Tierethik

22. September 2019 17:27; Akt: 22.09.2019 17:27 Print

Dürfen wir Tiere töten?

von Rolf Maag - Gibt es einen moralisch relevanten Unterschied zwischen Mensch und Tier? Wenn ja: Rechtfertigt er unsere Behandlung der Tiere?

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Gibt es eine Eigenschaft, durch die sich Menschen eindeutig von nichtmenschlichen Tieren unterscheiden? Im Verlauf der Jahrhunderte sind viele Vorschläge dafür gemacht worden, etwa die Sprache, der Gebrauch von Werkzeugen oder die Kultur. So richtig überzeugen kann keiner davon.

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Essen Sie Fleisch?

Tiere haben eigene (wenn auch simple) Signalsysteme, und zumindest Menschenaffen können die menschliche Sprache bis zu einem gewissen Grad erlernen. Werkzeuggebrauch ist etwa bei Primaten und Raben beobachtet worden. Und Kultur im Sinn der Weitergabe erlernten Verhaltens kennt man etwa von japanischen Makaken, die Süsskartoffeln waschen, bevor sie sie verzehren.

Instinktiver Weltbezug

Eine andere Sicht vertritt die Philosophin Christine Korsgaard in ihrem kürzlich erschienenen Buch «Fellow Creatures». Sie geht davon aus, dass Tiere die Welt instinktiv und egozentrisch wahrnehmen. Das heisst, dass ihnen die Motive ihres Handelns von der Natur vorgegeben sind und dass ihnen andere Lebewesen immer als potenzielle Freunde, Feinde oder Paarungspartner erscheinen.

Natürlich kann ein Tier lernen, nicht nach einem Wunsch zu handeln, wenn es die Erfahrung gemacht hat, dass das zu negativen Konsequenzen führt. Wenn etwa ein männliches Tier sich mit einem weiblichen paaren will, aber ein grösseres männliches Tier auftritt und das erste einen Streit vermeiden will, kann es seinen Paarungswunsch unterdrücken. Es kann aber nicht umhin, ihn weiterhin zu haben.

Normative Selbstbestimmung

Anders sieht es Korsgaard zufolge bei uns Menschen aus. Wir sind uns der Motive unseres Handelns jederzeit bewusst, können zu ihnen Stellung beziehen und sie gegebenenfalls auch verwerfen. Wenn ein Diabetiker Lust auf Süsses verspürt, aber weiss, dass es seiner Gesundheit schadet, kann er im Licht dieser Erkenntnis den Wunsch nach Süssem zum Verschwinden bringen. Er kann sozusagen den Wunsch ausbilden, einen Wunsch nicht zu haben.

Korsgaard nennt das die Fähigkeit zur normativen Selbstbestimmung. Menschen werden nicht einfach von ihren Instinkten gelenkt, sondern orientieren sich an Normen, deren Richtigkeit sie erkannt zu haben glauben. Sie leben nach Gesetzen, die sie sich selbst geben. Darin sieht Korsgaard das spezifisch Menschliche.

Tiere gleichbehandeln

Sie schliesst aber keineswegs daraus, dass wir Tiere schlecht behandeln dürfen. Das Leben eines Tiers mag weniger komplex und auch weniger erfüllt sein als das eines Menschen, aber es wird seine Existenz als wertvoll empfinden, solange sie einigermassen artgerecht ist. Wenn wir sie ihm nehmen wollen, müssen wir gewichtige Gründe anführen können. «Die Art, wie die Menschen die anderen Tiere derzeit behandeln, ist ein Gräuel enormen Ausmasses», schreibt Korsgaard am Anfang ihres Buchs. Sie plädiert daher für ein grundsätzliches Verbot der Tötung von Tieren.

Fehlendes Zukunftsbewusstsein

Damit sind manche Berufskollegen von Korsgaard nicht einverstanden. Gemäss dem deutschen Philosophen Norbert Hoerster fehlt Tieren ein Ichbewusstsein: «Sie haben nicht die Fähigkeit, sich selbst als im Zeitablauf identische Individuen mit eigener Vergangenheit und Zukunft zu erfahren.» Sie könnten keine zukunftsbezogenen Wünsche haben und hätten daher kein Überlebensinteresse, das durch ihre Tötung verletzt werden könnte. Daher müssten für Tiere in dieser Hinsicht andere Regeln gelten als für Menschen.

Keine Tierquälerei

Doch auch Hoerster anerkennt, dass Tiere fühlende Wesen sind und deshalb ein Interesse daran haben, Schmerzen zu vermeiden und nicht gequält zu werden. Gegen dieses Interesse dürfe nur verstossen werden, wenn es ein Menscheninteresse gebe, das von deutlich grösserem Gewicht sei. Tierquälerische Praktiken wie die herkömmlichen Formen der Massentierhaltung lehnt er ebenso wie Korsgaard ab.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tom am 22.09.2019 17:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nun!

    Die Umfrage ist fehl am Platz! Es geht absolut nicht darum ob man gerne Fleisch isst. Das Kernproblem besteht wie schon erwähnt in der Massentierhaltung von heute und dem viel zu viel Fleisch essen!

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  • Pesche am 22.09.2019 18:00 Report Diesen Beitrag melden

    verstehe die Vegis

    ich habe immer mehr Mühe damit, Fleisch zu essen. Wenn ich die Lastwagen mit den Schlachttieren sehe stellt es mir schon ab. Schächten und Halal muss verboten werden auch muss dafür gesorgt werden das es die Tiere im Leben gut haben.

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  • Thurgauer am 22.09.2019 17:50 Report Diesen Beitrag melden

    Der Mensch ist überflüssig

    Der Egoismus der Menschen ist grauenhaft!! Leben auf Kosten von Tieren und der Natur! Abfallberge, Plastikschwemme, Tierquälerei, Zerstörungen von Ökosysteme wie Regenwälder usw. denn meisten ist das alles sowas von egal. Selbstherrliche und Egoisten wo man hinschaut!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Globetrotter am 23.09.2019 20:18 Report Diesen Beitrag melden

    Landwirtschaft & Ammoniak Klima-Gau?

    Dürfen wir die Ammoniak-Produktion in der Landwirtschaft, die 260 fach CO2-problematischer ist, weiter steigern?

  • Mario der Maurer am 23.09.2019 18:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Welt wäre gerettet wenn...

    unser Nationalrat Fleisch mit einer Ethik-Steuer belegen würde, sowie Kohl, Zwiebeln und Knoblauch mit einer Co2-Abgabe...statt mit Labels wären unsere Shirts mit Energie-Labels bedruckt und die Wollpullis der Moralaposteln kämen in ein Förderprogramm!

  • Carnivoro am 23.09.2019 17:47 Report Diesen Beitrag melden

    So ein Blödsinn

    Das ist ein Wohlstand und Luxus Problem...in der warmen Stube und umsorgten abgesicherten Leben kann man sich mit solchen Themen auseinandersetzen. Fehlt das alles, ist die reale Welt wieder massgebend , dann heissts wieder "Friss oder Stirb"!

    • Alexander Stebler am 23.09.2019 23:36 Report Diesen Beitrag melden

      Der Luxus ist anderswo

      Bitte informieren Sie sich über die Auswirkungen des Tierkonsums. Heute ist es leider so, dass die Ignoranz gegenüber diesem Thema die Welt an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Da gibt es Zusammenhänge mit dem Welthunger, dem Klimawandel, der Entwaldung, den Todeszonen in den Meeren, der Trinkwasserverschmutzung, Wasserknappheit, Antibiotikaresistenzen usw. Und Sie bezeichnen das Hinterfragen des Fleischkonsums als "Luxusproblem"?

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  • P.W. am 23.09.2019 17:45 Report Diesen Beitrag melden

    Bashing

    Wow hätte jetzt wieder krasses Veganer-und Vegetarierbashing erwartet hier, aber überraschenderweise lese ich viele Pro-Tier Kommentare. Was ist denn passiert? Und ich hoffe, diese Leute essen wirklcih keinen Fleisch mehr. Ich esse seit 15 Jahren keinen Fleisch und im Vergleich zu gleichaltrigen sehe ich 20 Jahre jünger aus und bin gesünder. Nur Zufall?

    • Alessandro La Morea am 23.09.2019 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @P.W.

      Vor Fallfehlern, schützt es aber offensichtlich nicht.

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  • Pablo am 23.09.2019 15:48 Report Diesen Beitrag melden

    Schaut die Doku

    Earthlings, aber ganz durchschauen. Vorher abstellen gibts nicht. Dann habt Ihr die globalen ausmasse der Quälerie gesehen.

    • Maya Peter am 23.09.2019 17:30 Report Diesen Beitrag melden

      Wo ist das Problem?

      Ich habe die Doku gesehen. Und was soll denn nun das Problem sein? Erkläre es mir dich bitte lieber Pablo! Vielen Dank.

    • Trega Fuhntisch am 23.09.2019 20:49 Report Diesen Beitrag melden

      @Pablo

      Hi Pablo, habe die Doku gesehen. Irrsinnig witzig ! Würde ich jedem empfehlen ! Mega lustig ! :)

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