Globalisierte Mundart

18. September 2009 09:44; Akt: 18.09.2009 10:29 Print

Heute spielt man auch in Bern «Fangis»

Die Mobilität macht auch vor der Sprache nicht halt: In den letzten 70 Jahren haben sich viele Mundartausdrücke derart ausgebreitet, dass sie heute in der gesamten Deutschschweiz verwendet werden. Andere Mundart-Ausdrücke sterben dagegen für immer aus. Nicht unschuldig daran ist das Hochdeutsche.

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Das zeigt eine gross angelegte Online-Umfrage der Universität Zürich.
Die von der Linguistikprofessorin Elvira Glaser und von Hans-Peter Schifferle, dem Chefredaktor des Schweizerdeutschen Wörterbuchs, konzipierte Erhebung erfragte 18 verschiedene Begriffe. Über 14 000 Personen füllten den Fragebogen aus und gaben an, welche Mundartausdrücke sie benutzen für Begriffe wie «Bonbon», «Schluckauf» oder «Kartoffel».

Die Umfrage lässt erahnen, wie sich die Mundart in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Die Resultate der Umfrage können nämlich verglichen werden mit dem «Sprachatlas der Deutschen Schweiz» (SDS), einer epochalen Dokumentation der Schweizer Dialekte aus den Jahren 1939 bis 1958.

«Fangis» auch im Bernbiet

Augenfällig ist der Einfluss der gesellschaftlichen Mobilität, wie Matthias Friedli, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Seminar der Uni Zürich, sagte. Bei verschiedenen Begriffen habe sich in den vergangenen 70 Jahren ein Mundartausdruck zu einer gesamtschweizerischen Variante entwickelt.

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der Ausdruck «Fangis», der heute - neben anderen Ausdrücken - von Bern bis zum Bodensee für «Fangenspielen» benutzt wird. Im SDS dagegen wurde «Fangis» nur in der Ostschweiz und in Zürich verwendet. In Bern und Freiburg sagte man «Tschinggi, Tschiggi oder Tschüggi», in den Kantonen LU, SO, AG, BL und SZ «Zi(n)ggi».

Manchmal sind es sogar mehrere Ausdrücke, die nun flächendeckend benutzt werden. So gibt es keine klaren Trennlinien mehr zwischen (Steine) «rüere», «schiesse», «schlöidere» und «wärfe». Früher wurde «rüere» im Raum Ostaargau-Zürich-Innerschweiz benutzt, «schiesse» in Bern und Solothurn, «wärfe» vorab in der Ostschweiz und «schlöidere» war kaum gebräuchlich.

Einfluss des Hochdeutschen

Laut Friedli scheinen sich vor allem Begriffe auszubreiten, die dem Hochdeutschen ähneln. «Ansatzweise wird sichtbar, dass sogar junge Entlehnungen aus dem Hochdeutschen sich zu gesamtschweizerdeutschen Varianten entwickeln können», sagte er. Ein Beispiel dafür ist «Butter», das heute laut der Umfrage ähnlich oft benutzt wird wie «Anke».

Ein anderes Beispiel ist die «Pfütze». Der früher wenig benutzte Ausdruck wird heute fast ebenso häufig genannt wie das bislang im Westen klar dominierende «Glungge» und das östliche «Gumpe». Etwas weniger ausgeprägt trifft diese Entwicklung auch auf «stupse» zu, das heute zum Teil für «stupfe, stüpfe» oder «mupfe, müpfe» verwendet wird.

Keine Verdrängung

Sorgen um die Vielfalt der Mundart sind allerdings laut Friedli fehl am Platz. «Die Mundarten bleiben sehr lebendig.» Überlieferte regionale Ausdrücke hielten sich oft als dominante Varianten, es gebe oft klar voneinander abgegrenzte Wortlandschaften. «Mit Feuer spielen» etwa heisst im Bernbiet «bubele», in der Region Basel «zünserle» und in der Nordostschweiz «zeusle».

Auch «Verluste» gibt es kaum zu beklagen: Die allermeisten der im Sprachatlas genannten Bezeichnungen wurden in der Online-Umfrage erneut angegeben. Eine Ausnahme ist das früher in Appenzell Innerrhoden gebräuchliche «Trüütli» für «Küsschen». Es scheine, dass dieser schöne Ausdruck ausgestorben sei, sagt Friedli.

(sda)