochschule keine taktischen Militärdaten bearbeiten kann ist auch klar. Wenigsten erwähnen hätte es man dürfen.

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  • Onurb am 10.08.2018 18:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Natur

    vielleicht auch ein ganz natürlicher Vorgang Dennoch sind viele menschgemachte negative Faktoren in der Umwelt vorhanden

  • Rosmarie Wüthrich am 10.08.2018 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Kurz zusammengefasst: Es wurde nichts herausgefunden....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Heidi Heidnisch am 11.08.2018 13:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Intelligente Wesen

    Wie wäre es damit: Kollektiver Selbstmord weil das Leben in der Plastik-Kloake ohne Ruhe, nicht mehr lebenswert ist?

    • brual auch gegen eisbären am 12.08.2018 00:11 Report Diesen Beitrag melden

      Die Plastik Kloake

      ist mehr in den Südlichen Meeren. Aber sie sind gerade dabei dies zu ändern. Jetzt kommt der Norden an die Kasse!

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  • arwhite am 11.08.2018 11:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heuchler und ihre machenschaften

    Mit haarp und anderen technologien die umwelt belasten und sich empört frage warum. Heuchlerischer gehts ja nimmer

  • Teutates am 11.08.2018 09:39 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich teure Untersuchungen und

    dann: Nichts genaues weiss man nicht! Lasst es in Zukunft doch einfach bleiben!

    • Susanne am 11.08.2018 11:14 Report Diesen Beitrag melden

      @Teutates

      was erwarten Sie? Gehen sie mal an eine Uni oder Hochschule und schauen sich die "Akademiker von heute" an, dann wissen Sie wo bei 3/4 die Präferenzen liegen.

    • Onurb am 11.08.2018 12:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Teutates

      wie soll jemand Wissen, ob eine Untersuchung ein Resultat bringt.

    • Lesbi am 11.08.2018 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Susanne

      wenn die 1/4 guten Frauen sind, ist doch alles gut

    • rosmarie am 11.08.2018 13:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Teutates

      Und die Meere werden Tod sein!Steht in der Bibel!

    • Appeeri am 11.08.2018 13:44 Report Diesen Beitrag melden

      @Teutates und Lesbi

      @Teutates: Die Untersuchung hat zumindest einige Vermutungen widerlegt die man nun ausschliessen kann. Das ist nicht "Nichts"! Viele Lösungen werden im Ausschlussverfahren gefunden. @Lesbi: Ihr Kommentar ist ziemlich sexistisch und deplatziert.

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  • kalauer am 11.08.2018 06:18 Report Diesen Beitrag melden

    freiwillig

    Könnte mir sehr gut vorstellen, dass diese Wale Opfer waren! Vermutlich wurden Sie von Orca's oder einem Megadolon gejagt! Wer lässt sich schon freiwillig fressen!

    • manchmal frag ich mich am 11.08.2018 10:08 Report Diesen Beitrag melden

      @kalauer

      Ja genau, zu 99% kann man Free Willi dafür verantwortlich machen obwohl die Viecher in anderen Gewässer "zu Hause" sind.

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  • Paker am 10.08.2018 22:29 Report Diesen Beitrag melden

    Wahrscheinlichkeiten

    Dass der Bezug zu U-Booten und deren Sonar nicht erwähnt wird, erstaunt. Dass die Sonne und deren Einfluss auf das Magnetfeld hingegen schon. Da wäre es doch interessant die Relationen und Wahrscheinlichkeit bei so einer grossen Population festzustellen, zumal es zahlreiche Beispiele von U-Booten und deren Sonar als Verursacher gibt.