Der «Zar»

04. November 2017 19:09; Akt: 04.11.2017 19:09 Print

Die stärkste Wasserstoff-Bombe aller Zeiten

Eine gewaltige Atomexplosion erschütterte 1961 die Insel Nowaja Semlja. Die «Zar-Bombe» war so gross, dass sie als Waffe gar nicht zu brauchen war.

Am 30. Oktober 1961 erschütterte die bisher grösste Explosion die Welt. Sie ging von der Zar-Bombe aus. (Video: Tamedia/Vizzr)
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Nie davor und danach gab es eine solche menschengemachte Explosion. Ihre Schockwelle war noch messbar, als sie schon zum dritten Mal um den Globus gerast war. Die «Zar-Bombe», die am 30. Oktober 1961 über der damals sowjetischen Insel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer detonierte, war die stärkste Wasserstoffbombe, die jemals gezündet wurde.

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AN602, so die offizielle Bezeichnung der monströsen Bombe, trug den Decknamen «Wanja». Die Konstrukteure nannten sie «Grosser Iwan»; inoffiziell wurde sie auch «Kuz'kina Mat» genannt (die Wendung «Ich zeig dir Kuzkas Mutter» bedeutet etwa: «Ich zeig dir, wo der Hammer hängt»). Der amerikanische Geheimdienst CIA verpasste dem Projekt den Codenamen «JOE 111». Die Amerikaner prägten auch den Begriff «Tsar bomb», den die Russen später übernahmen.

4000-mal stärker als Hiroshima-Bombe

Die «Zar»-Bombe war acht Meter lang, mass zwei Meter im Durchmesser und wog 27 Tonnen. In diesem Volumen steckte eine Sprengkraft von – je nach Schätzung – 50 bis 58 Millionen Tonnen TNT. Diese Menge Sprengstoff – das Zehnfache des gesamten im Zweiten Weltkrieg verwendeten Explosivstoffs – ergäbe einen Würfel mit 300 Meter Kantenlänge, so hoch wie der Eiffelturm.

Damit war der «Zar» etwa 4000-mal stärker als die Hiroshima-Bombe «Little Boy», und immer noch vier- bis fünfmal stärker als «Castle Bravo», die stärkste je gezündete US-Bombe. Und dies, obwohl die sowjetischen Konstrukteure die Sprengkraft der eigentlich auf 100 Megatonnen angelegten Bombe auf die Hälfte gedrosselt hatten. Damit konnten sie den radioaktiven Niederschlag um 97 Prozent reduzieren; andernfalls hätte die Bombe die weltweite radioaktive Belastung durch Atomtests auf einen Schlag um ein Viertel erhöht. Auch wären die Überlebenschancen der Bomberbesatzung nahezu gleich null gewesen.

188 Sekunden für die Flucht

Auch bei reduzierter Sprengkraft blieb die Mission für die Crew der eigens für diese enorme Fracht umgebauten Tupolew-Tu-95W gefährlich. Nachdem die Bombe um 11.29 Uhr Moskauer Zeit in 10,5 Kilometer Höhe ausgeklinkt wurde, blieben dem Piloten nur gerade 188 Sekunden, um das Flugzeug aus der Gefahrenzone zu bringen. So lange benötigte die an einem Fallschirm hängende Bombe, bis sie die Detonationshöhe von 4000 Metern erreicht hatte.

Diese Frist war denkbar knapp: Als die Druckwelle der ungeheuren Explosion – rund ein Viertel so stark wie der Ausbruch der Vulkaninsel Krakatau im Jahr 1883 – die Tupolew in 45 Kilometern Entfernung erreichte, riss der Luftstrom unter den Tragflächen ab und die Maschine stürzte 1000 Meter in die Tiefe, bevor die Piloten sie wieder auffangen konnten.

Der Feuerball war eine Sekunde nach der Explosion bereits über sechs Kilometer gross. Er hätte die Erdoberfläche erreicht, aber die von dort reflektierte Druckwelle verhinderte das. Der Atompilz gelangte über die Stratosphäre hinaus in die Mesosphäre und erreichte eine Höhe von 64 Kilometern – mehr als siebenmal höher als der Gipfel des Mount Everest. Auf dem Testgelände in Nowaja Semlia war in einem Umkreis von 55 Kilometern alles komplett zerstört. Noch im Norden Norwegens und Finnlands, mehr als 1000 Kilometer entfernt, barsten Fensterscheiben.

«Den Imperialisten zeigen, was wir können»

Der militärische Nutzen der gewaltigen Bombe war paradoxerweise so gut wie inexistent. Die sowjetische Luftwaffe besass kein Flugzeug, das einen solchen Koloss über interkontinentale Distanzen transportieren konnte. Auch für Interkontinentalraketen war der «Zar» schlicht zu gross. Es dürften politische Motive gewesen sein, die den damaligen sowjetischen Machthaber Nikita Chruschtschow dazu brachten, die Entwicklung dieser Waffe anzuordnen.

Seit 1958 hatten die Supermächte zwar de facto ein Atomtest-Moratorium eingehalten, aber im Kalten Krieg kam es immer wieder zu schweren Spannungen. Chruschtschow wollte dem Westen die Schlagkraft der Sowjetunion vor Augen führen. Im Juli 1961 rief er die führenden Nuklearwissenschaftler zusammen und überraschte sie mit der Ankündigung, die Tests im Herbst wiederaufzunehmen, um «den Imperialisten zu zeigen, was wir können».

Einwände des Chefkonstrukteurs Andrei Sacharow, der später als Dissident den Friedensnobelpreis erhielt, wischte er beiseite. Den Konstrukteuren blieb nur wenig Zeit, da Chruschtschow die Riesenbombe spätestens während des 22. Kongresses der KPdSU im Oktober zünden wollte. Tatsächlich schafften sie es, die Bombe in nur gerade zwölf Tagen zu bauen.


So bildete sich die Pilzwolke. (Video: Youtube/CHA3T3R)

(dhr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • BRUMMLI am 04.11.2017 19:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich Erschreckend

    wahnsinn...oder? Wie verrückt Menschen doch sind. Und ich verstehe das die USA nicht will das Nordkorea solche Bomben baut. Aber eigentlich sollte kein Land auf der Welt sowas besitzen.

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  • Ödländer am 04.11.2017 19:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zarenbombe

    Es gibt eine sehr interesante doku bei youtube darüber. Sehr empfehlenswert.

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  • Golgotha am 04.11.2017 19:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    4000 Km - alles klar

    Der Moderator kannte die Höhen auch nicht ganz. Nur soviel: ab 1000 Km sind wir an der Exosphäre. Alles andere ist tiefer Weltall. Lassen wir die Kirche im Dorf, die Höhe betrug 4000m. War aber wirklich der mächtigste Böller aller Zeiten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dust1 am 06.11.2017 10:52 Report Diesen Beitrag melden

    Intelligenter Wahnisnn

    Die Intelligenz und Mittel hätte man auch für was anderes einsetzten können, aber da wir vom Ego befallen sind, müssen wir auch unsere Macht demonstrieren und erschaffen dadurch nur Zerstörung und Leid. So interessant es auch klingen mag, das ist doch purer Wahnsinn.

  • _uhu am 05.11.2017 23:25 Report Diesen Beitrag melden

    Ach was...

    Alle haben Angst vor A-Bomben. Dass C- oder sogar B-Waffen viel(!) schlimmer sind, schnallt niemand. Darum kümmert sich auch niemand um ein "Verbot" solcher C- oder B-Waffen, resp. sie werden im geheimen Kämmerlein munter entwickelt.

    • Timon Hansen am 05.11.2017 23:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @_uhu

      vlt solltest du eine Erklärung hinzufügen für Leute die nicht wissen was C oder B waffen sind. ich weiss es natürlich.

    • bebbeli am 06.11.2017 08:37 Report Diesen Beitrag melden

      _uhu

      Es scheint, dass der Menschheit nicht mehr allzuviel Zeit bleibt um gescheiter zu werden. Einige dieser Dinger werden das Leben ausradieren.

    • Erenel am 06.11.2017 10:38 Report Diesen Beitrag melden

      @Timon Hansen

      Besserwisser spielen, aber dann selber nicht schreiben, dass es um Chemie und Bio-Waffen geht ... super Sache

    • Chnops am 06.11.2017 13:46 Report Diesen Beitrag melden

      Pest oder Cholera

      Den Impfstoff gegen Atombomben / Radioaktivität hat noch niemand erfunden. Kurzfristig mögen B- und C -Waffen weitreichender sein. Doch Nuklearwaffen zerstört nicht nur den Mensch und kann je nach dem wie schmutzig sie ist ganze Landschaften über jahrzehnte unbewohnbar machen.

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  • Brenner Karl am 05.11.2017 20:21 Report Diesen Beitrag melden

    Wer kann sich noch an den Zar-Bomben-Test

    am 30.10.1961 erinnern? Die Sprengkraft betrug 50 bis 60MT, womit sie rund 4000-mal stärker war als die Hiroshima-Bombe. Das Jahr 1962 war eher unterdurchschnittlich kühl und dann kam der Frostwinter 1962/63 War damals erst 7 jährig, erinnere mich noch gut, dass nur meine zwei älteren Geschwister auf dem gefrorenen Zürichsee zum Schlittschuhlaufen waren. Nur wenn es in Zukunft zu A-Bombenangriffen kommt wird die Menschheit nicht überleben, die Erde schon.

    • Romi am 06.11.2017 08:42 Report Diesen Beitrag melden

      Brenner Karl

      Damals hatten wir alle Angst. Die Zukunft was ungewiss. Wir wussten nicht, welche Seite es zuerst knallen lassen würde.

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  • Chris am 05.11.2017 19:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Mensch!

    Der Mensch ist ein Egoist! Nach mir die Sinnflut. Was unsere Kinder erleben werden können wir uns nicht vorstellen. Es ist eine kaputte Umwelt. Ihr schmeisst Abfall egal wohin, wunderschöne Strände voller Abfall und Kunststoff. Wir Menschen lernen nichts und leider ist uns unsere Umwelt egal. Der Mensch bleibt ein Egoist und wirds bleiben!

  • Realist am 05.11.2017 18:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wasserstoff-Bömbeli

    Warum solch ein Aufschrei?? Die Welt wird nich lange nicht untergehen, wir Menschen zusammen mit vielen Lebewesen aber sehr wohl. Das Wasserstoffbömbeli ist kein Vergleich mit den Naturkatastrophen wie Fulkanausbrüchen, Erdbeben, Sintfluten uvm. Die Erde hat Zeit, wir Menschen jedoch nicht. Nur weiter so, die Zeitbombe tickt unaufhörlich. Nach mir die Sintflut.

    • Skywalker99 am 05.11.2017 22:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Realist

      Bömbeli? hast du nur annähernd die Ahnung was das für ein Monster war?

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