Tschernobyl

05. Februar 2019 19:22; Akt: 05.02.2019 19:22 Print

In der Todeszone tobt wieder das Leben

Die Reaktorkatastrophe von 1986 beendete einst alles Leben in der Gegend um Tschernobyl. Nun ist es in grosser Vielfalt zurück.

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Menschen sind in der Gegend um Tschernobyl kaum zugegen, dafür aber jede Menge Wildtiere. Neben Wildschweinen sind 30 Jahre nach dem GAU auch Elche (im Bild), Hirsche und Rehe in der Schutzzone anzutreffen. Auch eine Herde Przewalski-Pferde sticht ins Auge. Sie sind Nachkommen einer Handvoll Pferde, die 1990 im Rahmen eines Experiments in das Sperrgebiet gebracht wurden. Inzwischen streifen rund 100 von ihnen über die einstigen Felder. Wölfe kämen in der Region inzwischen sogar siebenmal häufiger vor als anderswo. Ebenfalls unter den tierischen Besuchern der Sperrzone ist laut einer im Fachjournal «Food Webs» veröffentlichten Studie der Wolf (Canis lupus), ... ... der Fischotter (Lutra lutra), ... ... der Marderhund (Nyctereutes procyonoides) und ... ... der Eichelhäher (Garrulus glandarius). Weiter konnte das Team um Peter E. Schlichting von den Universitäten von Georgia und Arizona Seeadler, amerikanische Nerze und Flussotter sichten. Wie sich die Radioaktivität auf die Tiere auswirkt, können Wissenschaftler nicht sagen. Möglich sei sowohl, dass die Strahlung ihre Lebensdauer oder Fortpflanzung beeinträchtigt, als auch, dass die Tiere davon profitierten, Der Biowissenschaftler Tim Mousseau, der mit seinem Team seit Jahren die Artenvielfalt in Tschernobyl und neuerdings auch im japanischen Fukushima untersucht, zeigt sich wenig euphorisch: Von der Verstrahlung sei selbst der Ruf des Kuckucks betroffen. Radioaktivität hin oder her: «Die Daten zeigen, wie widerstandsfähig Wildtiere sind, wenn ihnen der Mensch nicht das Leben schwermacht», da sind sich verschiedene Forscherteams einig. Die Sperrzone liefere einen Eindruck, wie viele Wildtiere es heute in vielen Gegenden Europas geben würde, wenn der Mensch nicht wäre. Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Es war der erste nukleare Unfall, der auf der internationalen Bewertungsskala Ines mit dem Maximum von sieben Punkten eingestuft wurde. Das heute stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde zwischen 1970 und 1983 erbaut. Dabei wurden vier der insgesamt sechs geplanten Reaktorblöcke fertiggestellt. Im AKW wurden graphitmoderierte Reaktoren des Typs RBMK-1000 eingesetzt, die gravierende Sicherheitsmängel aufwiesen. Gleichwohl galt das Kraftwerk in der Sowjetunion als Musteranlage. Am Anfang des Super-GAUs in Tschernobyl stand ein Experiment. Um festzustellen, wie viel Leistung der Generator nach der Abkopplung vom Netz und von der Dampfversorgung noch liefert, schaltete das Personal im Lenin-Kraftwerk am Abend des 25. Aprils 1986 die Sicherheitssysteme in Block 4 ab. Um 01.23 Uhr kam es zum Turbinenstillstand. Es entstand ein Hitzestau. Die Leistung des 1000-Megawatt-Reaktors stieg innerhalb von Sekunden plötzlich drastisch an, eine manuelle Notabschaltung war nicht mehr möglich. Dampf und Wasserstoff lösten gewaltige Explosionen aus und sprengten die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorgebäudes weg. Der Reaktorkern schmolz und der Graphitmantel der Brennelemente fing Feuer. Eine Wolke aus radioaktiven Spaltprodukten wurde in die Luft geschleudert. Das Graphit-Feuer konnte neun Tage lang nicht gelöscht werden. Das freigesetzte radioaktive Material verstrahlte bis zu km² Fläche in der Ukraine, Weissrussland und Russland. Greenpeace schätzt, dass in den betroffenen Gebieten rund sieben Millionen Menschen lebten. Hunderttausende von Aufräumarbeitern, so genannte «Liquidatoren», mussten unter lebensgefährlichen Bedingungen den radioaktiven Schutt wegräumen. An den am stärksten verstrahlten Stellen wurden die Liquidatoren jeweils nur wenige Sekunden lang eingesetzt. Dennoch wurden viele von ihnen lebensbedrohlich verstrahlt. Ein Kraftwerksmitarbeiter zeigt im Jahr 2000 auf den Ort, wo 1986 der Reaktor explodierte. Verfestigter Schaum, Blei-Haufen und Bor-Pulver von Helikoptern aus abgeworfen, zeugen von den verzweifelten Versuchen, die nuklearen Prozesse im beschädigten Reaktor zu stoppen. Aus Helikoptern wurden neben Blei und Bor auch Dolomit, Sand und Lehm abgeworfen, um die Freisetzung von Spaltprodukten einzudämmen. Die dabei eingesetzten Helikopter stehen - zusammen mit anderen Fahrzeugen und Geräten - heute noch in der Sperrzone. Sie sind verstrahlt. Die Aufräumarbeiten dauerten drei Jahre. Arbeiter feierten im November 1986 vor Reaktorblock 4 die Errichtung der ersten Hülle des Sarkophags. Auf dem Banner steht: «Wir werden die Vorgabe der Regierung erfüllen!» Dieser erste Sarkophag hat seine Lebenserwartung bereits erreicht und ist brüchig geworden. Der zweite soll für mindestens 100 Jahre die Freisetzung von Strahlung verhindern. Er sollte 2014 fertig sein, allerdings verzögerte sich das Projekt wegen der Ukraine-Krise. Zudem fehlt das Geld. Von den rund innerhalb der ersten zehn Jahre. Um den Reaktor wurde eine Sperrzone errichtet. Nur vier Kilometer vom Reaktor entfernt lebten in der erst 1970 gegründeten Stadt Pripjat knapp Menschen. Einen Tag nach der Katastrophe befahlen die Behörden die Evakuierung der Industriestadt. Zunächst hiesses, es handle sich um eine reine Vorsichtsmassnahme; alles werde lediglich drei Tage dauern. Doch die Bewohner durften nie mehr zurückkehren. Die Strahlenbelastung war - und ist - zu hoch. Schritt für Schritt wurden später alle Anwohner im Umkreis von 30 Kilometern in Sicherheit gebracht. Aus Pripjat wurde eine Geisterstadt. Die kontaminierte Zone reichte weit bis nach Weissrussland hinein, das besonders schwer vom radioaktiven Fallout getroffen wurde. Die Kernschmelze in Tschernobyl und der Austritt von grossen Mengen Radioaktivität war ein Super-GAU, der über den GAU («Grösster anzunehmender Unfall») hinausgeht. Der GAU bezeichnet den schlimmsten beherrschbaren Störfall, für den das Kraftwerk ausgelegt ist. Auch im Westen hatte die Katastrophe Folgen: Die radioaktive Wolke kontaminierte grosse Gebiete in Skandinavien und Mitteleuropa. Hier wurde ein westdeutsches Auto an der ostdeutsch-polnischen Grenze dekontaminiert. Schwangeren und Kleinkindern unter zehn Jahren wurde geraten, auf Gemüse und Milch zu verzichten. Ein wegen der radioaktiven Wolke geschlossener Spielplatz in Wiesbaden. Der Super-GAU in dem sowjetischen AKW stärkte in der Folge die ökologischen und atomkritischen Bewegungen im Westen. Auch in der Schweiz erhielt die Anti-AKW-Bewegung Aufwind. Tschernobyl und die Sperrzone entwickeln sich immer mehr zu einer eigentlichen Touristenattraktion.

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Gut 30 Jahre nach dem GAU von 1986 gleicht das Gebiet um das havarierte Atomkraftwerk einem wahren Wildtierparadies. 2015 hatten Forscher vom Staatlichen Radioökologischen Reservat Polesie im weissrussischen Gomel im Fachjournal «Current Biology» bereits von der Rückkehr von Elchen, Hirschen, Rehen, Wildschweinen und Wölfen berichtet.

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Doch diese Arten sind nicht die einzigen, die – nachdem ihre Bestände direkt nach dem GAU eingebrochen waren – wieder zurück ins noch immer strahlende Sperrgebiet gekommen sind. Das geht aus einer im Fachjournal «Food Webs» publizierten Studie hervor.

15 Neuzugänge dokumentiert

Das Team um Peter E. Schlichting von den Universitäten von Georgia und Arizona hatte für die Untersuchung zunächst Fischköder entlang des Prypjat-Flusses und alter landwirtschaftlicher Bewässerungskanäle ausgelegt – um Aasfresser anlocken.

Der Plan der Wissenschaftler ging auf. So fanden sich nach kurzer Zeit zehn Säugetierarten und fünf Vogelspezies bei den Fischkadavern wieder. Darunter «zum ersten Mal Seeadler, amerikanische Nerze und Flussotter», so Schlichtings Kollege James Beasley in einer Mitteilung der Hochschule.

98 Prozent der Fische, die das Team als Köder ausgelegt hatte, wurden gefressen. Für die Forscher ein Zeichen einer reichen Vielfalt an Aasfressern und in der Folge eines florierenden Ökosystems.

(fee)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cleo am 05.02.2019 19:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur weiter so

    Die Natur erholt sich dort wo der Mensch ausgestorben ist. Also nur weiter so. Das Beste für die Umwelt wenn der Mensch sich selbst zerstört hat. Und er ist auf dem besten Weg dazu, er wird es auch schaffen

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  • Rene am 05.02.2019 19:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    bravo

    Hoffentlich hält sich unsere Spezies noch Jahrhunderte aus diesem Gebiet und lässt die Natur, Natur sein.

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  • Chris am 05.02.2019 19:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spanneder Ort

    Würde ich gerne mal hingehen. Ein Ort der die Weltgeschichte geprägt hat.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pedro am 07.02.2019 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    Tier vor Mensch

    Bereits vor 15 Jahren sah ich eine Doku, welche Wissenschaftler - in Strahlen-Schutzanzügen - drehten. Unter einem abgestorbenen Baum fanden sie abgefressene Fischgräten, welche einen immensen Strahlungswert aufwiesen. Nach längerem Warten sahen sie einen Adler, welcher regelmässig seine Beute aus dem See - auf diesem Baum verspeiste. Genetische Deformationen fanden sie lediglich bei einer Salamander Art, in Form einer zusätzlichen Zehe. Anscheinend sind Tiere gegenüber radioaktiver Strahlung wiederstandsfähiger als wir Menschen.

  • Will Wissen am 07.02.2019 08:57 Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    Hat sich noch nie jemand gefragt warum Nagasaki und Hyroshima keine Sperrgebiete sind? Dort fielen angeblich Atombomben und alles wurde ausgelöscht und verstralt. Hmm...

    • Antonov am 07.02.2019 12:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Will Wissen

      Weil eine Kernwaffe kein Supergau darstellt. Du verwechselt gerade Kernwaffe mit sogenannten schmutzigen Bomben.

    • pff am 07.02.2019 17:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Will Wissen

      Da war der keine keine Graphit Brennstäbe verbrannt

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  • Alter am 06.02.2019 21:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dosenbach

    In meiner Kindheit wurden mir alle Jahre Schuhe gekauft und um zu schauen ob sie passen stand bei Dosenbach ein Röntgengerät. So habe ich bestimmt durch Schuhanproben mehr Strahlung abgekriegt als durch alle AKW Störfälle weltweit.

    • Mary J am 07.02.2019 09:36 Report Diesen Beitrag melden

      ?????

      Klar, deshalb sind die Ersthelfer damals auch innerhalb kürzester Zeit verstorben....

    • Duderino am 07.02.2019 12:51 Report Diesen Beitrag melden

      @Mary J

      Genau wie der Kommandant der Feuerwehr von Prypiat, der stand auf einem der noch ganzen Reaktorblöcke und hat die Löscharbeiten koordiniert. Starb aber erst ca 2008.

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  • E.Huber am 06.02.2019 21:17 Report Diesen Beitrag melden

    Trügerisches Paradies

    In You Tube gibt es einen guten Film mit dem Titel "Trügerisches Paradies" zu sehen. Am Schluss das Fazit, die Natur braucht uns Menschen nicht.

    • Mary J am 07.02.2019 09:36 Report Diesen Beitrag melden

      war schon lange klar

      Dieses Fazit haben einige schon begriffen, aber wir brauchen die Natur!!

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  • Farid LAID am 06.02.2019 18:13 Report Diesen Beitrag melden

    Originale aus der Photo19

    Ich habe noch meine Serie originaler Fotos die ich an der Photo19 ausgestellt hatte.