Keine Empathie, keine Solidarität

25. Juni 2019 22:17; Akt: 25.06.2019 22:17 Print

Generation Z tickt immer weniger sozial

Wie steht es um den Gemeinschaftssinn und das sozial Bewusstsein junger Menschen in Deutschland? Nicht gut, wie eine neue Studie belegt.

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Zum Gemeinschaftssinn gehören Kompetenzen wie Empathie, Solidarität, Akzeptanz, Hilfsbereitschaft und soziale Integration. Diese Grundlagen müssen grösstenteils in der Kindheit und der frühen Jugend erfahren und erlernt werden. Der Gemeinschaftssinn von Jungen ist – im Vergleich zu den Mädchen – bereits im Kindesalter in Schieflage. Der Unterschied im Hinblick auf die sozialen Kompetenzen der Geschlechter besteht auch bei Jugendlichen fort. 21 Prozent der Kinder neigen dazu, nur wenig empathisch zu handeln. Nur jeder zweite Junge empfindet Mitgefühl, wenn es anderen Kindern schlecht geht. Zwei von drei Mädchen – aber nur einer von vier Jungen – zeigen starkes Mitgefühl. 25 Prozent der Jungen zeigen sich im Grundschulalter unsolidarisch ihren Mitschülern gegenüber. Fast jeder zweite männliche Jugendliche zeigt nur eine schwache positive Solidarität – ein bedenklicher Mangel an gesellschaftsdienlichem Gemeinschaftssinn. 22 Prozent aller befragten Kinder weisen Gleichaltrigen die individuelle Schuld für ihre Probleme zu. 24 Prozent der Kinder gaben an, Mobbing-Opfer zu sein, aber nur 9 bis 12 Prozent wollen Täter gewesen sein. Jeder dritte Jugendliche tendiert dazu, andere stark abzuwerten. 25 Prozent der Jungen neigt zu individualisierten Gleichgültigkeiten. 7 gegen 2 Prozent: Jungen tun sich mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in der Öffentlichkeit schwerer. Welche Rolle spielen die Eltern dabei? Die Studie zeigt, dass die Einstellung der Eltern sowohl bei der Empathiebildung als auch bei der Solidarität der Jugendlichen nur einen marginalen Unterschied macht. Dennoch nehmen negative Einstellungen der eigenen Eltern deutlichen Einfluss auf die Gleichgültigkeit und die Abwertung der Jugendlichen.

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Ein bedenklicher Teil der Kinder und Jugendlichen zeigt Mängel beim Sinn für das gemeinschaftliche Miteinander. Das geht aus einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung hervor.

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Demnach verfügen Heranwachsende zwar zu einem grossen Teil über einen positiven Gemeinschaftssinn. Allerdings haben 22 Prozent der befragten Kinder und 33 Prozent der Jugendlichen hier bedenkliche Defizite.

Die Studie zum Gemeinschaftssinn bei Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 16 Jahren ergab zudem, dass in beiden untersuchten Altersgruppen die Mädchen durchweg einen besseren Sinn für das soziale Miteinander aufwiesen. Die positiven Aspekte des Gemeinschaftssinns von Jungen liegen demnach bereits vom Kindesalter an in einer Schieflage (siehe Bildstrecke).

Eklatante Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen

Für die Studie untersuchte der Sozialpädagoge Holger Ziegler, wie Heranwachsende mit Empathie und Solidarität, aber auch mit Gleichgültigkeit und der Abwertung von Schwächeren umgehen.

Empathie

Bei der Frage nach der Fähigkeit zum Mitfühlen wurden Kinder mit Aussagen konfrontiert wie «Es macht mich traurig, wenn es anderen Kindern schlecht geht» oder «Wenn ein anderes Kind traurig ist, versuche ich, es zu trösten».

• 21 Prozent der befragten Kinder zeigten nur ein geringes Empathievermögen.
• 30 Prozent der Jungen hat geringes Empathievermögen.
• 12 Prozent der Mädchen hat geringes Empathievermögen.

• 49 Prozent der befragten Kinder zeigten starke Empathie.
• 61 Prozent der Mädchen hat überdurchschnittliches Mitgefühl.
• Nur 37 Prozent der Jungen hat überdurchschnittliches Mitgefühl.

Mitleid

• 54 Prozent der Jugendlichen reagierten unterdurchschnittlich emphatisch auf Aussagen wie «Es nimmt mich mit, wenn ich sehe, dass ein Tier verletzt wird» oder «Es macht mich traurig, ein Mädchen/einen Jungen zu sehen, das/der niemanden zum Spielen findet».

• 69 Prozent der Mädchen zeigte starkes Mitgefühl.
• 24 Prozent der Jungen zeigte starkes Mitgefühl.

Solidarität

Solidarisches Verhalten gegenüber Gleichaltrigen untersuchten die Wissenschaftler mit Aussagen zur Hilfsbereitschaft.

• 20 Prozent der Befragten hatte keine positive Antwort auf Aussagen wie «Es kommt oft vor, dass ich anderen Kindern helfe» oder «Ich helfe anderen Kindern, wenn sie ungerecht behandelt werden».
• 30 Prozent der Jungen zeigte sich unsolidarisch.
• Nur 16 Prozent der Mädchen zeigte sich unsolidarisch.

Nachsicht

• 36 Prozent der Jugendlichen beantwortete abschlägig Fragen wie «Ich helfe gerne, wenn andere verletzt, krank oder traurig sind» oder «Ich teile gerne mit anderen».
• 47 Prozent der Jungen stimmten mit dieser ablehnenden Haltung überein.
• 24 Prozent der Mädchen stimmten mit dieser ablehnenden Haltung überein.

Gleichgültigkeit

Den Forschern zufolge ergaben die Befragungsergebnisse bei der Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen anderer ein noch bedenklicheres Bild:

• 70 Prozent aller befragten Kinder waren zumindest teilweise gleichgültig gegenüber Leidtragenden und hatten für deren Problemlagen lediglich ein «selber schuld» übrig.
Stark überzeugt von dieser Haltung waren:
• 22 Prozent der Kinder
• 21 Prozent der Jugendlichen.

(kle/afp)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Paede am 25.06.2019 22:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist unsere Schuld

    Tja, wir haben sie dazu erzogen!

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  • Homer am 25.06.2019 22:53 Report Diesen Beitrag melden

    Das will man ja!

    Es werden arbeitstechnische Roboter herangezüchtet, welche nur für sich denken und, wenn von Vorteil für einem selber, die Arbeitskollegen beim Chef verpetzen.

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  • Kocher N. am 25.06.2019 22:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlechtes Zeichen

    Und dies in einer Zeit, in welcher die Digitalisierung voranschreitet und die Soft-Skills immer wichtiger werden... bedenklich.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mich am 30.06.2019 11:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Für

    Keine Überraschung! Sie wurden und werden so gemacht?

  • divinemothertree am 28.06.2019 23:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist wirklich so

    Die meisten Sekundarschulen haben ein Kokainproblem. Wenn 14 Jährige bereits koksen, wundert mich das ehrlich gesagt gar nicht...

  • Rita R. am 27.06.2019 10:34 Report Diesen Beitrag melden

    Herangezüchtete Egozentriker

    Das ist nun das (noch nicht mal endgültige) Resultat unserer zu kapitalistischen Politik(er) bzw. deren Ignoranz. Und ich freue mich nicht darauf zu sehen, zu was das im Endeffekt führen wird...

  • vole terre am 27.06.2019 09:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    altmodisch aber wahr

    Ist es bei den älteren Generationen echt anders? Die vaterlose Gesellschaft hat zugeschlagen... Verwöhnen statt begleiten, gewähren lassen statt bewähren, laisser-faire.

  • Tom C. am 27.06.2019 07:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Folgen der 68er

    Das 68er Gedankengut trägt seine Früchte bei den Enkeln. Toll!

    • Überfluss am 27.06.2019 09:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Tom C.

      finde ich nicht. Die 68er sind längst erwachsen. Das sind die Milleanials die um 2000 +, welche ihren Nachwuchs so"erzogen" haben. Ich bin weit darüber und kann das schön sehen. Ich bin oftmals in ÖV und benutze keine Iphone, sondern höre und sehe der Gesellschaft zu. Es ist zum Weinen oder zu, Lachen, je nachGesinnung.

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