Konferenz der guten Ideen

18. Oktober 2010 18:29; Akt: 18.10.2010 18:29 Print

Eine Ideenschleuder erobert die Welt

von Thom Nagy - Am Mittwoch findet die Premiere des Zürcher Ablegers der Ideen-Konferenz TED statt. Was steckt hinter diesem Phänomen, das in den letzten Jahren das Netz erobert hat?

Einer der ersten TED-Talks, die ins Netz gestellt wurden und bis heute einer der beliebtesten: Statistikguru Hans Rosling entlarvt den Mythos der sogenannten „Entwicklungsländer“. (Klicken Sie auf "View Subtitles" für deutsche Untertitel.)

Fehler gesehen?

Während andere Bereiche der Gesellschaft vom Internet komplett umgekrempelt wurden, hat sich im Bereich der Bildung in den letzten 20 Jahren verhältnismässig wenig verändert. Nach wie vor sind es renommierte Universitäten wie Cambridge, Yale oder Oxford, die ihr Wissen einem exklusiven Kreis von zahlenden Studenten vermitteln und so die globalen Eliten von morgen ausbilden. Die grosse Masse der Menschheit bleibt dabei aussen vor.

Eine mögliche Alternative zu diesem traditionellen Modell der Bildung hat in den letzten Jahren nicht zuletzt durch die explosive Verbreitung von Webvideo und Social Media einen enormen Bekanntheitsschub erfahren: TED. Die drei Buchstaben stehen für «Technology, Entertainment and Design» und umschreiben, worum es inhaltlich bei dieser Organisation geht. Der Untertitel «Ideas worth spreading» (Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden) trifft die Sache mit seinem umfassenderen Blickwinkel und dem darin enthaltenen «Mission Statement» aber besser.

Die beste Dinnerparty der Welt

Gegründet wurde TED 1984 vom Architekten Richard Saul Wurman, der sich zum Ziel setzte, die «beste Dinnerparty der Welt» zu schmeissen. Diese Party sollte eine Woche dauern und lief nach strengen Regeln ab: Es gab ein fixes Programm für alle Gäste, keine Diskussionsrunden zwischen den einzelnen Programmpunkten und jeder Tag war vollgepackt mit jeweils 18 Minuten langen Reden, die nur eine Gemeinsamkeit hatten: Sie waren unglaublich inspirierend. Inhaltlich gab es keine Grenzen. «Ich hatte Magier, ich hatte Jongleure, ich hatte Nobelpreis-Gewinner und ich hatte Bill Gates und die Google-Jungs, als sie nur zwei Kids aus Stanford waren zu Gast,» erzählt der Gründer im Interview mit der Zeitschrift «Fast Company».

Der heftige Eintrittspreises von 6000 Dollar (Speaker ausgenommen) sorgte dafür, dass die Konferenz von einer ausgesuchten Gruppe hochkarätiger Gäste aus Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft besucht und so zu einem der wichtigsten Networking-Events der liberalen US-Elite wurde. Dieser exklusive Charakter zeichnete TED bis 2001 aus, als Chris Anderson das Ruder übernahm.

Öffnung über Internet-Video

«Ich besuchte TED zum ersten Mal im Jahr 1998 und verliebte mich sofort in die Konferenz, die Menschen, die sie besuchten und ihre Bereitschaft, grosse, verrückte Ideen zu denken», erzählt der Unternehmer. Seine erste Amtshandlung, nachdem er sich die Rechte an der Konferenz erworben hatte, war es, eine Nonprofit-Organisation aus ihr zu machen. Die Ziele waren hoch gesteckt: Mit TED wollte Anderson nichts weniger, als die Welt retten, erinnert sich Wurman. Laut Bruno Giussani, dem heutigen Leiter von TEDGlobal, glaubt Chris fest daran, dass «schlaue Köpfe zur Interaktion tendieren, wenn sie zusammen in einem Raum sind. Das will er nutzen, um einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten.»

Dazu musste die Welt aber erst einmal von den Ideen erfahren, die in Long Beach, Kalifornien so angeregt diskutiert wurden. 2006 stellten die Organisatoren, trotz starker wirtschaftlicher Bedenken, Aufzeichnungen der Reden ins Netz – für jeden frei zugänglich. Allein in dem Jahr wurden die Videos 10,5 Millionen mal angeschaut, TED hatte mit seinen Ideen offensichtlich einen globalen Nerv getroffen. Heute finden Interessierte unter www.ted.com mehr als 700 Videos, von denen einzelne mehr als 5 Millionen mal angeschaut wurden.

Öffnung über TEDx

Mit dem Aufkommen von Social Media und den damit verbundenen Empfehlungen interessanter Inhalte wuchs die Popularität der TED-Videos noch einmal sprungartig an. Um der riesigen Nachfrage gerecht zu werden, beschlossen die Organisatoren, sich weiter zu öffnen und ersannen das Konzept von TED-Ablegern, die von Interessierten in der ganzen Welt in Eigenregie durchgeführt werden konnten. 2009 stellten sie TEDx und die damit verbundenen Regeln vor: Lizenznehmer dürfen keine Verbindungen zu einer kontroversen oder extremistischen Gruppierung haben, sie dürfen TEDx nicht nutzen, um politische oder religiöse Ideen zu verbreiten oder kommerzielle Güter zu verkaufen. Das Format ist wie bei TED selber ebenfalls vorgegeben: 18 Minuten pro Präsentation und sie wird gefilmt. Schliesslich dürfen TEDx-Organisatoren kein Eintrittsgeld verlangen, ausser sie müssen – in Absprache mit der Mutterorganisation – ihre Produktionskosten decken.

Im Gegenzug erhalten die Organisatoren nicht nur die Erlaubnis, das Qualitätssiegel TEDx zu verwenden, sondern können hochkarätige Redner auch mit der Aussicht auf eine prestigeträchtige Platzierung ihrer Präsentation auf ted.com anlocken.

Durchschlagender Erfolg

Die Reaktion auf das Konzept übertraf die kühnsten Erwartungen: Laut New York Times fanden allein im letzten Jahr 278 Events in so unterschiedlichen Orten wie Estland, China oder Kenia statt. Sogar die NASA veranstaltete eine eigene TEDx mit Vorträgen zum Thema Raumfahrt. Dieses Jahr fanden bisher schon 531 TEDx-Konferenzen in aller Welt statt – 750 weitere sind bereits in Planung. Eine davon findet am Mittwoch in Zürich statt. Initiant von TEDxZurich ist Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien bei der NZZ. «Die Idee für TEDxZurich hatte Bruno Giussani bei einem Nachtessen in Berlin, vor genau einem Jahr» erklärt er gegenüber 20 Minuten Online. «Er meinte, das sei doch etwas für mich. Ich ging hoch ins Zimmer, schaute mir die Seite bei ted.com an, füllte das Anmeldeformular aus und bekam die Lizenz zugesprochen.» Mit einem Team von 10 Leuten arbeitet er seit Anfang Jahr daran, einen Zürcher TED-Ableger zu realisieren. Jetzt ist es endlich so weit. Und die Welt kann dabei zusehen.

Zum Abschluss noch ein weiteres TED-Highlight: Elizabeth Gilbert grübelt über die unmöglichen Dinge nach, die wir von Künstlern und Genies erwarten – und formuliert die radikale Idee, dass eine aussergewöhnliche Person kein Genie «ist», sondern alle von uns ein Genie «haben».