CSI Norwegen

03. Juli 2018 16:19; Akt: 03.07.2018 16:19 Print

Liegen Gewalt und Aggressivität im Blut?

«Ich wusste, dass es falsch war, aber ich konnte es nicht stoppen», hören Psychiater von Gewalttätern immer wieder. Laut Forschern könnte das stimmen.

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In Gesprächen mit Häftlingen bekam der norwegische Psychiater Henning Vaeroy immer wieder den gleichen Satz zu hören: «Ich wusste, dass es falsch war. Aber ich konnte es nicht stoppen.» (Im Bild: Szene aus dem Film «The Green Mile», 1999) Irgendwann wollte er wissen, ob das tatsächlich so sein kann oder ob es sich bei der Aussage bloss um eine faule Ausrede handelt – und schickte die Blutproben von 16 von ihnen an einen Neurobiologen von der Universität Rouen Normandie, der sie mit denen von unbescholtenen Personen verglich. Ergebnis: Bei den Inhaftierten fanden die Forscher eine auffällige Abweichung im Bereich des Immunsystems – bei den sogenannten Autoantikörpern. Dabei handelt es sich um Immunmoleküle, die an körpereigene Substanzen binden, wie zum Beispiel das Stresshormon ACTH. (Im Bild: Szene aus dem Film «Das Schweigen der Lämmer», 1991) Bei den Inhaftierten greifen die Antikörper offensichtlich an einer anderen Stelle am ACTH-Molekül an – und verändern auf diese Weise die Aggressionskontrolle ... (Im Bild: Szene aus dem Film «Fight Club», 1999) ... wie Versuche mit Mäusen zeigten. Injizierten ihnen die Forscher die Antikörper der Verbrecher, wurden die Nager messbar aggressiver. Bekamen sie die Antikörper der friedlichen Menschen, war das Gegenteil der Fall: Die Tiere wurden ruhiger. Die Erkenntnisse bedeuten zwar nicht zwangsläufig, dass das Böse oder die Aggression im Blut sitzt, so die Forscher. Aber die Studie liefere Hinweis darauf, dass die Körper von Gewaltverbrechern tatsächlich anders funktionieren als die von nicht auffälligen Menschen. (Im Bild: Szene aus dem Film «Fight Club», 1999)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Können Menschen gegen ihren Willen gewalttätig werden? Dieser Frage ist Psychiater Henning Vaeroy vom norwegischen Akershus-Universitätsspital nachgegangen.

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Auslöser für seine im Fachjournal «PNAS» publizierte Studie waren Besuche in einem Hochsicherheitsgefängnis bei Oslo. Von den Inhaftierten hörte er dabei immer wieder den gleichen Satz: «Ich wusste, dass es falsch war, aber ich konnte es nicht stoppen.»

Versuche sprechen deutliche Sprache

Um herauszufinden, ob die Häftlinge die Wahrheit sagen oder ob es sich dabei um eine faule Ausrede handelt, schickte er die Blutproben von 16 von ihnen an den Neurobiologen Sergueï Fetissov von der Universität Rouen Normandie (Frankreich), der sie mit denen von unbescholtenen Personen verglich.

Ergebnis: Bei den Inhaftierten fanden die Forscher eine auffällige Abweichung im Bereich des Immunsystems – bei den sogenannten Autoantikörpern. Dabei handelt es sich um Immunmoleküle, die an körpereigene Substanzen binden, wie zum Beispiel das Stresshormon ACTH.

Gewalttäter ticken anders

Bei den Inhaftierten greifen die Antikörper offensichtlich an einer anderen Stelle am ACTH-Molekül an – und verändern auf diese Weise die Aggressionskontrolle, wie Versuche mit Mäusen zeigten. Injizierten ihnen die Forscher die Antikörper der Verbrecher, wurden die Nager messbar aggressiver. Bekamen sie die Antikörper der friedlichen Menschen, war das Gegenteil der Fall: Die Tiere wurden ruhiger.

Die Erkenntnisse bedeuten zwar nicht zwangsläufig, dass das Böse oder die Aggression im Blut sitzt, so Fetissov in einer Mitteilung. Aber die Studie liefere Hinweis darauf, dass die Körper von Gewaltverbrechern tatsächlich anders funktionierten als die von nicht auffälligen Menschen.

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bill the Blue Whale am 03.07.2018 16:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Evolutionsbiologie

    Macht ja auch Sinn. Als die Menschheit sich innerhalb einer halben Million Jahre an die Spitze der Nahrungskette kämpfte, war eine solche Disposition sehr nützlich und auch heutzutage gibt es durchaus Situationen und Branchen, die von solchen Veranlagungen profitieren, etwa Berufsmilitär oder das organisierte Verbrechen. Wenn ein individuelles Merkmal das eigene Überleben begünstigt, wird es wahrscheinlich an folgende Generationen weitergegeben.

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  • rob am 03.07.2018 16:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wow

    das ist echt Mal mega interessant

  • Silvan am 03.07.2018 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Was tun

    Wenn es in den Genen liegt und sie nichts dafür können, dann besteht auch keine grosse Heilungschance. Es ist dann eine Art angeborener "Defekt". Diese Gedanken zu Ende zu führen, lässt einen zu einem dunklen Schluss kommen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Heidi Heidnisch am 03.07.2018 19:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Konditionierung

    Wir bestehen aus 99.9% Konditionierung und 0.1% freiem Willen. Dennoch finde ich die Idee interessant, dass Gewalttäter unter Umständen medikamentös therapiert werden könnten. Die existierenden Therapien zeitigten bisher meist nur geringe Erfolge.

  • Chris am 03.07.2018 18:55 Report Diesen Beitrag melden

    Alter Hut

    Das Hirn leitet eine Handlung ein, bevor sie ins Bewusstsein gelangt. Natürlich kann man das Hirn programmieren, deswegen gibt es ja Medien und Werbung. Am Ende sind solche "Psychopathen" einfach die, die normale Menschen geblieben sind, weil sie durch irgend einen Umstand eben nicht manipuliert werden konnten. Alles eine Frage der Perspektive.

  • blickwinkel am 03.07.2018 18:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    man könnte

    das ganze versuchen positiv zu sehen - überspitzt dargestellt: den aggressiven menschen eine dosis friedlicher mensch versareichen :-) nur mal so...

  • Mariam am 03.07.2018 18:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Test!

    Genauso wie in der Schwangerschaft getestet wird ob ein Kind gesund ist, könnte man die Tests doch erweitern um solche Anomalien festzustellen! Die Eltern können dann entscheiden ob sie so einen Menschen grossziehen wollen!

  • Navigator am 03.07.2018 18:46 Report Diesen Beitrag melden

    Gewalt

    Gewalt ist keine Lösung, wer liebt tut niemanden was böses, im Herzen und auch mit Handlungen