Fluorchinolone

09. April 2019 19:50; Akt: 09.04.2019 19:50 Print

Gefährliche Antibiotika nur noch im Notfall erlaubt

Sie sollen Kranke gesund machen, aber oft machen Antibiotika der Gruppe der Fluorchinolone sie noch kränker. Deshalb werden sie nun stark eingeschränkt.

Bildstrecke im Grossformat »
Wer Antibiotika nimmt, hofft darauf, gesund zu werden. Doch manche der zur Auswahl stehenden Präparate haben so schwere Nebenwirkungen, dass auch die schlimmste Harnwegsentzündung ein Klacks dagegen ist. Die Beschwerden der Fluorchinolone, früher Gyrasehemmer, reichen von Sehnenentzündungen und -rissen über Gelenk-, Muskel- und Hautschmerzen, ... ... Herzrhythmusstörungen, Halluzinationen, Verwirrung und epileptischen Anfällen ... ... bis hin zu schlimmen Durchfällen, Depressionen und Suizidgedanken. Die Nebenwirkungen sind teils so heftig, dass die amerikanische Zulassungsbehörde FDA 2016 eine Warnung herausgab, laut der die Medikamente unerwünschte Wirkungen haben könnten, die «zur Behinderung führen und potenziell dauerhaft» seien. 2017 leitete auch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ein europaweites Risikobewertungsverfahren ein. Dieses ist nun abgeschlossen, Nach Ansicht des PRAC sollen Fluorchinolon-Antibiotika in Zukunft , ... ... sofern andere Antibiotika zur Verfügung stehen: ... Bei Infektionen, die auch ohne Behandlung abklingen oder nicht schwer sind. Beispielsweise bei Entzündungen des Halses; ... ... zur Vorbeugung von Reisedurchfall (Reisediarrhö) oder ... ... wiederkehrender Infektionen der unteren Harnwege (sofern sie nicht über die Blase hinausgehen) und ... ... zur Behandlung von Patienten, bei denen vormals schwere Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Fluorchinolonen oder Chinolonen aufgetreten sind. Ebenfalls nicht mehr zur Anwendung kommen sollen Fluorchinolone bei leichten bis mittelschweren Infektionen wie Blasenentzündungen, chronischer Bronchitis und COPD (chronisch obstruktive Lungenkrankheit) sowie ... ... bei einer akuten bakteriellen Rhinosinusitis und akuten Mittelohrentzündungen. Besonders zurückhaltend sollten Ärzte bei der Behandlung von älteren Personen, von Patienten mit Nierenfunktionsstörungen und solchen, ... ... die eine Organtransplantation hatten, sein. Auch bei Erkrankten, die Kortikosteroide einnehmen, ist Vorsicht angesagt. Sie alle weisen ein höheres Risiko für durch fluorchinolonhaltige Antibiotika verursachte Schäden an den Sehnen auf. Der Expertenausschuss empfiehlt weiter, dass Angehörige der Gesundheitsberufe die Patienten anweisen sollten, die Behandlung mit einem fluorchinolonhaltigen Antibiotikum zu beenden, wenn erste Anzeichen von Nebenwirkungen auftreten. Im April 2019 wurden die Anwendungsgebiete der fluorchinolonhaltigen Antibiotika offiziell eingeschränkt. Dies teilte das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit. Erst im Oktober 2018 hatten finnische Forscher berichtet, wie es zu den schweren, teils irreparablen Nebenwirkungen kommen könnte. Im Fachjournal «Nucleic Acids Research» schrieb das Team von der University of Eastern Finland, dass Ciprofloxacin die DNA von Mitochondrien (mtDNA), den Kraftwerken der menschlichen Zellen massiv schädigt. Der beobachtete «dramatische Effekt» führt dazu, dass die Energieproduktion der Mitochondrien nachlässt.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Angesichts schwerwiegender Nebenwirkungen dürfen Ärzte sogenannte Fluorchinolon-Antibiotika nur noch sehr eingeschränkt verschreiben.

Umfrage
Haben Sie auch schon an heftigen Medikamenten-Nebenwirkungen gelitten?

In einem «Rote-Hand-Brief» – ein Informationsschreiben über neu erkannte Arzneimittelrisiken – warnten die Pharmaunternehmen am Montag davor, die Nebenwirkungen könnten «lang anhalten, die Lebensqualität beeinträchtigen und sind möglicherweise irreversibel». Die Rede ist unter anderem von Sehnenrissen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schlafstörungen und psychischen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen.

Strenge Reglementierung

Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn wurden die Anwendungsgebiete dieser fluorchinolonhaltigen Antibiotika daher eingeschränkt.

Sie sollen insbesondere nicht mehr verschrieben werden bei Infektionen, die auch ohne Behandlung abklingen, oder die nicht schwerwiegend sind. Gleiches gilt bei nicht bakteriellen Infektionen. Die Präparate der Gruppe der Fluorchinolone enthalten unter anderem die Wirkstoffe Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin.

Nur dann, wenn andere Antibiotika nicht mehr helfen

Allein in Deutschland wurden 2015 knapp 5,9 Millionen Arzneimittelpackungen mit diesen Wirkstoffen von niedergelassenen Ärzten verordnet. Das waren bezogen auf alle Antibiotikaverordnungen die vierthäufigsten.

Die betroffenen Wirkstoffe sind antibakteriell wirksam und können schwerwiegende, lebensbedrohende Infektionen heilen. Nach Angaben des Wissenschaftlichen Instituts der AOK werden sie in der Praxis häufig aber auch bei Bagatellerkrankungen wie unkomplizierten Harnwegsinfekten oder Bronchitis und Sinusitis ambulant verordnet. Sie gelten als sogenannte Reserveantibiotika, die eingesetzt werden, wenn andere Antibiotika nicht mehr helfen.

Die Fluorchinolon-Antibiotika und ihre schwerwiegenden Nebenwirkungen stehen bereits seit längerem im Fokus der Arzneimittelbehörden und wurden entsprechend in der Packungsbeilage aufgeführt. Die neuen Einschränkungen sind das Ergebnis einer vom BfArM angestossenen europäischen Risikobewertung.

«Ich bin dankbar für jeden Tag ohne Schmerzen»

(fee/sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • T.P. am 09.04.2019 20:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es wurde Zeit!

    Es wird Zeit ,es gibt noch andere Medikamente wo so was auslösen können. Ich habe es selber erlebt nur oft wird man nicht so Richtig als Patient Ernst genommen,sobald man versucht es anzusprechen.

  • KlarteXter am 09.04.2019 20:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch die Schweiz

    Nicht nur Europa hat gehandelt, auch die Schweizer Behörde Swissmedic, und zwar zeitgleich. Gut so. Diese Medis sollen nur im Notfall gegeben werden! Die Pharma hat jedoch nicht mehr viel daran verdient - die meisten davon sind alt, mit Generika.

  • ruedi lanz am 09.04.2019 20:31 Report Diesen Beitrag melden

    Nie mehr

    Nach der Diagnose Stirnhöhlenentzündung verschrieb mir der Arzt auch Antibiotika. Nach einer Woche war diese bereits geheilt. Allerdings folgte dann eine dreiwöchige Bettruhe infolge Verletzung der Darmflora durch Medikamente, mit krampfähnlichen Anfällen im Magen- und Darmbereich und heftigem Durchfall!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Arnold Robertsons am 10.04.2019 19:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie kann es soweit kommen?

    Wie kann es sein, dass bei den strickten Zulassungsverfahren der Medikamente so schwerwiegende Nebenwirkungen und Langzeitschäden nicht früher bei den Test festgestellt wurden? Ich empfehle den Geschädigten mit (Sammel-) Klagen gegen die Hersteller und Zulassungsbehörden vorzugehen. Etwas stimmt hier im Zulassungsprozess nicht und jemand hat geschlampt oder vertuscht. Wahrscheinlich aus Gier. Anders lässt sich das nicht erklären.

  • Daniel Hestler am 10.04.2019 18:15 Report Diesen Beitrag melden

    Lesen bildet

    Die Abgabe von AB findet schon bei fast jeder OP statt. Zu einer Op wird meistens eine AB-Lösung eingegeben...wegen Entzündungen und Bakterien.. Nierenstein im Harnleiter-Harnleiterschiene bekommen für 2 Wochen-entfernt 1 Woche AB..ich nein ...nehme D-Mannose! Das Beste was es gibt. Auch gut für Blasen-Entzündungen. Funktioniert. Ich lebe noch. Finger weg von Antibiotika wenns alternativen gibt. Die heutigen Medikamente gibts seit 140 Jahre. Die Natur gibts schon Ewigs!

  • Theo am 10.04.2019 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Geschädigter

    Habe auch wegen einer Bronchitis Levofloxacin bekommen und konnte nach 3 Tagen fast nicht mehr gehen. Meine Achilles-Sehne hat sich verkürzt, Herzrithmus-Störung und Schlaflosigkeit ,Angstzustände auf Herzversagen. Von nur 3 Tabletten über 3 Tage.

  • Roli am 10.04.2019 13:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    je nach dem

    Mir hat das Antibiotikum immer sehr gut geholfen! Jeder Mensch reagiert halt andersch.

  • BH am 10.04.2019 13:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber Verantwortung tragen

    Ich habe mir aus den Ferien einen Darmkäfer mitgebracht. Als es nicht besser ging, ging ich zum Hausarzt. Er wollte mir ein Flurchinolone geben, was ich verweigert habe. Schließlich gabs ein anderes Antibiotikum und es heute auch damit.