Kronleuchter aus Knochen

29. November 2015 07:34; Akt: 29.11.2015 07:34 Print

Diese Kirche ist nichts für schwache Nerven

von F.Riebeling - Die Kirche von Sedlec ist Gotteshaus und Ort des Grauens zugleich: Sie ist mit den Gebeinen von 40'000 Menschen dekoriert.

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Wer die Kirche von Sedlec nur von aussen betrachtet, ahnt nicht, was sich in ihrem Innern verbirgt. Denn die Dekoration des von aussen pittoresken Gotteshauses besteht beinahe komplett aus echten Gebeinen von etwa 40'000 Menschen. Am Eingang werden die Besucher von einem aus Knochen gezimmerten Kreuz empfangen. Verantwortlich für die gewöhnungsbedürftige Dekoration war der Holzschnitzer Frantisek Rint, der 1866 von den Eigentümern - den Mitgliedern des Fürstengeschlechts Schwarzenberg - damit beauftragt wurde, das Interieur der Kirche so kunstvoll wie möglich zu gestalten. Rint tat, wie ihm befohlen, und nutzte dafür die in der Kirche gelagerten Gebeine. Davon hatte es so viele, weil der angrenzende Friedhof lange Zeit als Abkürzung zum Himmelstor galt, die nicht nur die Menschen aus der Umgebung, sondern aus ganz Mitteleuropa nehmen wollten. Auf Wunsch seiner Auftraggeber brachte Rint gegenüber dem Altar ihr Familienwappen an, das bis ins kleinste Detail aus Schädeln, Knochen und Knöchelchen besteht. Als Rints Meisterwerk gilt bis heute der gut drei Meter hohe, achtarmige Kronleuchter, in dem angeblich jeder der 206 Knochen des menschlichen Körpers verbaut ist. Die Decke wurde zudem mit mehreren Girlanden aus Schädeln und Oberarmknochen dekoriert. Um die Menschenknochen haltbar zu machen, desinfizierte Rint sie und präparierte sie mit chlorhaltigem Kalk. Deshalb erinnern sie heute eher an Gips als an echte Knochen, wie dieser Ausschnitt des Familienwappens zeigt. Trotzdem: Zartbesaiteten Menschen dürfte beim Anblick der makaberen Dekorationen der Atem stocken.

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Von aussen deutet nichts auf die makabere Innengestaltung der Friedhofskirche des tschechischen Städtchens Sedlec hin, doch im Innern dürfte zartbesaiteten Menschen der Atem stocken. Denn Kruzifixe, Kronleuchter und selbst die Messweinkelche bestehen nicht wie sonst aus edlen Materialien, sondern aus menschlichen Knochen. Von filigranen Kerzenständern bis hin zu imposanten meterhohen Glocken ist hier alles im wahrsten Sinne des Wortes aus Menschenmaterial.

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Dass die Kirche zu einer Sehenswürdigkeit der anderen Art wurde, verdankt sie den Angehörigen des Fürstengeschlechts Schwarzenberg. Die hatten das Anwesen nach den von Kaiser Josef II. betriebenen Klosterauflösungen 1866 gekauft und in ihrem Innern sechs riesige Pyramiden aus Menschenknochen gefunden. Weil die wenig ansehnlich waren, beauftragten sie den Holzschnitzer Frantisek Rint, die Räume neu zu gestalten. Und zwar so kunstvoll wie möglich.

Elend als Grundlage

Rint tat, wie ihm befohlen, und nutzte dafür die in der Kirche gelagerten Gebeine. Dass es davon so viele gab, ist der Geschichte des Gotteshaus geschuldet, das einst zu Böhmens ältestem Zisterzienser-Kloster gehört hatte: Nachdem Abt Jindrich im Jahr 1278 von einer Jerusalem-Reise etwas Erde vom angeblichen Kreuzigungsort Jesu mitgebracht und sie auf dem angrenzenden Friedhof verstreut hatte, galt der Grund als «heilige Erde» und damit als Abkürzung zum Himmelstor, die nicht nur die Menschen aus der Umgebung, sondern aus ganz Mitteleuropa nehmen wollten. Und so wuchs die Begräbnisstätte über die Jahre auf gut 3,5 Hektaren an.

Beinahe hätte das Areal sogar noch vergrössert werden müssen, denn die Pestepidemien im 14. Jahrhundert und die Husseitenkriege im 15. Jahrhundert rafften zehntausende Menschen dahin. Doch die Mönche des Klosters schafften auf ihre Art Platz für die neuen Gräber: Sie buddelten die alten Knochen kurzerhand aus und stapelten sie in dem zur Kirche gehörenden Ossarium (Beinhaus) und später auch im Gotteshaus selbst. Hier konnte sich Innenarchitekt Frantisek Rint Jahrhunderte später bedienen und aus den Vollen schöpfen. Um die Menschenknochen haltbar zu machen, desinfizierte er sie und präparierte sie mit chlorhaltigem Kalk. Und so sind sie auch rund 130 Jahre nach der Umnutzung in einem einwandfreien Zustand.


In der Knochenkirche wurden alle 206 Knochen des menschlichen Körpers verbaut. (Video: Youtube/Atlas Obscura)


Die Kirche diente auch als Kulisse für den Fantasy-Film «Dungeons & Dragons». (Video: Youtube/Movieclips Trailer Vault)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Husika am 29.11.2015 08:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einzigartig

    Es ist weder makaber noch gruselig. Wir waren dort und es ist wunderschön. Es zeigt, wie vergänglich wir sind. Die Atmosphäre ist einzigartig.

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  • Lisa am 29.11.2015 08:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rom

    Ich war vor kurzem in rom, da gibt es unweit der piazza barberini eine krypta der kapuzinermönchen. Da kann man das selbe sehen. Beim eingang findet man dazu einen tollen spruch: Was ihr seid, sind wir gewesen. Was wir sind , werdet ihr sein!

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  • anastasya am 29.11.2015 07:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kunstvoll

    einfach geniale Konstruktion .sehr beeindruckend.möchte gerne dass mal anschauen .

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Feldjaeger am 30.11.2015 19:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pariser Katakomben

    Die Pariser Katakomben sind auch absolut sehenswert, dort gibt es noch mehr Knochen - der ca 1,5 km lange Spaziergang durch das knapp 2m hohe Kavernensystem ist schaurig und eindrücklich zugleich, wer's mag: absolut sehenswert (Metro bis zur Haltestelle Denfert-Rocherau) ;)

  • märcu a am 30.11.2015 18:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Cool

    Ich find das cool ich werde dort heiraten und meine Knochen spenden

  • Problem am 30.11.2015 17:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein

    Ist doch nicht so schlimm!!! Da kannst du mal sehen wie du eines Tages aussehen wirst!!!

  • Giancarlo am 30.11.2015 13:48 Report Diesen Beitrag melden

    Les Catacombes in Paris ist sehenswürdig

    Und wer nach Paris geht, der kann sich in den Catacombes 2km lang Gebeine anschauen. Sehr eindrücklich und gespenstisch.

  • Patricia am 30.11.2015 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Morbide schön

    Muss ich live sehen. Wunderschön und künstlerisch wertvoll. Das Leben ist nun mal auch der Tod. Ich finde es morbide schön und ja, hat was romantisches. Dort würde ich sogar heiraten.