Auf den Spuren von Vercingetorix

28. August 2018 18:19; Akt: 28.08.2018 18:19 Print

Einmal selber Archäologe sein

Mit echten Archäologen nach Knochen, Amphorenscherben und Münzen suchen: Der Verein Arge Archäologie nimmt Laien mit auf die Spuren Cäsars.

Kindheitsträume ausleben: Laien graben zusammen mit echten Archäologen nach Spuren von Galliern und Römern.
Zum Thema
Fehler gesehen?

52 vor Christus in Gergovia, Gallien: Die Gallier haben sich gegen Cäsar erhoben. Dieser reagiert mit Gewalt und fällt mit einer Armee in Gallien ein. Vercingetorix, der Anführer der Aufständischen, zieht sich sich mit seinen Männern in die stark befestigte Stadt Gergovia zurück. Weil diese auf einem Hochplateau gelegen ist, funktionieren die normalen Eroberungsstrategien der Römer hier nicht: Eine Rampe zu bauen, die die meterhohen Basaltklippen überwinden könnte, ist unmöglich. Also beschliesst Cäsar die Belagerung. Unter dem Abhang vor den Toren der Stadt baut er ein befestigtes Lager.

Auftrag: 2000 Jahre alten Boden abtragen

2018, Plateau de Gergovie, Auvergne: Auf einem von Steinen und Löchern übersäten Feld kauern Beat, ein Schweizer Psychotherapeut, Simone, eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn, und Eveline, eine Hausfrau aus Österreich, zusammen mit mehreren Archäologiestudenten auf dem Boden und kratzen mit kleinen Kellen in der Erde.

Umfrage
Träumten Sie auch schon mal davon, als Archäologe unbekannte Schätze zu erforschen?

Es ist 36 Grad heiss, Schatten gibt es keinen. Trotzdem knien die Grabungsteilnehmer gut gelaunt auf dünnen Schaumstoff-Polstern und tragen vorsichtig – Handvoll für Handvoll – eine Erdschicht ab. Der Auftrag, den ihnen der Schweizer Grabungsleiter Peter Jud erteilt hat: Sie sollen den Belag jener Strasse abtragen, die vor 2000 Jahren durch das Tor des gallischen Gergovia führte. Alle Spuren des damaligen Lebens, die dabei zum Vorschein kommen, sollen sie vorsichtig aus dem Boden lösen und bergen.

52 vor Christus: Cäsars Legionäre liefern sich täglich kleinere Scharmützel mit den Aufständischen. Doch weil Vercingetorix' Leute sich nicht in der Stadt selber verschanzen, sondern hinter einem zweiten Verteidigungswall am Abhang ausharren, zögert Cäsar, einen grossen Angriff zu lancieren. Vercingetorix' Männer nutzen die verstreichenden Tage, um den Berg weiter zu befestigen.

Der erste grössere Fund: Ein Röhrenknochen!

2018: Die Laien-Graber kratzen weiter in der Erde. Längst schmerzen allen die Knie und die Handgelenke. Doch von Missmut keine Spur. Stattdessen scherzen sie fröhlich über die Hitze und kommentieren jedes Keramiksplitterchen, das sie aus der Erde ziehen. Plötzlich ruft der Schweizer Psychotherapeut aufgeregt einen der älteren Archäologiestudenten herbei. Im Boden ist er auf einen längeren Röhrenknochen gestossen. Es ist das erste grössere Fundstück, das die Gruppe findet. «Ziemlich sicher von einem Tier», sagt der Student. Mit grösster Vorsicht legt der begeisterte Finder den mürben Knochen frei und legt ihn anschliessend in die Kiste mit den Fundstücken. In seinen Augen blitzt das Feuer des erfolgreichen Schatzsuchers.

52 vor Christus: Cäsar setzt auf eine Kriegslist. Er lässt Maultiertreiber als Legionäre verkleiden. Sie sollen das Plateau auffällig-unauffällig umgehen und mit einem simulierten Angriff von der Flanke Vercingetorix' Armee von den Toren der Stadt weglocken. Ein verbündeter gallischer Stamm soll die Römer dann beim richtigen Angriff auf Gergovia unterstützen. Vercingetorix fällt zunächst darauf herein: Er bemerkt die vermeintlichen Legionäre und schickt seine Männer, den erwarteten Angriff von der Flanke abzuwehren.

Wo die Funde zusammenlaufen

2018: Carlo, ein ehemaliger Schweizer Bahnpöstler, sitzt im Schatten an einem Tisch vor dem ehemaligen Stadttor von Gergovia. Mit einer Zahnbürste schrubbt er an etwas herum, was aussieht wie das Stück eines Schweine-Unterkiefers. Seine Aufgabe: alle Fundstücke waschen, ohne dabei wichtige Spuren zu zerstören. Carlo ist ein alter Hase: Er ist schon das dritte Jahr dabei und brennt förmlich für die Archäologie. Seine Gesundheit lässt das Graben nicht mehr zu. Als Wäscher hat er dafür das Privileg, jedes einzelne Fundstück der gesamten Grabung begutachten zu dürfen. Über seinen Tisch geht auch Aufregenderes, wie zum Beispiel die Scherbe eines Parfümfläschchens: Peter Jud vermutet, dass es vor 2000 Jahren in Syrien oder Ägypten hergestellt worden ist und seinen Weg bis in die gallische Provinz gefunden hat.

52 vor Christus: Cäsar lanciert die grosse Attacke auf Gergovia. Die Legionäre kämpfen sich den Berg hinauf. Eilig ruft Vercingetorix seine Männer von der Flanke zurück. Die ersten Römer erreichen schon das Stadttor von Gergovia. Doch dann wendet sich das Blatt. Der mit Cäsar verbündete Gallierstamm wechselt – tatsächlich oder vermeintlich – die Seiten, worauf Cäsars Armee den Rückzug antritt. Wenig später löst Cäsar die Belagerung auf und zieht sich von Gergovia zurück.

Hilfe für die Wissenschaft

2018: Die Grabungswoche ist zu Ende. Bei Wurst und Wein lassen die Studenten, die Grabungstouristen und weitere freiwillige Helfer die anstrengenden Tage Revue passieren. Die Grabung wird noch zwei weitere Wochen dauern, doch Beat, Eveline, Simone und Carlo reisen erschöpft, aber glücklich in ihr normales Leben zurück. Die rund 1600 Franken, die sie für das Abenteuer Archäologie bezahlt haben, scheinen sie nicht zu reuen. Immerhin fliesst ein Teil des Erlöses direkt in die Finanzierung dieser notorisch unterfinanzierten Forschung. Und mindestens für Carlo ist jetzt schon klar: «Ich komme nächstes Jahr wieder.»

52 vor Christus: Mit dem Sieg über Cäsar wird Vercingetorix zum unsterblichen Helden der französischen Geschichte. Daran ändert auch die blutige Niederlage von Alesia nichts, bei der Cäsar Vercingetorix schliesslich festnehmen lässt. Über Alesia spricht man aber auch heute noch deutlich weniger gerne als über Gergovia. Wie heisst es so schön in «Asterix und der Arvernerschild»: «Alesia? Ich kenne kein Alesia!»

(loo)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Alexander Uster am 28.08.2018 18:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gebt mir eine Zeitmaschine

    und ich würde Studieren. Damit ich Archeologe könnte werden. Wie finde ich die Geschichte spannend!

    einklappen einklappen
  • Pures Gold am 28.08.2018 19:38 Report Diesen Beitrag melden

    Asterix & Obelix

    Ganz Gallien? Nein! Ein kleines Dorf in Aremorica leistet erbitterten wiederstand.

    einklappen einklappen
  • M.Flury am 28.08.2018 19:37 Report Diesen Beitrag melden

    Auch unsere Geschichte

    Das Museum ist Top. Auch ein Spaziergang zur Statue am Berg.Die Schlacht ging über Wochen. Das hätte kein Natel überlebt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • M.G. am 29.08.2018 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Gewusst wie

    1986, der britische Major Tony Clunn bekam vom Kreisarchäologen in Osnabrück ein Gebiet zugeteilt das er als Amateur begehen sollte um den Zustand geschützter Gebäude und ähnliches zu dokumentieren. Es gab immer schon Gerüchte das dort 9 n. Chr. Arminius die 3 Legionen des Varus vernichtet haben soll. Bevor Major Clunn seinen Metalldetektor einsetzte ging er in die Dorfbeizen und spendierte Bier. Irgendwann rückten die Bauern ihre Kleinfunde heraus die sie beim Pflügen entdeckt hatten. Da wusste Major Clunn wo er suchen musste. Und er wurde fündig, heute hat es dort ein sehenswertes Museum.

  • Alain Surlemur am 29.08.2018 08:16 Report Diesen Beitrag melden

    Wozu in die Ferne schweifen...

    Auch Auguste Raurica macht solche Publikumsgrabungen.

  • Kain Spam am 29.08.2018 08:03 Report Diesen Beitrag melden

    Tom Sawyer und Huckleberry Finn

    Warum nur kommen mir da Tom Sawyer und Huckleberry Finn in den Sinn. Man lässt sich bezahlen dass ein Anderer die Arbeit machen darf.

  • AnonymousSG am 28.08.2018 20:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    52 v.Chr. - 2018 n.Chr.

    Das letzte Gallien befindet sich im Jahre 2018 inmitten der EU und wird nicht aufhören Widerstand zu leisten.

    • schön wärs am 28.08.2018 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @AnonymousSG

      leider nein. wird doch immer nur gekuscht von unseren oberhäuptern.. mehr schein alls sein, vielleicht erkennen sie es auch irgendwann. p.s. augen auf, ohren auf und informieren. #mehreuallsgedacht

    • Historisches am 28.08.2018 23:39 Report Diesen Beitrag melden

      Das CH der Antike steht nur noch auf den

      Autos. In der Zwischenzeit wurden Widerständler 350 Jahre lang gekreuzigt (Mahnmale allüberall), bis 1848 zu Tode gefoltert, ab 1848 guillotiniert (falls sie weiblich waren), und alltäglich läuten die Glocken um 6.00, 11.00, 16.00 und 19.00 Uhr als Reminiszenz für die Arbeitszeiten der Leibeigenen, welche während dieser Zeit für mindestens 1600 Jahre der Kirche und den Eignern gehörten. Und heute, wer Widerstand leistet, wird diskriminiert und ausgegrenzt. Von wegen Gallen. Hahahaha

    einklappen einklappen
  • Herr K am 28.08.2018 19:59 Report Diesen Beitrag melden

    Dig Hill 80

    Es gibt noch eine weitere ähnliche Aktion namens "Dig Hill 80". Die Ausgrabung einer Stellung aus dem ersten Weltkrieg in der Nähe von Ypern wurde durch Crowdfunding finanziert, und Spender dürfen selbst aktiv an den Arbeiten teilnehmen. Es lohnt sich, mal auf YouTube danach zu suchen.

    • S. Blechkopf am 28.08.2018 23:36 Report Diesen Beitrag melden

      Viel Spass

      Ich denke es ist schob ein Unterschied ob man eine alte Streitaxt oder eine verrottete Fliegerbombe aus dem Boden hämmert.

    einklappen einklappen