Wegen E-Zigaretten

13. September 2019 20:03; Akt: 19.09.2019 10:38 Print

Erst 18, aber schon eine Lunge wie ein 70-Jähriger

Vapen hat Adam Hergenreder krank gemacht: Seine Lunge ist so stark gealtert, dass ihm wohl nur eine Lungentransplantation helfen kann.

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Bei der Zahl der Lungenerkrankungen handelt es sich laut der Gesundheitsbehörde vielleicht nur um «die Spitze des Eisbergs»: E-Zigarette. (Archivbild) Das Verbot in Massachusetts verbietet alle E-Zigaretten, nicht nur die aromatisierten. (Archivbild) Der E-Zigaretten-Hersteller steht schon länger in der Kritik: Eine Frau raucht eine Juul. (Archivbild) Adam Hergenreders Mutter ist sich sicher: Juul ist dafür verantwortlich, dass ihr Sohn mit Sauerstoffschlauch und an ein EKG angeschlossen im Spital liegt und eventuell sogar eine neue Lunge braucht. Während der anderthalb Jahre, in denen Adam pro Tag einen Juul-Pod leer vapte und THC-haltige Lösungen mit der E-Zigi verdampfte, verschlechterte sich sein Zustand. Bei seiner Einlieferung ins Spital attestierten die Ärzte, dass seine Lunge der eines etwa 70 Jahre alten Mannes entspreche. Adams Schicksal ist kein Einzelfall. Im Sommer 2019 kamen erstmals Meldungen auf, wonach mehrere Menschen in den USA mit unerklärten Atemwegserkrankungen ins Spital eingeliefert wurden. Zurzeit sind in den USA rund 450 Fälle dokumentiert, in denen Menschen im Zusammenhang mit dem Konsum von E-Zigaretten lungenkrank geworden sind. Sie alle hatten zuvor E-Zigaretten konsumiert. Viele der Betroffenen hatten Liquids mit dem psychoaktiven Cannabis-Wirkstoff THC konsumiert. Sechs Menschen verstarben in der Folge sogar. Trotzdem ist bislang unklar, was genau die Gesundheitsprobleme auslöst. Doch nun scheint es eine erste heisse Spur zu geben. Laut der «Washington Post» haben Untersuchungen der gerauchten Liquids einen Stoff in den Fokus gerückt ... (Im Bild: einige der untersuchten Liquids) ... der die Atemwegserkrankungen auslösen könnte: Vitamin-E-Öl. Die Ermittler hätten den Stoff in Proben von Cannabisprodukten gefunden, die die Erkrankten zuvor geraucht hatten. In einigen US-Bundesstaaten ist der Verkauf von entsprechenden THC-Produkten erlaubt. Vitamin E kommt natürlicherweise in verschiedenen Nahrungsmitteln wie Ölen oder Nüssen vor. Doch der Stoff kann wegen seiner molekularen Struktur beim Einatmen gefährlich werden. Es ist nicht das erste Mal, dass über die Gefährlichkeit des E-Zigi-Konsums diskutiert wird. Studien zeigten, dass beim Verdampfen unter anderem freie Radikale und potenziell schädliche Chemikalien entstehen, die Entzündungen der Schleimhäute fördern und die DNA-Reparatur in den Zellen hemmen können. Derart erhöht sich auch das Krebsrisiko. Eine Arbeit von Stanford-Forschern zeigte ausserdem, dass auch die Auswahl des Aromas einen Einfluss auf die Gesundheit hat. Konkret wird die Ausschüttung von Entzündungsmarkern in den Zellen erhöht und das Zellwachstum beeinträchtigt, was zum Zelltod führen kann. Wie schwerwiegend die Folgen waren, hing stark vom Aroma ab. Als besonders schädlich entpuppten sich die Liquids mit Menthol- und Zimtaroma. Sie reduzierten die Überlebensrate der Zellen am deutlichsten, formulieren die Forscher. Laut den Wissenschaftlern zeigt die im «Journal of the American College of Cardiology» erschienene Studie deutlich, dass E-Zigis keine sichere Alternative zum Tabakrauchen darstellen. Konkret habe sich gezeigt, dass die Liquids Veränderungen bewirken ... ... die stark an jene erinnern, die während der Entwicklung von Gefässkrankheiten auftreten. Das ist angesichts der steigenden Nutzerzahlen – vor allem bei jungen Personen – beunruhigend. Sucht Schweiz hat für die im März 2019 vorgestellten Zahlen über 11'000 Schüler im ganzen Land befragt. Dabei zeigte sich, dass Dampfen bei den 15-Jährigen weit verbreitet ist. Eine weitere aktuelle Studie aus den USA zeigt zudem: 32 Prozent der College-Studenten besitzen eine E-Zigarette, und 50 Prozent haben schon beobachtet, wie andere in der Vorlesung oder in der Bibliothek gedampft haben.

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In der Nase ein Sauerstoffschlauch, EKG-Pads auf der Brust und den Körper in einem Spitalhemd: Adam Hergenreder aus den USA geht es nicht gut. Schuld daran sein soll eine spezielle E-Zigarette: die Juul, die sich in den USA besonders bei Jugendlichen grosser Beliebtheit erfreut.

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Dies auch bei solchen, die noch nie vorher eine richtige Zigarette geraucht haben. Und dies, obwohl die Juul und die dazugehörigen Liquid-Pods in den USA (wie auch in der Schweiz) nur an volljährige Personen abgegeben werden dürfen.

Es den anderen nachgemacht

Trotzdem hat der heute 18-jährige Adam schon vor anderthalb Jahren mit dem Juuling angefangen – «um dazuzugehören, weil alle es taten», zitiert ihn CNN. Und auch, «weil es gut schmeckte.» Besonders Mango-Aroma habe es ihm angetan.

Damals war Adam erst 16 Jahre alt. Nach seiner ID hätte ihn aber nie jemand gefragt. So habe er problemlos jeden Tag einen neuen Liquid-Pod einlegen können. Später habe er dann auch THC-haltige Flüssigkeiten inhaliert. Wo er diese bezogen hat, ist unklar, denn Juul enthält kein THC. Das Suchtpotenzial der Juul ist in den USA grösser als in Europa. Denn dort enthalten die Original-Liquids entweder 59 Milligramm oder 35 Nikotin pro Milliliter und damit deutlich mehr, als etwa in der Schweiz erlaubt ist. Hier sind Juul-Pods mit «nur» 20 Milligramm Nikotin befüllt.

Lunge zu Sport nicht mehr in der Lage

Aber erst als Adam unter extremer Kurzatmigkeit litt, suchte er einen Mediziner aus. Offenbar war es Rettung in letzte Sekunde, denn «ohne medizinische Hilfe hätte es sein können, dass er in den nächsten zwei oder drei Tagen gestorben wäre», so Adams Ärzte zu CNN. Ein Umstand, den seine Mutter, die sein Spitalfoto auf Facebook postete (siehe Bildstrecke), mit «Die Juul ist der Teufel» kommentierte.

Wie schlimm es um den 18-Jährigen stand, zeigten Röntgenbilder. Sie offenbarten Adam, dass seine Lunge der eines etwa 70 Jahre alten Mannes entspreche. Ob sie sich jemals wieder erholt oder ob Adam nur eine Lungentransplantation helfen wird, ist unklar. Ein Umstand, der Adam traurig macht: «Ich war Uni-Ringer, aber vielleicht kann ich nie wieder kämpfen, weil meine Lungen dazu nicht mehr in der Lage sind.»

450 Verdachtsfälle, sechs Tote

Adams Schicksal ist kein Einzelfall. Zurzeit sind in den USA rund 450 Fälle dokumentiert, in denen Menschen im Zusammenhang mit dem Konsum von E-Zigaretten lungenkrank geworden sind. Die Zahl der infolge dessen Verstorbenen ist mittlerweile auf sechs gestiegen.

Juul beobachtet die Fälle in den Vereinigten Staaten genau, wie Mediensprecher Sadi Brügger betont. Das Unternehmen habe keine höhere Priorität als die Produktsicherheit. Er hält fest, dass Juul keine Produkte mit THC herstellen. «Vieles deutet darauf hin, dass es sich bei den Patienten um Personen handelte, die THC gevapt oder verdampft haben», so Brügger.

Was E-Zigaretten so schädlich macht, ist nach wie vor unklar. Wie die «Washington Post» berichtete, haben Forscher jedoch Vitamin-E-Öl als Auslöser in Verdacht. Dieses hatten die Ermittler in Proben von Cannabisprodukten gefunden, die die Erkrankten zuvor geraucht hatten.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC empfahl vor einigen Tagen den vorläufigen Verzicht auf die Dampfgeräte, solange die Ursachen der Krankheitswelle nicht geklärt seien.

Auffällig: In der Schweiz und Europa ist bislang keine solche Fälle bekannt. Die Beschwerden scheinen sich auf Benutzer von E-Zigaretten in den Vereinigten Staaten zu beschränken.

(daw/fee)