Lichtverschmutzung

20. März 2013 06:50; Akt: 20.03.2013 10:54 Print

Hier wird die Nacht wirklich zum Tag gemacht

von Ralf Meile, Hongkong - Im Zentrum von Hongkong ist der Nachthimmel wegen Leuchtreklamen 1200-mal heller, als wenn er unbeleuchtet ist. Nirgends auf der Welt ist die Lichtverschmutzung so schlimm.

Die Nacht-Skyline von Hong Kong Island (iPhone-Video: 20 Minuten, Ralf Meile).
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Am Samstag wird für eine Stunde alles ganz anders. Eine Stunde lang wird Hongkong eine ähnlich imposante Nacht-Skyline wie Brüttisellen, Wohlen oder Trubschachen haben. Anlässlich des WWF-Events «Earth Hour» wird für 60 Minuten die Beleuchtung aller Wolkenkratzer auf Hong Kong Island und auf Kowloon abgestellt (siehe Zeitraffer-Video vom letzten Jahr unten).

Der jährliche Anlass mag wohl ein Zeichen für den Umweltschutz sein, er ist aber nichts als ein symbolischer Akt. In Sachen Energieeinsparung ist er ein klitzekleines Tröpfchen Wasser auf einen siedend heissen Felsbrocken.

Abend für Abend bilden in Hongkong 45 Wolkenkratzer beidseits der Meerenge die Plattform für das rund zehn Minuten dauernde, grösste permanente Licht- und Musikspektakel der Welt, «A Symphony of Lights». Der Zuschauer erhält eine Ahnung davon, wie sich eine Ameise in einem Flipperkasten fühlen muss. Alleine der Stromverbrauch für eine einzige Show dürfte locker so hoch sein, dass in sämtlichen Schweizer Stuben noch Jahrzehnte lang herkömmliche Glühbirnen statt Energiesparlampen Licht spenden könnten, ohne dass man an den Wert der asiatischen Weltmetropole herankommt. Kein Wunder, nutzte auch schon die Umweltschutzorganisation Greenpeace die Show, um auf die Energieverschwendung in Hongkong aufmerksam zu machen.

Nicht nur im Zentrum viel heller als üblich

Die schillernde, farbenfrohe Skyline ist einerseits ein Wahrzeichen der Stadt und ein äusserst beliebtes Sujet für Touristen. Sie hat aber auch ihre Kehrseite. Physik-Forscher der Universität Hongkong haben untersucht, wie schlimm es um die Lichtverschmutzung in der Metropole mit ihren rund 8 Millionen Einwohnern steht. Ihr Fazit: sehr schlimm. In Tsim Sha Tsui an der Südspitze Kowloons, einem der grossen Zentren der Stadt, leuchtet der Nachthimmel 1200-mal heller, als er es ohne künstliche Beleuchtung tun würde. Nirgends auf der Welt sei dieser Wert so hoch, sagte Studienleiter Jason Pun Chun-shing der «South China Morning Post».

Drei Jahre lang forschte sein Team und untersuchte die Auswirkungen des ewigen Kunstlichts auf Mensch und Umwelt. In der bislang ausführlichsten Studie zum Thema sammelten die Wissenschaftler mehr als fünf Millionen Daten. Sie benutzten dazu Messinstrumente, die sie auf den Dächern von 18 Gebäuden anbrachten.

Hongkong besteht zu einem grossen Teil aus grüner Landschaft, doch auch in diesen unbesiedelten Gegenden ist die Lichtverschmutzung noch gross. Naturschützer reagierten bestürzt auf den Fakt, dass beispielsweise die Nacht im Wetland Park 130-mal heller ist als üblich. Leuchtkäfer, die sich an Lichtsignalen ihrer Artgenossen orientieren, hätten deshalb grosse Probleme, zitierte die Zeitung Yiu Vor von Hongkongs Vereinigung der Insektenkundler.

The (light)show must go on

Selbst im etwas abgelegenen Nationalpark Sai Kung registrierten die Forscher einen Wert, der 20-mal höher ist als der internationale Normwert für den Nachthimmel. Wissenschaftler Pun fordert aufgrund der Faktenlage schärfere Richtlinien. Bislang kennt Hongkong noch keine Vorschriften, welche die Beleuchtung eindämmen könnten. Ein Sprecher der Umweltbehörde sagte, er hoffe, dass sich eine Taskforce in absehbarer Zeit des Themas annehmen werde. Gemäss WWF-Angaben sind weniger als fünf Prozent der Hongkonger der Ansicht, dass die Regierung genügend Anstrengungen unternimmt, um den Energiebedarf zu senken.

Mindestens am Samstag, mindestens für eine Stunde wird die Lichtverschmutzung in Hongkong weniger hoch sein als üblich. Ist die Uhr abgelaufen, werden die Lampen und Scheinwerfer der Wolkenkratzer umso heller wahrgenommen. Es wird sein wie bei einem Fussballspiel, wenn eine Trauerminute abgehalten wird: Nie wird der Geräuschpegel im Stadion als lauter empfunden, als wenn der Schiedsrichter das Spiel anschliessend freigibt und die Fans von einer Sekunde auf die andere ihren Lautstärkeregler von stumm auf voll aufdrehen. In Hongkong gilt: Die (Licht)show muss weiter gehen.


Die Skyline von Hong Kong Island im Zeitraffer anlässlich der «Earth Hour» im letzten Jahr. (Video: youtube.com)


Die Lichtverschmutzung in Hongkong ist auch problematisch, wenn einem die Reklame vor dem Fenster den Schlaf raubt. (Video: youtube.com/NTD TV)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • R. B. am 20.03.2013 07:44 Report Diesen Beitrag melden

    Wunderschön...

    Genau so ein Video hab ich persönlich gefilmt. Gleicher Standort, gleiche Uhrzeit, wunderschön. Schade, dass das Ganze zu einem Preis daherkommt...

  • Merc am 20.03.2013 15:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Oha.

    In der Stadt wohnen wollen aber sich über Helligkeit aufregen. Ihr würdet auch mitten in die Anflugschneise ziehen und euch über den Fluglärm beschweren, ja? Ich seh die Sterne auch gerne, aber muss ich ja nicht aus der Stadtwohnung können.

  • asterix am 20.03.2013 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    es ist...

    schon richtig, dass man dieses Problem angeht. Hong Kong (bzw. China) verbraucht sonst immense Menge an Energie und andere Resourcen. Das belastet die Umwelt in der ganzen Region und Welt. Wenn man liest, dass eine einzige Light Show soviel Strom verbrauch wie alle Schweizer-Haushalte über Jahrzehnte, muss man sich schon fragen, ob das ganze sinnvoll ist.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Renate Grob am 20.03.2013 19:59 Report Diesen Beitrag melden

    Lichtverschmutzung gleich Unsinn

    Lichtverschmutzung gibt es doch gar nicht - alles Propaganda von Naturschützern.

    • naturist am 20.03.2013 20:16 Report Diesen Beitrag melden

      die Vögel

      keine ahnung von den vögeln !

    • Helvetier am 21.03.2013 03:46 Report Diesen Beitrag melden

      Brett vor dem Kopf

      Die Lichtverschmutzung kann man sogar mit blossem Auge sehen.

    einklappen einklappen
  • Merc am 20.03.2013 15:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Oha.

    In der Stadt wohnen wollen aber sich über Helligkeit aufregen. Ihr würdet auch mitten in die Anflugschneise ziehen und euch über den Fluglärm beschweren, ja? Ich seh die Sterne auch gerne, aber muss ich ja nicht aus der Stadtwohnung können.

  • Chrigu am 20.03.2013 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    ...und wir machen uns Sorgen wegen:

    Ja, wir machen uns ein schlechtes Gewissen, wenn der Wasserhahn einmal 10 Sek. unnötig läuft oder wir ein Licht 5 Min. brennen liessen, ohne das es nötig gewesen wäre. Eine Birne! Da können wir sicherlich ganz viel beim Lichtsparen weltweit beitragen mit unseren Sparlampen & Co. ... ;-))

  • Sterntaler am 20.03.2013 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    Kommentare machen mich traurig :-(

    Wie kann man dies nur gutheissen? Wie kann man diese künstlichen Lichter schöner finden als das Leuchten des unendlichen Sternenmeers? Ob die Befürworter dieser Lichtverschmutzung überhaupt schon jemals diese atemberaubende Schönheit gesehen haben? Wohl kaum... denn dazu muss man den Blick auch mal noch oben richten und nicht nur nach unten auf das iPhone... :-(

  • jasi am 20.03.2013 10:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gut so, es soll verbote geben

    schlimmes thema, ich habe inder kanadischen wildnis gelernt wie dunkel die nacht sein kann und was man am himmel sehen kann. ich hoffe das es auch in der schweiz regeln für läden gibt wann die werbung ausgeschaltet werden muss, denn um 00.00uhr ist die bank und die shopping läden zu, da braucht es keine werbung.