Aussterben abwenden

04. Juli 2018 19:49; Akt: 04.07.2018 19:49 Print

Rettung in letzter Sekunde für das Weisse Nashorn?

Kürzlich starb das letzte männliche Weisse Nashorn und damit eigentlich die Aussicht auf Fortbestand der Art. Doch es gibt einen winzigen Funken Hoffnung.

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Sudan war das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn. Er starb im März 2018. Damit schien das Ende der auch als Weisses Nashorn bezeichneten Art besiegelt. Doch nun ist es Forschern um Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) mithilfe der sogenannten Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion gelungen, «die weltweit ersten in-vitro produzierten Nashorn-Embryos» zu erzeugen. Werde ein solcher einer Leihmutter eingesetzt, seien die Chancen «sehr hoch», dass diese trächtig werde, so Hildebrandt. Zwar handelt es sich bei den bisher entwickelten Embryos noch nicht um reine Embryos der bedrohten Art, sondern um solche des Südlichen Breitmaulnashorns. Die Resultate zeigten aber, dass der Einsatz eines zellbasiertes Verfahrens funktioniert. «Diese Forschung ist bahnbrechend», sagt IZW-Sprecher Steven Seet. Die Methode könne helfen, «dem negativen Einfluss der Menschen auf die Natur etwas entgegenzusetzen». Die Nördlichen Breitmaulnashörner wurden vor allem durch Wilderer dezimiert. Deshalb wurde Sudan zuletzt rund um die Uhr bewacht. Um das Nördliche Breitmaulnashorn zu retten, werden als Nächstes den zwei noch verbleibenden, aber unfruchtbaren Nördlichen Breitmaulnashorn-Weibchen Eizellen entnommen ... ... und weiblichen Südlichen Breitmaulnashörnern eingesetzt. Von dieser Art gibt es in freier Wildbahn noch mehr als 20'000 Exemplare. Doch auch wenn alles glatt läuft, bedeutet das noch lange nicht die Rettung für das Nördliche Breitmaulnashorn ... (Im Bild: Südliche Breitmaulnashörner im San Diego Zoo Safari Park) Da es nur zwei Weibchen und Spermien weniger Bullen gibt, wäre die genetische Vielfalt für den Aufbau einer Population nicht gross genug. Deshalb arbeiten die Forscher parallel an Stammzelltechniken, um aus erhaltenen Nashorn-Körperzellen Spermien und Eizellen zu züchten. (Im Bild: der verstorbene Sudan) Sudan, der letzte Bulle seiner Art, wurde 1973 im heutigen Südsudan, damals noch Sudan, geboren. Später wurde er gefangen genommen und zusammen mit weiteren Nashörnern in einen Zoo in Tschechien gebracht. Als jegliche Versuche der Fortpflanzung scheiterten, wurden vier der Nördlichen Breitmaulnashörner, darunter Sudan, 2009 in das Wildtierreservat Ol Pejeta in Kenia gebracht. Doch auch hier klappte die natürliche Reproduktion nicht, bevor der Bulle starb.

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«Sudan. Das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn 1973–2018»: So steht es auf einem Gedenkstein zur Erinnerung an den weltbekannten Dickhäuter, der Anfang Jahr in Kenia wegen Altersschwäche eingeschläfert werden musste.

Nach der traurigen Nachricht von März keimt jetzt wieder Hoffnung auf für die Tiere mit dem charakteristischen breiten Maul: Forscher wollen die Ausrottung mit Methoden der künstlichen Reproduktion und der Stammzellforschung aufhalten – und damit auch die Vorlage liefern für die Rettung weiterer hochgefährdeter Arten.

Erster Erfolg im Labor

Nur noch zwei Weibchen sind übrig von der einst in Zentral- und Ostafrika verbreiteten Unterart. Die Methode, mit der der Coup einer Wiederbelebung gelingen soll, stellt das Team um den Veterinärmediziner Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin im Fachblatt «Nature Communications» vor.

Die Forscher haben es geschafft, im Labor Nashorn-Embryonen zu erzeugen und zu kultivieren (siehe Bildstrecke). «Dies sind die weltweit ersten in vitro produzierten Nashorn-Embryos», erklärt Hildebrandt. Werde ein solcher Embryo einer Leihmutter eingesetzt, seien die Chancen «sehr hoch», dass diese trächtig werde.

Keine Nördlichen Breitmaulnashörner ohne die Südlichen

Allerdings handelt es sich bisher noch nicht um reine Embryos der bedrohten Unterart. Zunächst erprobten die Forscher die aufwendige Entnahme von Eizellen bei engen Verwandten der Nördlichen Breitmaulnashörner: bei Südlichen Breitmaulnashörnern in europäischen Zoos. Und das rund 20 Mal.

Von dieser Unterart gibt es in freier Wildbahn noch mehr als 20'000 Exemplare. Nördliche Breitmaulnashörner gelten seit 2008 als in der Natur ausgestorben. Wilderei ist ein Hauptgrund.

Schlechte Spermien

Was die Spermien anbelangt, so stand dem Team eingelagertes Material von Nördlichen Breitmaulnashörnern zur Verfügung. Allerdings beschreiben die Forscher die Qualität als schlecht. Deshalb mussten Spermien jeweils direkt in die Eizelle gespritzt werden.

Dabei arbeiten die Forscher mit einem italienischen Unternehmen zusammen, das das Verfahren sonst bei Rindern und Pferden anwendet. Die sogenannte Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) ist auch beim Menschen eine häufig genutzte Methode zur künstlichen Befruchtung.


Sudan war das letzte männliche Weisse Nashorn. Der Bulle musste im März 2018 eingeschläfert werden. (Video: Tamedia/AP)

Wettlauf gegen die Zeit

Mit den bisherigen Erfahrungen wollen sich die Forscher nun daran machen, den letzten beiden weiblichen Nördlichen Breitmaulnashörnern Eizellen zu entnehmen – einem IZW-Sprecher zufolge noch im August oder September.

Die Tiere sind die Tochter und die Enkelin des Bullen Sudan und leben in einem Reservat in Kenia. Beide sind unfruchtbar. Deshalb werden Leihmütter benötigt – auch hierfür eignen sich Südliche Breitmaulnashörner.

Zu einer solchen Nashorn-Schwangerschaft könnte es dem Vernehmen nach Anfang 2019 kommen. Noch feilen die Forscher an der Technik zum Embryo-Transfer. Und sie werben um Geld von Privatleuten. Zwar laufe ein Förderantrag, heisst es von Seiten des IZW. Das Vorhaben sei aber ein Wettlauf gegen die Zeit.

«Bahnbrechende Forschung»

Doch selbst die Geburt eines gesunden Nashornbabys würde noch nicht die Rettung für das Nördliche Breitmaulnashorn bedeuten: Da es nur zwei Weibchen und Spermien weniger Bullen gibt, wäre die genetische Vielfalt für den Aufbau einer sich selbst erhaltenden Population nicht gross genug.

Deshalb arbeiten die Wissenschaftler parallel an Stammzelltechnik, um aus erhaltenen Nashorn-Körperzellen Spermien und Eizellen zu züchten.

Beim IZW gibt man sich hoffnungsvoll: «Diese Forschung ist bahnbrechend», sagt Sprecher Steven Seet. «Wir erleben gerade die Entwicklung einer Methode, die dabei helfen kann, dem negativen Einfluss der Menschen auf die Natur etwas entgegenzusetzen.»

Tiere in Gefahr

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ramses am 04.07.2018 19:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Worte

    Mann sollte sich viel mehr anstrengen um die Tiere zu retten und nicht in letzter Sekunde!! Einfach schwache Leistung dieser aber wenns ums Geld geht sind ALLEEEE dabei und geben 110% . Wie traurig!!!

  • Anonym am 04.07.2018 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Es hat sich wenigstens jemand die mühe gemacht, der ausrottung entgegen zu wirken, wäre trotzdem besser, wenn wir es gar nicht so weit kommen lassen würden. Bin ziemlich enttäuscht von der menschheit und der welt, aber da kann man halt, (wie immer) nichts dagegen unternehmen

    einklappen einklappen
  • Paede am 04.07.2018 19:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Cool, dann können wir ja weiterhin ausrotten denn wir haben die Möglichkeit das was wir danach wollen wieder herzustellen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fydagh am 05.07.2018 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll.....

    Ja Züchtet noch alles aus dem Reagenzglas und spielt Gott, so wird der Mensch nie merken was er mit alles anrichtet. Besonders die Wilderer und Spassjäger hätten Freude daran ihre eigenen Exemplare zu Züchten damit sie diese wieder abknallen können, einfach so aus Spass.... Trotz allem technischen Fortschritt entwickelt sich der Mensch zurück...

  • Psycho am 05.07.2018 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    Wir spielen Gott

    Wann geht die Welt unter...

  • Diego V. am 05.07.2018 12:08 Report Diesen Beitrag melden

    Halb so wild

    Jährlich werden Weltweit so um die 18'000 neue Tier- und Pflanzenarten entdeckt! Viele kommen einige gehen. Wahr schon immer so.

  • René am 05.07.2018 10:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu spät

    Es mag grausam klingen, aber betrachtet man alle Umstände, scheint es fast so als Wolle die Natur dass diese Art ausstirbt. Schlechtes Erbgut, unfruchtbare Weibchen... Ist ja schön dass sie jetzt alles versuchen... jetzt wo es zu spät ist. Vielleicht hätte man sich früher mal besinnen sollen?

  • Mary J am 05.07.2018 09:31 Report Diesen Beitrag melden

    andere Ansätze

    Man sollte vor allem viel Geld in die Bekämpfung der Wilderei stecken, die Massnahmen sind zwar Jahr für Jahr mehr und besser geworden, aber leider ist es noch zuwenig! Dann braucht es solche Reproduktions-Programme auch nicht....