Folgen für die Kinder

04. September 2018 17:42; Akt: 04.09.2018 17:42 Print

Die Schattenseiten der künstlichen Befruchtung

Künstliche Befruchtung ist für manche der einzige Weg zum eigenen Kind. Doch das scheint laut Berner Forschern Folgen für das Kind zu haben.

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Wenn es auf natürlichem Wege nicht klappen will, setzen manche Paare auf künstliche Befruchtung. Doch das kann offenbar schwerwiegende Folgen für den so gezeugten Nachwuchs haben, wie Forscher des Berner Inselspitals im «Journal of the American College of Cardiology» berichten. Demnach können nach künstlicher Befruchtung geborene Kinder als Teenager ein höheres Risiko für Bluthochdruck und damit ein gesteigertes Risiko für Schlaganfälle und Herzerkrankungen entwickeln. Welche Rolle dabei das Einfrieren überzähliger Embryos sowie das Kultivieren in einer Nährlösung im Brutschrank spielt, ist noch unklar. Zudem weisen die Forscher darauf hin, dass es noch weitere Studien braucht, ... ... weil die aktuelle nur relativ wenige Teilnehmer berücksichtigte, die zudem alle einem einzigen Kinderwunschzentrum entstammten. Daher seien die Ergebnisse erstmal mit Vorsicht zu geniessen. Sie war das erste künstlich erzeugte Baby: Louise Joy Brown kurz nach ihrer Geburt am 25. Juli 1978 im Oldham General Hospital in Manchester, England. Louise Brown mit 10 Jahren, am 21. Mai 1989, in Cambridge. Die Britin an ihrem 25. Geburtstag vor der Fruchtbarkeitsklinik, deren Ärzten sie ihr Leben verdankt. Und ein gemeinsames Bild mit dem ersten männlichen Retortenbaby, Alastair Macdonald, im Jahr 2003. Louise Browns erster Schrei am 25. Juli 1978: Mehr als acht Millionen Babys sind seit ihrer Geburt vor rund 40 Jahren nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung zur Welt gekommen. «Superbabe» Louise: Die Geburt des ersten «Retortenbabys» war eine medizinische Sensation. In den Medien wurde weltweit über Louise berichtet. In den Folgejahren kam es laut «Life»-Magazine zum Boom der «Test-Tube Babys», zu deutsch: Babys aus dem Reagenzglas. Am häufigsten wird inzwischen die Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion angewendet. Die ICSI kommt bei Fruchtbarkeitsproblemen des Mannes zum Einsatz, etwa bei zu wenigen oder schlecht beweglichen Spermien. Ein Monitor zeigt im Kinderwunschzentrum Magdeburg in Deutschland eine solche Spermieninjektion Entwickelt wurde die Methode vom Medizin-Pionier Robert Edwards, der dafür 2010 den Nobelpreis erhielt. 2013 verstarb Edwards. Hier ist er 2008 gemeinsam mit Louise Brown, deren Sohn Cameron und ihrer Mutter Lesley zu sehen.

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1978 kam mit Louise Brown das erste «Retortenbaby» auf die Welt. Künstliche Befruchtung ebnete Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch den Weg zum eigenen Kind. Tierversuche und vereinzelte Untersuchungen beim Menschen deuten jedoch darauf hin, dass sich die Prozedur auf spätere Gesundheitsrisiken des Kindes auswirken könnte. Über die langfristige Entwicklung dieser Risiken ist jedoch wenig bekannt.

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Forschende des Inselspitals Bern zeigen nun mit einer Studie, dass nach künstlicher Befruchtung geborene Kinder als Teenager ein höheres Risiko für Bluthochdruck haben könnten. Emrush Rexhaj und sein Team vom Inselspital untersuchten 54 gesunde Jugendliche im Alter von durchschnittlich 16 Jahren, die durch In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugt worden waren. Zum Vergleich untersuchten sie ausserdem eine Kontrollgruppe von 43 natürlich gezeugten Altersgenossen.

Höherer Blutdruck

Wie die Forscher im Fachblatt «Journal of the American College of Cardiology» berichten, wies die IVF-Gruppe durchschnittlich einen höheren Blutdruck auf als die Kontrollgruppe, nämlich 119/71 mmHg im Vergleich zu 115/69 mmHg. Der Unterschied scheint gering, jedoch wirken sich bereits solch kleine Unterschiede auf das Risiko für Schlaganfälle und Herzerkrankungen aus.

Auffällig war ausserdem die Beobachtung der Forschenden, dass sie bei acht der Jugendlichen aus der IVF-Gruppe Bluthochdruck (über 130/80 mmHg) feststellten, aber nur bei einem der Teilnehmenden in der Kontrollgruppe. Besonders diese erhöhte Prävalenz für Bluthochdruck in den IVF-Teilnehmenden sei besorgniserregend, kommentierte Rexhaj gemäss einer Mitteilung des Fachjournals.

Einige Jahre zuvor hatte er mit seinem Team bereits weitgehend die gleiche Gruppe Kinder im Alter von durchschnittlich elf Jahren untersucht und mit natürlich gezeugten Altersgenossen verglichen. Bereits damals stellten die Wissenschaftler Anzeichen für frühzeitige Gefässalterung beim IVF-Nachwuchs fest, allerdings noch keine Unterschiede beim Blutdruck. Diese hätten nur fünf Jahre gebraucht, um zum Vorschein zu kommen, betonte Raxhaj.

Eventuell unterschätzt

Da es sich um eine Studie mit relativ wenigen Teilnehmern handelt, die zudem alle einem einzigen Kinderwunschzentrum entstammten, seien die Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten, deutet das Fachjournal an.

Allerdings könnte die Studie das Problem sogar unterschätzen, schreibt Larry Weinrauch vom Mount Auburn Hospital in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts in einem Begleitartikel: Mehrlingsgeburten und Kinder, die zu früh, mit geringem Geburtsgewicht oder nach einer Schwangerschaftsvergiftung der Mutter auf die Welt kamen, wurden nämlich von der IVF-Gruppe ausgenommen.

Bereits in der früheren Studie schlossen die Wissenschaftler um Raxhaj aus, dass die Hormonstimulation der künftigen Mutter oder die Sterilität der Eltern Ursache für die veränderten Blutgefässe der Kinder sein könnten. Auch in der aktuellen Studie interpretieren sie ihre Daten so, dass die In-vitro-Fertilisation-Therapie als solche ursächlich sein müsse.

Darunter fallen die Fertilisationsmethode selbst, das Einfrieren überzähliger Embryos sowie das Kultivieren in einer Nährlösung im Brutschrank. Insbesondere Letzteres steht im Verdacht, einen Einfluss auf die Organentwicklung zu haben.

Risiken reduzieren

Michael von Wolff, der am Inselspital Bern die Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin leitet, ist jedoch nicht überzeugt, dass die Hormonstimulation keinen Einfluss hat, wie er in einem Kommentar zur Studie darlegt.

Die Hormonstimulation liesse sich bei der IVF-Prozedur auch vermeiden, wodurch weniger Embryos entstehen würden. Das Einfrieren würde daher wegfallen, und auch die Kultivierung im Brutschrank liesse sich verkürzen.

«Ob diese Massnahmen wirklich die Risiken vermindern können, ist noch unklar», räumt von Wolff ein. Zudem deuteten frühere Studien darauf hin, dass Kinder, die im Jahr 2000 und später durch IVF auf die Welt gekommen seien, eine geringere Erhöhung des Blutdrucks aufweisen würden.

Grund dafür könnte sein, dass die Kultivierungsbedingungen der Embryos verbessert wurden. Rexhaj und sein Team wollen nun die Auswirkungen der IVF-Technik auf das Herz-Kreislauf-System weiter erforschen.

Eine Konsequenz aus den Studienergebnissen sei jedoch, dass man durch IVF-gezeugte Kinder und Jugendliche frühzeitig auf Veränderungen ihres Herz-Kreislauf-Systems hin untersuchen und gegebenenfalls präventive Massnahmen ergreifen sollte, so Weinrauch in seinem Begleitartikel.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Adomama am 04.09.2018 17:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gegen IVF

    Wir haben uns bewusst gegen IVF entschieden. Die Natur wird sich schon was gedacht haben warum es bei uns nicht geklappt hat. Heute sind wir Eltern von den zwei besten Jungs, welch wir adoptiert haben!

    einklappen einklappen
  • Pi_inc. am 04.09.2018 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na ja...

    Eine Studie mit derart kleiner Anzahl Untersuchter sagt überhaupt nichts aus

    einklappen einklappen
  • Mike am 04.09.2018 19:24 Report Diesen Beitrag melden

    Mike

    Wenn die Natur von sich aus etwas nicht zulässt, hat es einen bestimmten Grund. Wir Menschen versuchen zwar mit aller List dagegen anzukämpen...aber wir werden, auf kurz oder lang, immer gegen die Natur verlieren...im besten Fall gibts ein Unentschieden....aber dann haben eientlich beide verloren

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nico am 04.09.2018 21:12 Report Diesen Beitrag melden

    Langzeitstudien sind bitter nötig

    Dass bis heute keine Langzeitstudien zur IVF existieren ist ein Hohn. Endlich wird mal hingeschaut, wie es den Menschen, die so gezeugt wurden eigentlich geht.

  • Vinny am 04.09.2018 21:08 Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Ja ja gegen die natur... Aber wenn jemand schwer krank Im spital sich behandeln lässt ?? Natur?

  • Tommy T. am 04.09.2018 21:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Studien reden krank

    Eine neue Patientengruppe soll geschaffen werden. Der Blutdruckunterschied ist nicht nur gering, sondern vernachlässigbar. Hier wird nur eine Gruppe wieder krank geredet, die man dann behandeln muss. Vor kurzem wurden die Blutdruck-Werte, welche als gesund bezeichnet werden von der WHO minimal verändert, so dass auf einen Schalg Millionen von Menschen plötzlich Blutdruckwerte haben, welche (pharmazeutisch) behandelt werden sollten. Klar, woher der Wind weht. Cool down hier, anstatt sich wieder gefenseitig runtermachen.

  • Mira am 04.09.2018 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Halb so wild die Studie

    Ihr habt aber schon gelesen. Die ivf Kinder, die vor 2000 entstanden sind, mehr betroffen. Ev. Geht es um die Nährlösung die nun anders ist. Also halb so wild. Und an all die schlauen. Den Herzinfarkt bei euch wird man auch nicht behandeln. Die Natur wollte dass ihr nicht alt Werdet. Und doch, das ist das gleiche. Infertilität ist eine Krankheit.

  • Glücklicher Vater am 04.09.2018 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was hat das bitte mit Natur zu tun?

    Hört bitte doch mit Natur so gewollt auf! Ich habe mir als 14-jähriger Mums eingefangen. Die Spermienqualität ist danach nicht gut. Ich kann keine Kinder ohne ärztliche Hilfe zeugen. Was hat denn es mit Natur zu tun, dass ich als Kind eine Infektionskrankheit eingefangen habe??? Oder soll da meine Frau irgendeine Schuld haben? Vor ca. 4 Jahren hat es endllich geklappt, dass Eizellen meiner Frau mit meinen Spermien befruchtet werden konnten und wir 9 Monate später dir glücklichsten Eltern einer süssen Tochter geworden sind. Die Natur, der Gott, das Glück und die Ärzte haben es uns ermöglicht.