Schlimmer als Tschernobyl

29. September 2016 09:36; Akt: 29.09.2016 12:40 Print

Dieser Atom-GAU wurde viele Jahre totgeschwiegen

von F. Riebeling - 1957 wurde bei einer Explosion in Russland mehr Radioaktivität freigesetzt als in Tschernobyl. Die Welt erfuhr erst 30 Jahre später davon.

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Der radioaktiv verseuchte Karatschai-See im südlichen Ural gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt. Schon ein kurzer Aufenthalt kann tödliche Folgen haben. Inzwischen wurde der See mit einer meterdicken Betondecke abgedeckt. Auf den ersten Blick wirkt Osjorsk im Südural wie eine gewöhnliche Arbeiterstadt. Doch spätestens am Stadteingang wird klar: Hier ist alles anders. Denn bis heute dürfen Besucher nur auf Einladung und mit Genehmigung einreisen. Wer spontan reinmöchte, wird von elektrischen Zäunen und Soldaten gestoppt. Der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit - als Osjorsk noch Tscheljabinsk-40 hiess. Gegründet wurde die Stadt 1946 als Reaktion auf die beiden Atombomben, die die Amerikaner im Jahr zuvor auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten. Die Vorkommnisse hatten die Sowjets eiskalt erwischt, weil ihr Atomprogramm weit weniger fortgeschritten war. (Im Bild: Atombombe über Hiroshima) Ein Unding, befand der sowjetische Diktator Josef Stalin. Und er befahl, nachzuziehen. Im Ural liess er gleich mehrere Rüstungsstädte errichten. Tscheljabinsk-40 war eine davon. Dafür wurde extra ein Gebiet von 980 Quadratkilometern zur Sperrzone erklärt. Abgeschottet von der Aussenwelt, arbeiteten dort Forscher um Atomphysiker Igor Kurtschatow rund um die Uhr an der Entwicklung der ersten sowjetischen Atombombe. Dreh- und Angelpunkt war jedoch die Anlage Majak in der Nähe von Osjorsk, in der waffenfähiges Plutonium hergestellt wurde. Die Geheimhaltung funktionierte so gut, dass sogar ein Atomunfall – der sogenannte Kyschtym-Unfall – mehrere Jahrzehnte vor der ganzen Welt verheimlicht werden konnte. Nach einer Panne des Kühlsystems explodierten am 29. September 1957 80 Tonnen hochradioaktiver Abfall Dabei wurde nach heutigem Wissensstand mehr atomare Strahlung freigesetzt als beim GAU von Tschernobyl. (Im Bild: der havarierte Reaktor von Tschernobyl) 270'000 Menschen wurden verstrahlt, Zehntausende in aller Eile evakuiert. Insgesamt 22 Dörfer mussten dem Erdboden gleichgemacht werden. Die radioaktive Wolke bedeckte damals 23'000 Quadratkilometer und damit eine Fläche, die halb so gross wie die Schweiz ist. Doch das alles wurde verschwiegen. Zwar wurden in den 1970er-Jahren vom sowjetischen Biochemiker und Dissidenten Schores Medwedjew erstmal Vermutungen geäussert, doch Glauben schenken wollte ihm niemand. Stattdessen landete er zeitweise in einer psychiatrischen Klinik. So wurde erst 1989 im Rahmen von Glasnost offiziell bekannt, was 32 Jahre vertuscht worden war. Die Sowjetunion, in der Michail Gorbatschows Perestroika zu mehr Offenheit auch in solchen Dingen geführt hatte, informierte die Internationale Atomenergieagentur über die Katastrophe ... ... und das ganze Ausmass, an dessen Folgen Menschen, Tiere und Natur in der Region noch heute leiden.

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Obwohl im russischen Osjorsk («Stadt am See») mehr als 82'000 Menschen leben, gab es bis vor ein paar Jahren kein einziges Strassenschild, das auf die Stadt hingewiesen hätte. Auch auf Landkarten war sie nicht zu finden.

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Aber nicht nur deshalb trifft man dort so selten Menschen von ausserhalb: Bis heute dürfen Besucher nur auf Einladung und mit Genehmigung einreisen. Unter anderem der russische Geheimdienst muss sein Okay geben. Wer spontan reinmöchte, wird von elektrischen Zäunen und Soldaten gestoppt.

Der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit – als Osjorsk noch Tscheljabinsk-40 hiess.

Sperrzone mit eindeutigem Auftrag

Gegründet wurde die Stadt 1946 als Reaktion auf die beiden Atombomben, die die Amerikaner im Jahr zuvor auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten. Die Vorkommnisse hatten die Sowjets eiskalt erwischt, weil ihr Atomprogramm weit weniger fortgeschritten war.

Ein Unding, befand der sowjetische Diktator Josef Stalin. Und er befahl, nachzuziehen. Im Ural liess er gleich mehrere Rüstungsstädte errichten. Tscheljabinsk-40 war eine davon. Dafür wurde extra ein Gebiet von 980 Quadratkilometern zur Sperrzone erklärt.

Absolute Geheimhaltung

Abgeschottet von der Aussenwelt, arbeiteten dort Wissenschaftler unter Leitung des Atomphysikers Igor Kurtschatow rund um die Uhr an der Entwicklung der ersten sowjetischen Atombombe.

Zur Verfügung standen ihnen unter anderem sieben Reaktoren sowie eine chemische Anlage zur Trennung des spaltbaren Materials. Dreh- und Angelpunkt war jedoch die Anlage Majak in unmittelbarer Nähe von Osjorsk, in der waffenfähiges Plutonium hergestellt wurde (siehe Box 1).

Zu Hochzeiten waren in der kerntechnischen Anlage Majak, dem damals einzigen Arbeitgeber von Osjorsk, rund 25'000 Menschen beschäftigt. Mit Aussenstehenden über ihre Arbeit zu sprechen, war ihnen strengstens untersagt. Alles unterlag dem Militärgeheimnis. Das war so rigoros, dass bis Mitte der 1950er-Jahre niemand ausreisen durfte.

Verstrahlte Menschen ...

Die Geheimhaltung funktionierte so gut, dass sogar ein Atomunfall – der sogenannte Kyschtym-Unfall – mehrere Jahrzehnte vor der ganzen Welt verheimlicht werden konnte.

Nach einer Panne des Kühlsystems explodierten am 29. September 1957 80 Tonnen hochradioaktiver Abfall. Dabei wurde nach heutigem Wissensstand mehr atomare Strahlung freigesetzt als beim GAU von Tschernobyl. 270'000 Menschen wurden verstrahlt, Zehntausende in aller Eile evakuiert. Insgesamt 22 Dörfer mussten dem Erdboden gleichgemacht werden.

Die radioaktive Wolke bedeckte damals 23'000 Quadratkilometer.
Auf einer Fläche halb so gross wie die Schweiz rieselte radioaktives Material zu Boden. Dabei handelte es sich vor allem um langlebiges Strontium-90 und Cäsium-137. Beide Isotope richten im menschlichen Körper grossen Schaden an (siehe Box 2).

... und 32 Jahre Stillschweigen

Doch das alles wurde verschwiegen. Niemand, vor allem niemand aus dem Ausland, sollte erfahren, was vorgefallen war. Zwar wurden in den 1970er-Jahren vom sowjetischen Biochemiker und Dissidenten Schores Medwedjew erstmal Vermutungen geäussert, doch Glauben schenken wollte ihm niemand. Stattdessen landete er zeitweise in einer psychiatrischen Klinik.

So wurde erst 1989 im Rahmen von Glasnost offiziell bekannt, was 32 Jahre vertuscht worden war. Die Sowjetunion, in der Michail Gorbatschows Perestroika zu mehr Offenheit geführt hatte, informierte die Internationale Atomenergieagentur über die Katastrophe und das ganze Ausmass. Die Menschen, Tiere und Natur in der Region leiden noch heute an den Folgen.


Die Opfer erhalten kaum Entschädigung. Wer heute noch lebt, wird mit 60'000 Rubel abgespeist – umgerechnet rund 1000 Franken. (Video: Youtube/Kanal von Phnius1)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • trulla am 29.09.2016 09:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na ja.....

    Wäre meine Schwiegermutter eine der Verantwortlichen gewesen, wäre es keine 30 Sekunden gegangen und die ganze Welt hätte davon erfahren :-)

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  • Sergei Wassili am 29.09.2016 09:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unser schwach radioaktiver Müll

    liegt auch dort. Outgesourced. Man kann die Oberflächenlagerung schön auf Google-Earth erkennen, hat ein auffälliges Muster. Die USA haben solche Probleme nicht, die machen panzerbrechende Munition daraus und verteilen so ihren Müll auf den Schlachtfeldern. Irak, Afghanistan, Bosnien - für Generationen verstraht.

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  • Pups am 29.09.2016 09:54 Report Diesen Beitrag melden

    Aus Majak kommen unsere Brennstäbe

    Die schweizer Atomindustrie bezieht ihre Brennstäbe teilweise aus Majak. Heute wird der Atomabfall dort verflüssigt und dann 800m tief unter die erde gepresst wie das beim Fracking der Fall ist. Die meisten die dort wohnen fürchten sich das der Abfall aus dieser tiefe wider aufsteigen und ihr Grundwasser verseuchen könnte das bis 40 m unter der Erde fliest

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Roger-Kt.Be am 30.09.2016 05:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auswertung der Umfrage

    In der Umfrage ist klar ersichtlich das ein grossteil der Teilnehmer angst von der Radioaktivität hat. Was aber in den Medien verschwiegend wird, ist das es auch eine natürliche Strahlung hat und das es quasi auch natürliche Radionuklide hat, die nicht vom Menschen durch Spaltungen geschaffen wurden (z.B. in machen Teilen der Alpen)

    • Xeno72 am 17.10.2016 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Roger-Kt.Be

      Ja klar gibt es natürliche Radioaktivität. Vergleichen Sie einfach mal die Werte mit jenen um Tschernobyl...!

    • Roger-Kt.Be am 17.10.2016 22:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Xeno72

      Die Umfrage handelte um Radioaktivität und es gibt Orte, dort ist die natürliche Strahlung auch grösser als in der Zone bei Tschernobyl die Bereits wieder betreten werden darf. Auch auf Langstreckenflügen bekommt man ziemlich was ab oder bei nem schönen Radonkeller. Wie gesagt wäre mehr Aufklärung wünschenswert, wenn eine solche Umfrage getätigt gestartet wird.

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  • MiHe am 29.09.2016 15:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hä?

    Und was ist das Aktuelle in diesem Beitrag? Ist doch über 30 Jahre her, oder? Oder hat jemand aus der Redaktion zufällig, wie ich, den neuen Film auf Netflix darüber entdeckt?

  • Sensenmaa am 29.09.2016 14:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gewusst

    Hab ich schon gewusst.

  • deb_ch am 29.09.2016 13:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Karten auf den Tisch?

    Wir haben noch nicht mal den Hauch einer Ahnung.. ZB kann man auch erst jetzt nachlesen, wie lange Kodak waffenfähiges Uran gelagert hat, oder wieviel atomare Strahlung durch Lecks in die Ostsee geströmt sind, und vermutlich immer noch strömen, nicht von RUS, aber von Schweden her.. Und was Frankreich und andere Staaten irgendwo gewurstelt haben, selbst die Schweiz - das möchte man ev. besser gar nicht wissen..

  • Thomas Gross am 29.09.2016 13:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    graf herzog

    was ist das für rotes zeug auf dem foto?

    • M4rcel am 29.09.2016 15:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Thomas Gross

      schätze mal, die Radioaktivität hat das Fotopapier beeinflusst.

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