Fukushima

24. September 2016 08:37; Akt: 24.09.2016 08:37 Print

Kühe auf Forschungs-Mission in der Todeszone

von M.Toda, AP - Nach der AKW-Katastrophe von Fukushima sollten die Bauern ihr Vieh töten. Aber nicht alle taten das. Die überlebenden Tiere grasen nun für die Wissenschaft.

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Auf den ersten Blick zeigt dieses Bild eine ganz normale Szene auf dem Land. Aber diese Tiere sind rund um die Uhr Radioaktivität ausgesetzt, die 15-mal höher ist als die als sicher geltenden Werte. Sie leben nämlich ganz in der Nähe des 2011 havarierten Kernkraftwerks von Fukushima. Eigentlich hätten die Tiere auf Anordnung der japanischen Regierung noch im gleichen Jahr getötet werden sollen, doch nicht alle Bauern folgten dem Befehl. «Was macht das für einen Sinn, sie zu töten?», fragt beispielsweise Landwirt Fumikazu Watanabe. Und auch Agrarwissenschaftler Keiji Okada (Bild) sagt, es brauche diese Studien. Der Boden draussen ist mit Knochen von verendeten Tieren übersät. «Die Kühe für Forschungszwecke am Leben zu erhalten, gibt uns die Möglichkeit, unser Wissen an die nächste Generation weiterzugeben», so Watanabe. Tatsächlich haben alle 200 noch in der verstrahlten Region lebenden Rinder und Kühe die gleiche Mission: Sie leben für die Wissenschaft. Die Forscher kommen alle drei Monate in das Gebiet in einem Umkreis von 20 Kilometern vom Unglückskraftwerk, um das Vieh zu untersuchen. Es ist die erste Studie über die Auswirkungen niedriger Langzeitverstrahlung auf grosse Säugetiere. Bei jedem Besuch treiben Ärzte und freiwillige Helfer in Schutzkleidung die Tiere in spezielle Gehege aus Aluminiumrohren. Jeweils fünf bis sechs Tiere auf einmal werden mit einem Seil festgebunden, damit sie sich nicht bewegen können, ... ... wenn mit einer Nadel Blut aus ihrem Nacken entnommen wird. Neben Blut- nehmen die Forscher auch Urinproben und prüfen, ob ein Tier geschwollene Lymphknoten oder anderes Ungewöhnliches hat. Das Ganze dauert maximal fünf Minuten pro Tier. Die Studie könnte zu Erkenntnissen darüber beitragen, ob Bauern eines Tages wieder in den betroffenen Gebieten arbeiten könnten, sagt der Veterinärmediziner Okada. Solche Forschungen habe es bisher nicht gegeben, «und wir haben keine Ahnung, welche Ergebnisse wir erhalten werden. Genau deshalb brauchen wir die Studien.» Die Kühe und Rinder sind nicht die einzigen tierischen Bewohner der Region: Auch die Population von Wildschweinen, Bären, japanischen Marderhunden und anderen Wildtieren ist in Fukushima fünfeinhalb Jahre nach der Reaktorkatastrophe rasant in die Höhe geschossen. Was die Strahlung anrichten kann, zeigen unter anderem Aufnahmen von Pflanzen: Sie führte zu genetischen Veränderungen, die sich in Form von Missbildungen äussern. So sind beispielsweise die Blüten und Stängel von Margeriten zusammengewachsen.

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In einem verlassenen japanischen Dorf grasen Kühe auf einer saftigen Weide. Als sie das Geräusch eines Kleinlasters hören, beginnen sie sich zu versammeln. Sie kennen die Prozedur.

Ärzte und Helfer in Schutzkleidung treiben die Kühe und Rinder in ein Gehege aus Aluminiumrohren. Jeweils fünf bis sechs Tiere auf einmal werden mit einem Seil festgebunden, damit sie sich nicht bewegen können, wenn mit einer Nadel Blut aus ihrem Nacken entnommen wird.

Die Tiere leben in der Nähe von Fukushima, wo die Radioaktivität 15-mal höher ist als die als sicher geltenden Maximalwerte. Forscher untersuchen sie regelmässig, um herauszufinden, was die Strahlung mit ihnen macht.

Grasen für die Forschung

Einst war das Gebiet ein Paradies für Landwirte. Mehr als 3500 Rinder und Kühe wurden hier nebst anderem Vieh gehalten. Nach der Atomkatastrophe im Kraftwerk Fukushima Daiichi im Jahr 2011 ordnete die japanische Regierung an, den gesamten Tierbestand auf den Höfen in der verseuchten Zone zu töten.

Doch nicht alle Bauern folgten dem Befehl: Rund 200 Kühe und Rinder gibt es jetzt noch hier, und sie haben eine Aufgabe: Sie leben für die Wissenschaft. Die Forschung erlaubt es den Bauern, ihre geliebten Tiere am Leben zu erhalten – in der Hoffnung, dass die Zucht in dieser Gegend eines Tages wieder sicher sein wird.

Alles muss schnell gehen

Die Forscher kommen alle drei Monate ins Gebiet in einem Umkreis von 20 Kilometern vom Unglückskraftwerk, um das Vieh zu untersuchen. Es ist die erste Studie über die Auswirkungen niedriger Langzeitverstrahlung auf grosse Säugetiere.

Die Ärzte arbeiten schnell. Neben Blut- nehmen sie auch Urinproben und prüfen, ob die Tiere geschwollene Lymphknoten oder sonst Ungewöhnliches aufweisen. Das Ganze dauert maximal fünf Minuten pro Tier.

Ergebnis komplett offen

Namie liegt elf Kilometer vom Kraftwerk entfernt, wo es in drei Reaktoren zu einer Kernschmelze kam. Der Ort ist eine Geisterstadt, die auf Jahre hinaus unbewohnbar bleiben wird. Aber Fumikazu Watanabe kommt jeden Tag, um 30 bis 40 Kühe und Rinder zu füttern.

«Was macht das für einen Sinn, sie zu töten?», fragt Watanabe in einem Stall, in dem einst gesunde Kühe ihre Kälber versorgten. Der Boden draussen ist mit Knochen von verendeten Tieren übersät. «Die Kühe für Forschungszwecke am Leben zu erhalten, gibt uns die Möglichkeit, unser Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.»

Die Studie könnte zu Erkenntnissen darüber beitragen, ob Bauern eines Tages wieder in den betroffenen Gebieten arbeiten könnten, sagt Keiji Okada, Veterinärmediziner und Agrarwirtschaftler an der Iwate-Universität. Solche Forschungen habe es bisher nicht gegeben: «Und wir haben keine Ahnung, welche Ergebnisse wir erhalten werden. Genau deshalb brauchen wir die Studien.»

Viele Tiere sterben – aber woran?

Bisher haben die Untersuchungen laut Okada keine besonderen Abnormitäten an den internen Organen und bei den Fortpflanzungsfunktionen gezeigt, die sich auf Verstrahlung zurückführen liessen. Aber es sei zu früh, Rückschlüsse bezüglich Schilddrüsenkrebs und Leukämie zu ziehen.

Viele Tiere sind seit Beginn der Studie gestorben. Auch Futtermangel spielte dabei eine Rolle – was es den Experten umso schwerer macht, genaue Ursachen festzustellen. Die Kadaver werden zerlegt, und die Forscher messen die Radioaktivität in den Organen. Sie gehen damit noch einer anderen Frage nach: Töten die Strahlen die Tiere oder machen sie diese krank? Eine Schlussfolgerung soll bis März 2017 stehen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heinz am 24.09.2016 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Tepco

    Ich würde die ganze Tepco Belegschaft zu Forschungszwecken dort grasen lassen.

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  • Armin am 24.09.2016 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    Danke an den Tieren

    Unglaublich was der Mensch alles anrichten kann.. Zuerst nimmt er ihnen den Lebensraum weg, dann verseucht er es, und nun will er sie noch töten. Zum glück gibt es wenigstens leute die die Hirnmasse benutzen und den Tieren eine Chance geben. Ich habe mich oftmals gefragt was wäre, wenn jemand dem Menschen so umgehen würde..

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  • Linda am 24.09.2016 09:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blumen

    Nur so zur info solche blumen haben wir auch bei und in der schweiz!!! Nichts mit den strahlen zu zun

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jacqueline am 25.09.2016 20:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Todeszone Fukushima

    Tschernobyl hatte im Gegensatz zu Fukushima keinen Supergau. Wir blühten ja auch nach Tschernobyl je nach wo die Wolke hingezogen sein soll etwas mehr oder etwas weniger. Im Himalaja Gebirge soll es natürliche Radioaktivität haben. Ob dies mit dem künstlich hergestellten zu vergleichen ist bezweifle ich... Was ich mich noch zu dem Thema frage ist: wo sind die Stäbe hin, die in den Boden verschwunden sind? Was passiert mit denen? Die können ja bis ins unendliche überhitzen...das wird einfach still geschwiegen und gehofft alle vergessen es...

  • zis le am 25.09.2016 16:35 Report Diesen Beitrag melden

    Tschernobyl

    In der Region um Tschernobyl blüht Fauna und Flora auch auf seit der Mensch sich daraus zurückgezogen hat, ist doch schön das Radioaktivität doch einen positiven Nutzen hat...

  • Noldi Schwarz am 25.09.2016 08:57 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich Fakten statt Vermutungen

    Ich finde es gut, dass diese Langzeitstudie durchgeführt wird. Vielleicht leiden die Tiere, vielleicht auch nicht. Aber die Studie wird endlich mal Fakten und nicht nur Vermutungen bringen. Alle Lebewesen sind laufend genetischen Veränderungen ausgesetzt. Sie passsen sich den Umständen an. Nur wollen das gewisse Kreise nicht wahrhaben und malen stets die absolute Katastrophe an die Wand.

    • Ein Leser am 25.09.2016 12:05 Report Diesen Beitrag melden

      Glaub nicht

      dass sie grossartig leiden. Jedenfalls nicht so wie die Milionen Nutztiere aus Intensivhaltung um die Ecke, welche kaum Tageslicht sehen etc ...

    • Jacqueline am 25.09.2016 19:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Arme Kühe :(

      Solche Bilder habe ich nach Tschernobyl auch schon gesehen diese komischen Pflanzen Missbildungen etc. ist nichts Neues. Was neu hier ist dass sie hoffen schneller als in Tschernobyl wieder dort wohnen und arbeiten zu können...hmm...was da wohl genau geforscht wird? Wieviele Generationen Missbildungen und Krankheiten in Kauf genommen werden muss? Zur Auffrischung der Erinnerung Tschernobyl ist heute noch verseucht und nicht bewohnbar und war weniger schlimm...

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  • Dr. sc. nat. am 24.09.2016 13:57 Report Diesen Beitrag melden

    15x nichts, bleibt nichts

    15x über dem Grenzwert? Jöh, das ist ja nichts. Der Grenzwert ist völlig willkürlich und ohne Evidenz festgelegt worden. Jeder, der regelmässig Bananen isst, fliegt oder ab und zu mal ein CT macht, überschreitet diese "Grenze". Zum Glück sind die Tiere dort, man wird dann feststellen dass es genau keine Auswirkungen haben wird. Danke an die Tiere!

    • Dr.Kern am 24.09.2016 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dr. sc. nat.

      Leider steht nichts genaues. Wenn es hier um den maximalwert von 1mSv/Jahr handelt ist es tatsächlich nichts. Wenn es sich aber um den maximalwert von 20mSv/Jahr handelt ist eine 15 fache überschreitung doch schon einiges.

    • CountryTec am 24.09.2016 14:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dr. sc. nat.

      Wenn uns eines der hiesigen AKW um die Ohren fliegt können wir das ja dann auch viel einfacher messen. Da brauchen wir nicht nach Japan oder Tschernobyl zu reisen. Vielleicht diskutiert man dann auch den Grenzwert wieder - um die Wertminderung der Liegenschaften im Umkreis zu minimieren.

    • HeyIchBinDoktor am 24.09.2016 23:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dr. sc. nat.

      Aha, wenn Sie die Blumen anschauen ist es eben doch nicht nichts... ;)... Aber bleiben Sie ruhig bei Ihren Verharmlosungen!

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  • lets face it am 24.09.2016 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    herausforderung

    Danke für den Artikel, bin gespant darauf. Was für Kommentare hier kommen. Wenn Sie den Artikel, über die abgänge, abtreibungen & totgeburten bringen.