Gefährliche Theorien

19. Februar 2020 08:57; Akt: 19.02.2020 10:23 Print

Kommt wegen Fake News die Corona-Pandemie?

Während die einen versuchen, die Verbreitung des Virus Sars-CoV-2 aufzuhalten, bewirken andere das Gegenteil.

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Noch sprechen Experten noch nicht von einer Covid-19-Pandemie (einer länder- oder kontinentübergreifenden Ausbreitung der Krankheit Covid-19). Ausgeschlossen werden kann eine solche zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht. (Im Bild: Infizierte in einem temporären Spital im chinesischen Wuhan) Mitschuld an einer solchen wären laut britischen Forschern auch die zahlreichen Verschwörungstheorien und Fake News, die rund um das neue Coronavirus zirkulieren. Sie wirkten sich negativ auf das gesundheitsrelevante Verhalten von Menschen aus. (Im Bild: Weltweite Fälle von Ansteckungen mit dem Sars-CoV-2-Virus, Stand 18.2.2020) WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus brachte es an der Münchner Sicherheitskonferenz 2020 auf den Punkt: «Fake News verbreiten sich schneller und einfacher als das neue Coronavirus, und sie sind genauso gefährlich.» Welche Theorien zurzeit die Runde machen, zeigen die folgenden Bilder. Am 23. Januar 2020 kam die Meldung auf, dass das neue Coronavirus Sars-CoV-2 beim Verzehr einer Fledermaussuppe übertragen worden sei. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile im Netz. Auch 20 Minuten hat über die Spekulationen berichtet. Mittlerweile ist jedoch klar, dass Fledermaussuppe in China keine weitverbreitete Speise ist. Auch das Video, das als Beweis für den vermeintlichen Zusammenhang gepostet wurde, hat rein gar nichts mit dem aktuellen Coronavirus-Ausbruch zu tun. Es zeigt die chinesische Influencerin Wang Mengyun und stammt aus dem Jahr 2016, Entstanden sind die Aufnahmen auch nicht in China, sondern auf Palau, einem Archipel im westlichen Pazifik, Tausende Kilometer vom Ursprungsort des neuen Coronavirus entfernt. Tatsächlich könnte das Virus aber von Fledermäusen stammen. Eine aktuelle Studie hat das Virus Sars-CoV-2 mit anderen Coronaviren verglichen. Die grösste Übereinstimmung gab es mit zwei Coronaviren, die in Fledermäusen entstanden waren. Allerdings wurden auf dem Tiermarkt in Wuhan, wo es die allerersten Ansteckungen gab, keine Fledermäuse verkauft. Sollte das Virus also wirklich von Fledermäusen stammen (das ist noch keineswegs klar) muss es noch einen – bisher ebenfalls unbekannten – tierischen Zwischenwirt gegeben haben. Online einsehbare Patente auf Coronaviren veranlassten einige Menschen zur Behauptung, dass Sars-CoV-2 nicht zufällig aufgetaucht, sondern im Labor entwickelt und bewusst freigesetzt worden sei. Zweck der Übung: mit entsprechenden Impfstoffen Geschäfte machen. Verbreitet wurde der vermeintliche Zusammenhang unter anderem am 22. Januar 2020 von der US-Website USA Hitman und einen Tag später vom deutschsprachigen Portal Connectiv Events. Die Falschmeldungen wurden fleissig in den sozialen Medien geteilt, wo sie um weitere Behauptungen ergänzt wurden. In einem Beitrag des Verschwörungskults Qanon wurde etwa behauptet, dass das Virus «von der selbst ernannten Elite» gezüchtet worden sei. All das ist aber Quatsch, wie unter anderem das Recherchezentrum Correctiv schreibt: «Es gibt die genannten Patente, manche sind allerdings nur angemeldet und nicht erteilt. Sie haben ausserdem nichts mit dem neuen Coronavirus aus China zu tun, sondern mit vorigen Virenarten.» Gegenüber Factcheck.org erklärte Coronavirus-Experte Matthew Frieman von der Universität Maryland, dass eine der Gensequenzen unter anderem während des Sars-Ausbruchs im Jahr 2003 isoliert und patentiert wurde – um auf dieser Basis einen Impfstoff zu entwickeln. Nach einer weiteren Verschwörungstheorie soll auch Microsoft-Gründer Bill Gates die Finger mit im Spiel haben. Der Grund: Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung hatte das Pirbright-Institut, das ein Coronavirus-Patent hält, in der Vergangenheit finanziell unterstützt. Weitere Unterstellung: Milliardär Gates soll – aus angeblichem Eigennutz – im Oktober 2019 vor dem Coronavirus gewarnt und einen Ausbruch mit 65 Millionen Toten vorhergesagt haben. Beide Theorien sind falsch. Zwar stimmt es, dass die Gates-Stiftung das Institut mit 5,5 Millionen Dollar unterstützt hat. Allerdings sei dies in den Livestock Antibody Hub geflossen, in dem untersucht wird, wie man Tiere besser vor Krankheiten schützt. (Im Bild: Pressemitteilung aus November 2019) Das Pirbright-Institut hat selbst Stellung zu den falschen Anschuldigungen bezogen: Man forsche zurzeit nicht an menschlichen Coronaviren (Bild). Auch die Unterstellung, Bill Gates hätte den Ausbruch der Krankheit Covid-19 angekündigt, ist nicht korrekt. Sie fusst auf einer Veranstaltung namens Event 201, bei dem zu Übungszwecken ein Pandemie-Szenario simuliert wurde. Auslöser war ein fiktives Coronavirus. Auch das an dem Szenario beteiligte Johns Hopkins Center for Health Security hat sich eingeschaltet. Man habe auf der Veranstaltung keine Prognosen für die Zukunft gemacht, heisst es dort. Auch hätten die Szenarien nicht den aktuellen entsprochen. Weiter zur Beunruhigung tragen auch diverse alarmierende Youtube-Videos bei, vor allem eines, das von dem Kanal namens Odysseus hochgeladen wurde. Darin wird gleich am Anfang behauptet, der Clip enthalte «wichtige Informationen», die die Presse «bewusst» verschweigen würde. Weiter heisst es, «die Corona-Pandemie ist weitaus schlimmer als man euch glauben machen will. Sie ist viel, viel, viel schlimmer.» Als Beweis werden unter anderem Bilder angeführt, die angeblich mit Sars-CoV-2 infizierte Chinesen zeigen, die auf der Strasse einfach umfallen. Wer der Urheber des Videos ist, wo und wann die Aufnahmen aufgenommen wurden, ist unklar. Fest steht aber, dass schon die ersten Worte falsch sind. Denn um eine Pandemie – eine laut Robert-Koch-Institut «weltweite Epidemie» – handelt es sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht. (Im Bild: Screenshot von dem Game «Plaque Inc.») In dem Video wird weiter behauptet, dass Sars-CoV-2 «schlimmer als Sars» wäre. Doch laut Recherchen von Correctiv, ist dies unbelegt. Die beiden Virentypen ähneln sich zwar zu 70 Prozent, doch nach bisherigem Stand ist das neue Virus deutlich weniger tödlich als Sars. (Im Bild: Gedenkstein für Sars-Opfer in China) Weitere Falschaussage: Das Virus wird durch Flüssigkeiten übertragen, die seine Lebenskraft noch verstärkten. Dem entgegnet Virologe Hartmut Hengel laut ARD-Faktenfinder: «Flüssigkeiten können die Infektiosität eines Virus nicht steigern». Ausserhalb eines Wirts könne es sich überhaupt nicht vermehren. (Im Bild: das neue Coronavirus Sars-CoV-2) Auch dass sich in Wuhan, dem Ort wo Sars-CoV-2 erstmals auftrat, ein Hochsicherheitslabor der höchsten Stufe (Biosafety Level 4), befindet, kommt Verschwörungstheoretikern wie gerufen. Wo sonst sollte das neue Virus auf einmal herkommen, wenn nicht aus dem Labor? So ihre Logik. tatsächlich darf in Laboren der Stufe 4 mit Erregern geforscht werden, die laut der Biostoffverordnung «eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte darstellen», wie etwa das Ebolavirus. Doch für die Forschung an Coronaviren wie Sars, Mers oder dem neuen Typ reicht Biosafety Level 3. (Im Bild: Hochsicherheitslabor am Unispital Genf) Trotzdem macht die Behauptung die Runde, Sars-CoV-2 sei aus der Hochsicherheitseinrichtung entwichen. Kolportiert wurde sie unter anderem von der konservativen «Washington Times», die sich auf einen israelischen Ex-Geheimdienstler stützte. Laut diesem könnten im Wuhan National Biosafety Laboratory nicht nur Erreger untersucht, sondern auch Biowaffen entwickelt werden. Als ihn die angesehene «Washington Post» später auf seine Aussage ansprach, wollte sich der Ex-Geheimdienstler plötzlich nicht mehr dazu äussern. Gerüchte, dass neue Viren nicht natürlich sind, sondern aus dem Labor stammen, tauchen mit jedem neuen Ausbruch auf. Auch bei der Ebola-Epidemie 2014/2015 in Westafrika wurde behauptet, das Virus komme aus einem «geheimen US-Labor», genauso wie bei HIV in den 1980ern. (Im Bild: der Aids-Memorial-Quilt in Washington, 2012) Im gleichen Artikel stellten ausgewiesene Biosicherheitsexperten klar, dass das Virus nach seinem Genom und seinen weiteren Eigenschaften zu beurteilen, nicht aus dem Labor stammen könne. Zudem gaben sie an, dass es höchst unwahrscheinlich sei, dass im Labor an streng geheimen Biowaffen geforscht würde. Es sei einst mit französischer Hilfe erbaut worden und stehe in engem Austausch mit der Universität Texas in Galveston. (Im Bild: Universität Texas in Galveston)

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«Fake News verbreiten sich schneller und einfacher als das neue Coronavirus, und sie sind genauso gefährlich.» Das sagte der Chef der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, am Wochenende an der Münchner Sicherheitskonferenz.

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Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. Laut Wissenschaftlern um Paul Hunter von der britischen Universität East Anglia können gezielte Falschinformationen und Verschwörungstheorien (siehe Bildstrecke oben) den Ausbruch von gefährlichen Erkrankungen wie dem Coronavirus Sars-CoV-2 verschlimmern und das Risiko einer weiteren Ausbreitung sogar erhöhen.

Falsche Infos, falsches Verhalten

Gemeinsam mit seiner Kollegin Julii Brainard untersuchte er in zwei Studien die Auswirkungen von Fake News auf das gesundheitsrelevante Verhalten von Menschen. Zwar konzentrierten sie sich dabei auf Grippe, Affenpocken und das Norovirus. Laut den Forschern können die Erkenntnisse aber auf den Umgang mit dem Ausbruch von Sars-CoV-2 übertragen werden.

Konkret zeigte sich in den Studien, dass falsche Informationen – egal welcher Art – zu mehr Fehlverhalten bei Epidemien führen und so deren Ausbreitung beschleunigen.

Beispiele für riskantes Gebahren seien etwa das Nichtwaschen der Hände, das Teilen von Lebensmitteln mit Kranken, das Nichtdesinfizieren potenziell kontaminierter Oberflächen und das Versäumnis, sich selbst zu isolieren, so die Forscher.

Impfgegner sind schlechtes Vorbild

«Fake News werden ohne Rücksicht auf Genauigkeit hergestellt und basieren oft auf Verschwörungstheorien», sagt Hunter. Ihn besorgt, wie viele Menschen den haltlosen Informationen anhängen: Fast 40 Prozent der britischen Öffentlichkeit glaubten mindestens eine Verschwörungstheorie. In den USA und anderen Ländern seien es sogar noch mehr.

Wozu das führen kann, liesse sich am Beispiel der Masern-Impfgegner gut nachvollziehen: «Wir haben bereits gesehen, wie der Aufstieg der Anti-Vax-Bewegung zu einem Anstieg der Masern-Fälle auf der ganzen Welt geführt hat.»

Fake News verhindern heisst Leben retten

Es sei beängstigend, «dass Menschen eher schlechte Ratschläge über soziale Medien weitergeben als gute Tipps aus vertrauenswürdigen Quellen wie dem Nationalen Gesundheitsdienst, Public Health England oder der WHO», so Hunter weiter. Er empfiehlt, die Verbreitung von falschen Informationen und schädlichen Ratschlägen auf sozialen Medien zu unterbinden: «Das kann Leben retten!»

Auch der WHO-Chef macht sich für richtige Informationen stark. In München sagte er: «Wir kämpfen nicht nur gegen eine Epidemie, sondern auch gegen eine Infodemie.»

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Maus am 19.02.2020 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fake News?

    Die Frage ist wohl eher,was heut zu Tage die wahren Fake News sind.

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  • Markus am 19.02.2020 09:37 Report Diesen Beitrag melden

    Ja aber.....

    Anders ausgedrückt: Die Massen müssen einfach glauben was ihnen gesagt wird. Selber eine Meinung zu bilden ist untersagt.

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  • paprika am 19.02.2020 09:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    corona virus

    ich denke langsam aber sicher, das die chinesische regierung irgendwas getestet hat und es aus dem ruder gelaufen ist!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Motzki am 20.02.2020 09:00 Report Diesen Beitrag melden

    Berichterstattung

    Im Winter 2017/18 sind allein in Deutschland 25'000 Menschen an der Grippe gestorben, an der ganz normalen Grippe, die jeden treffen kann. Deutschland hat 82 Millionen Einwohner. Am Coronavirus sind in China bisher etwa 2000 Menschen gestorben. China allein hat 1,4 Milliarden Einwohner. Panik ist angesichts dieser Grössenverhältnisse kaum angebracht. Oder anders gesagt: jegliche reisserische, Panik stimulierende Berichterstattung müsste als Fake News bezeichnet werden.

  • Ernst Kappeler am 19.02.2020 17:52 Report Diesen Beitrag melden

    Verschwörungstheorie?!

    Merke: Viele heutige Fakten waren Jahre- oder Jahrzehnte lang Verschwörungstheorien! Ein aktuelles Beispiel ist die Crypto Affäre. Da dauerte 'meine' Verschwörungstheorie fast 30 Jahre!

  • M.H. am 19.02.2020 13:06 Report Diesen Beitrag melden

    Richtige Richtung

    Nicht unbedingt die Chinesen. Bill und Melinda mit der WHO Was ist Event 201 und wer hat Anteile an der Patent-haltenden Firma und der Firma, welche nach 3 Wochen einen Impfstoff hatte?

  • Peter Vogel am 19.02.2020 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    Nutzlose Masken

    Wieso soll ich nutzlose Papiermasken kaufen? Wenn schon soll der Staat sich um eine einheitliche Versorgung der Bevölkerung mit wirksamen Schutzmasken kümmern. Bund und Kantone haben mehr als genug Geld.

  • EMMM am 19.02.2020 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zitat

    ((Er empfiehlt, die Verbreitung von falschen Informationen und schädlichen Ratschlägen auf sozialen Medien zu unterbinden: «Das kann Leben retten!)) Warum Versucht man etwas zu retten, was nicht zu retten ist? Das ist Selbstverantwortung, wenn jemand bewusst einer Risiko aussetzt. Nur soll dann nicht die Allgemeinheit dafür aufkommen. Es ist nicht die Aufgabe der Politik, jeden Information zu bevormunden, was richtig und falsch ist, sondern die bereits Vorhandene Krisen zu bewältigen. Denn wenn die Politik, auch in Informationflut eingreift, kann es die Situation nur noch Verschlimmern......