ETH Zürich

16. Dezember 2009 12:15; Akt: 16.12.2009 13:26 Print

Gletscherschmelze: Früher wars noch schlimmer

In der Schweiz sind die Gletscher in den 1940er-Jahren stärker geschmolzen als heute. Schuld daran war, so bizarr es auch tönen mag, die vergleichsweise saubere Umwelt.

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Von der Monte-Rosa-Hütte bei Zermatt hat man (noch) einen Blick auf den Gornergletscher. Dieser war im Jahr 1890 15 Kilometer, im Jahr 2005 noch 13 Kilometer lang. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

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Gemäss neusten Studien von Forschern der ETH Zürich dürfte die damals geringere Aerosolverschmutzung der Atmosphäre und die damit verbundene stärkere Sonneneinstrahlung dafür verantwortlich gewesen sein.

Insbesondere im Sommer 1947 verloren die Gletscher seit Beginn der Messreihe im Jahr 1914 am meisten Eis. Die starke Gletscherschmelze in den 1940er-Jahren relativiere zwar die Annahme eines «noch nie da gewesenen» Gletscherschwundes in den letzten Jahren. Dies sollte jedoch nicht zum Schluss verleiten, dass die aktuelle Klimaerwärmung gar nicht so problematisch für die Gletscher sei wie bisher angenommen. Denn aussergewöhnlich sei nicht die Rate, mit der die Alpengletscher momentan schmelzen, sondern, dass der starke Rückgang nun seit 25 Jahren anhalte. Dazu komme, dass vor rund 30 Jahren temperaturabhängige Rückkoppelungsmechanismen einsetzten. Diese führten dazu, dass seither der Niederschlag in Form von Schnee um zwölf Prozent relativ zum Gesamtniederschlag abnahm und sich parallel dazu die Schmelzperiode um etwa einen Monat verlängerte. Diese Effekte könnten die heute herrschende, im Vergleich zu den 1940er-Jahren geringere Sonneneinstrahlung bald wettmachen, warnen die Wissenschafter.

Einfluss der Sonneneinstrahlung

Die in der Fachzeitschrift «Geophysical Research Letters» publizierte Studie hat nun den Einfluss der Sonneneinstrahlung bestätigt. Schuld an der starken Gletscherschmelze ist laut den Forschern der hohe kurzwellige Strahlungseintrag in den Sommermonaten. Dieser sei in den 1940er-Jahren um acht Prozent über dem Langzeitdurchschnitt und um 18 Watt pro Quadratmeter über demjenigen der vergangenen zehn Jahre gelegen. Dies habe dazu geführt, dass über das gesamte Jahrzehnt der 1940er-Jahre gemittelt, vier Prozent mehr Eis geschmolzen sei als in den letzten zehn Jahren.

In der Schweiz werden der Schneezuwachs im Winter und die Gletscherschmelze im Sommer an Messstellen auf rund 3.000 Metern über dem Meeresspiegel auf dem Claridenfirn, dem Grossen Aletschgletscher und dem Silvrettagletscher seit nahezu 100 Jahren ununterbrochen gemessen. Mit dieser weltweit einzigartigen Messreihe untersuchte Matthias Huss während seiner Doktorarbeit bei Martin Funk, Professor und Leiter der Abteilung für Glaziologie an der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VSAW) der ETH Zürich und Mitautor der Studie, wie sich die Klimaveränderung im letzten Jahrhundert auf die Gletscher auswirkte.

Das Forscherteam berücksichtigte die seit 1934 in Davos gemessene Sonneneinstrahlung auf die Erdoberfläche. Studien in den vergangen zwei Jahrzehnten haben nämlich gezeigt, dass, verursacht durch Aerosol und Wolken, die Sonneneinstrahlung stark variiert und dies vermutlich einen Einfluss auf Klimaschwankungen hat.

(ap)