Ursprung von Vorurteilen

07. Mai 2012 23:17; Akt: 08.05.2012 08:37 Print

Im Kopf einer Rassistin

«Ich bin rassistisch», flüsterte eine Frau einem schwarzen Journalisten ins Ohr. Daraufhin wollte dieser herausfinden, wo die Vorurteile wohnen und woher sie kommen.

Hier klicken!

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der afroamerikanische Journalist Touré beschreibt in einer Kolumne des «Time Magazine» die Begegnung mit einer Frau, die ihm gestand, rassistisch zu sein. «Ich habe diese Gedanken», flüsterte sie ihm ins Ohr. «Ich kann nicht kontrollieren, was sich in meinem Kopf abspielt, auch wenn ich es für falsch halte.»

Touré nutzte diesen flüchtigen Austausch, sich in den Kopf einer mit Vorurteilen behafteten Person hinein zu versetzen. Es ging ihm nicht darum, zu verstehen, wie Nazis oder Mitglieder des Ku Klux Klan denken, sondern um die Herkunft unbewusster Vorurteile und was sie auslösen. Sogar in den Köpfen von Leuten, die Rassismus eigentlich verurteilen.

Hartnäckige Stereotypen

Als anatomische Heimat für die Vorbehalten anderen Menschen gegenüber haben Forscher die Hirnregion der Amygdala definiert, wo auch andere emotionale Reaktionen, darunter Angst, entstehen. Als Auslöser dafür könne manchmal ein einzelnes, negatives Ereignis stehen, schreibt Touré. Oder aber in der Gesellschaft verankerte Stereotypen. Wie zum Beispiel das Klischee, dass dunkle Hautfarbe mit kriminell gleichzusetzen sei.

Der «Time»-Journalist erwähnt eine Studie aus dem Jahr 2007, wonach 15 Prozent der Amerikaner glauben, dass Schwarze für die Öffentlichkeit eine grössere Gefahr darstellen, als jede andere Einwohnergruppe. Und geht es um Gewaltverbrechen, so würden den Afroamerikanern in den Köpfen ihrer Mitbürger fast das Doppelte aller Verhaftungen zugeschrieben, (60 Prozent) als wirklich statt fanden (38,4 Prozent).

Unbewusst die ganze Gesellschaft betroffen

Wie tief manche gesellschaftlichen Vorurteile sitzen, und wie stark sie verbreitet sind, belegt die Studie des US-Psychologen Mathiew Lieberman. Seine weissen Studienteilnehmer zeigten eine verstärkte Aktivität in der Amygdala, als ihnen Bilder von Afroamerikanern gezeigt wurden. Die Bilder von weissen Amerikanern hatten kaum Konsequenzen. Die afroamerikanischen Teilnehmer reagierten indes ähnlich - auch bei ihnen war die Amygdala aktiver beim Betrachten der Bilder von dunkelhäutigen Amerikanern.

«Bewusste und unbewusste Vorurteile führen zu diskriminierenden Handlungen, sogar wenn jemand gar nicht diskriminierend handeln wolle», zitiert Touré aus dem Buch «The New Jim Crow». Oder anders gesagt: Man muss kein Rassist sein, um rassistische Handlungen zu zeigen. Es genügt, ein Mitglied einer Gesellschaft zu sein, in der Vorurteile vorhanden sind.

Wie Touré sagt, würden die schwarzen Freunde zwar von den Vorurteilen verschont. Doch kann dasselbe unvoreingenommene Verhalten auch auf die schwarzen Fremden angewendet werden? Dass dies zumindest so sein müsste, wird in der Rassismus-Diskussion um den getöteten Teenager Trayvon Martin klar. Ein Nachbarschaftswächter hatte den schwarzen Jungen erschossen, weil er ihn für einen Kriminellen gehalten hat.

Änderung schwierig

Die selbst deklarierte Rassistin sagte, dass sie diese Gedanken nicht haben wolle, doch es sei, was ihr «die Leute früher gesagt hätten». So war für den Journalisten klar, dass die Frau gedankliche Gewohnheiten hatte, die sich vor langer Zeit tief in ihr Unterbewusstsein eingenistet hatten. Eine Änderung des Verhaltens sei deshalb etwas so schwierig, wie sich das Fahrradfahren wieder zu entlernen. Nun, ein Versuch wärs wert.

(fvo)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Rassismus und Diskriminierung sind immer ein Zeichen von Beschränktheit. Im wahrsten Sinne, denn beides entsteht nur, wenn man sich selbst und die anderen als isolierte Wesen betrachtet, wenn man vorschnell urteilt, ohne zu wissen und wenn man von seinen Überzeugungen nicht loslassen kann. Rassismus als identitätsstiftendes Moment funktioniert nur bei den Dummen. – Albert E.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dede Merko am 08.05.2012 07:33 Report Diesen Beitrag melden

    Rassisten

    Rassisten sind Menschen die sehr wenig über andere Kulturen wissen,nicht mal über Ihre eigene...das habe ich festgestellt.

    einklappen einklappen
  • Bruno am 08.05.2012 06:07 Report Diesen Beitrag melden

    Was ich schon lange dachte

    Ich denke schon lange, dass es eher kontraproduktiv ist, einem Rassisten nur vorzuwerfen er sei rassistisch. So wie man einem Ausländer nur Vorwürfe machen würde er sei nicht intergriert. Ich denke, dass beides Zeit und Gespräche von aussen braucht. Zudem glaube ich, dass Rassismus auf beiden Seiten vorhanden ist und es ebenfalls kontraproduktiv ist, wenn Leute die Schuld nur einer Seite zuschieben, egal ob den Fremden oder den Eigenen. Weil man nirgends drüber diskutieren kann ,sondern nur verurteilt wird, verbessert sich nichts

  • Martin 1971 am 08.05.2012 07:21 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt hört mal auf!

    Immer diese einseitigen Berichterstattungen. Weiss gegen Schwarz, Schweizer gegen ausländer, Frau gegen Mann. Nie aber umgekehrt, obwohl es genauso Realität ist. Wir sind NICHT alle gleich, haben unterschiedliche körperliche Merkmale, Mentalitäten und Geschlechter. Damit ist jeder von uns ein Rassist oder Selbstverleugner. Die gute Nachricht, wenn man nicht krampfhaft alles gleichstellen will und friedlich miteinander lebt hat es für alle Beteiligten Vorteile, denn die Anderen sind nicht schlechter sondern eben nur anders. Bin für Gleichberechtigung und gegen Homogenisierung.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Albert E. am 08.05.2012 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    Das Universum und menschliche Dummheit

    Rassismus und Diskriminierung sind immer ein Zeichen von Beschränktheit. Im wahrsten Sinne, denn beides entsteht nur, wenn man sich selbst und die anderen als isolierte Wesen betrachtet, wenn man vorschnell urteilt, ohne zu wissen und wenn man von seinen Überzeugungen nicht loslassen kann. Rassismus als identitätsstiftendes Moment funktioniert nur bei den Dummen.

  • Toni Cotti am 08.05.2012 08:21 Report Diesen Beitrag melden

    Rassismus mal von der anderen Seite

    War vor Kurzem in Brooklyn, NY. Wurde in den Geschäften, u.a. MC Donalds, bewusst nicht bedient, weil ich weiss bin. In der U-Bahn konnte man mehrere rassistische Sprüche über weisse lesen. Rassismus gegen Weisse ist dort weit verbreitet, nur spricht keiner darüber. Dieses Kapitel sollte auch mal aufgeschlagen werden.

  • Lars O. am 08.05.2012 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    Rassismus ist natürlich

    Rassismus ist in jedem von uns drin, das ist evolutionär bedingt, dient dem Selbstschutz und sichert das Überleben. Heute aber ist das nicht mehr zeitgemäss, es muss künstlich bekämpft werden. Ist richtig so, aber widernatürlich. Ich behaupte, mit der Durchmischung der Volksgruppen entsteht erst recht Gewalt.

  • Weisser am 08.05.2012 08:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rassismus gegen Weisse

    Kann man das auch mit Rassismus gegen Weisse beweisen? Ist ein groesseres Problem als man denkt

    • Mani2 am 08.05.2012 12:14 Report Diesen Beitrag melden

      Aber davon will niemand etwas wissen!

      Wenn Sie wüssten, wie Recht sie haben!

    einklappen einklappen
  • Dede Merko am 08.05.2012 07:33 Report Diesen Beitrag melden

    Rassisten

    Rassisten sind Menschen die sehr wenig über andere Kulturen wissen,nicht mal über Ihre eigene...das habe ich festgestellt.

    • J. Ishariot am 08.05.2012 08:37 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht wirklich

      Das ist ein genauso grosses Vorurteil wie der Rassismus selbst.

    einklappen einklappen