Kommunikationsguerilla

28. September 2011 15:32; Akt: 28.09.2011 15:32 Print

Fünf Aktionen, um die Welt zu verbessern

von Karin Leuthold - Schock-Trader Alessio Rastani ist offenbar kein «Yes Man». Schade, denn seine Aktion auf BBC News würde sich nahtlos in die Verwirrspiele der Netzaktivisten einreihen.

Am 26. September löste Alessio Rastani mit seinen schockierenden Aussagen einen Medienwirbel aus. (Quelle: YouTube)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Seine Aktion war ein Erfolg – das muss man Alessio Rastani lassen. Seine Aussagen sind seit Montag in aller Munde und der Börsenhändler schaffte es, Leser und Politiker zugleich zu irritieren. Goldman Sachs regiere die Welt, meinte Rastani keck im Interview mit dem britischen Sender BBC. Er freue sich ausserdem auf die nächste Krise, denn dann könne er sich mit seinen Deals bereichern.

Solch knallharte Aussagen könnten nicht echt sein, meinten sofort einige – und vermuteten eine Kampagne der Spass-Guerilla «The Yes Men» dahinter. Doch die Netzaktivisten wimmelten ab: Die Aktion sei zwar «eine meisterhafte Performance» gewesen, doch Alessio Rastani gehöre nicht zur Organisation. «Yes Man» Andy Bichlbaum erklärt sich in einer kurzen Stellungnahme auf seiner Webseite einverstanden mit Rastanis Aussagen und lässt dem Leser die Freiheit zu vermuten, dass seine Gruppe sehr wohl hinter einer solchen Aktion stehen könnte.

Tatsächlich sind «The Yes Men» verantwortlich für viele grandiose Aktionen, die in den letzten Jahren Netzkulturgeschichte schrieben. Zu den fünf lustigsten gehört die Unterschriftensammlung vor den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2004 - mit Sicherheit einer der grössten Polit-Juxe, die es bisher gab. Unter dem Gruppennamen «Yes, Bush can» (Ja, Bush kann) ermutigten sie Wähler, ein «Patriotisches Gelöbnis» zu unterzeichnen, indem sie ihre Bereitschaft erklärten, nukleare Abfälle in ihrem Garten zu lagern und ihre Kinder in den Krieg zu schicken.

Das WTO empfiehlt, mit Sklaven zu arbeiten

Fünf Jahre zuvor waren Andy Bichlbaum und Mike Bonanno mit ihrer ersten Aktion bereits aufgefallen. Unter der Domain «gatt.org» stellten sie eine gefälschte Webseite der Welthandelsorganisation WTO ins Netz. Sie erhielten daraufhin laufend Einladungen zu Konferenzen und Seminaren – die sie selbstverständlich annahmen. Bei ihren Auftritten erklärten «die Experten» dann, dass zum Beispiel der Sezessionskrieg eine «reine Geldverschwendung» gewesen sei - schliesslich gebe es jetzt Sklaven aus Drittweltländern umsonst.

An einer weiteren Konferenz rieten sie der Finanzelite die Stimmen für die Wahlkampagnen direkt bei Bürgerorganisationen zu kaufen. Den Höhepunkt des WTO-Juxes erreichten die «Yes Men», als sie während eines Seminars goldene Spandex-Anzüge präsentierten und allen Ernstes meinten, damit könnten Manager die Produktivität ihrer Firma erhöhen, weil sie mittels der eingebauten Sensoren ihre Mitarbeiter rund um die Uhr überwachen könnten.

Bhopal bekennt sich zur Katastrophe?

Der Bhopal-Coup ist wohl der bekannteste aller «Yes Men»-Hoaxes. Mitglied Andy Bichlbaum trat am 3. Dezember 2004 als «Jude Finisterra» auf BBC auf. Zum 20. Jahrestag des Bhopalunglücks wolle er, als Pressesprecher von Dow Chemical, eine wichtige Ankündigung machen: Dow Chemical, Eigentümer von Union Carbide und verantwortlich für das Unglück, bei dem Tausende ihr Leben verloren und die Überlebenden schwere Folgeschäden davontrugen, wolle nun zwölf Milliarden US-Dollar an die Familien der mehr als 3000 Opfer und 120 000 Verletzten auszahlen. Dow übernehme erstmals «volle Verantwortung für die Katastrophe», sagte Bichlbaum mit ernster Mine. Zudem habe man beschlossen, «Union Carbide zu liquidieren, diesen Albtraum für die Welt, der Dow Kopfschmerzen bereitet». Das Interview, das bei BBC Live ausgestrahlt worden war, musste kurz darauf vom Sender dementiert werden. Doch die Aktion hatte bereits ihren Erfolg erzielt: Der Wert von Dow Chemical war an der Börse um rund zwei Milliarden Dollar gesunken.

Dow Chemical zum Zweiten

Ein Jahr später griffen die «Yes Men» Dow Chemical ein zweites Mal an: Als Repräsentanten des Unternehmens stellten sie an einer Konferenz ein Computerprogramm vor. Unter dem Namen «Acceptable Risk Calculator» behaupteten die Aktivisten eine Software zu haben, die Firmen helfe, Standorte zu finden, an denen die Bevölkerung ein hohes Unfallrisiko zu tragen bereit ist. Ihren Auftritt begleitete das angebliche Dow-Maskottchen Gilda, das goldene Skelett. Nach ihrer Präsentation ernteten sie tatsächlich den Applaus von 70 Bankern.

Eine bessere Welt in der «New York Times»

Am 12. November 2008 verteilten Bichlbaum und Bonanno eine gefälschte Ausgabe der «New York Times». Die «Spezialausgabe» war auf den 4. Juli 2009 vordatiert und zeichnete das Bild einer besseren Welt: Der Irakkrieg war zu Ende, Präsident Bush wegen Hochverrats angeklagt worden und die damalige Aussenministerin Condoleezza Rice hatte sich öffentlich für ihre Lügen über den Irakkrieg entschuldigt. «The Yes Men» behaupten, über 1,2 Millionen Ausgaben gedruckt und unter die Leute gebracht zu haben.