Mikroplastik ist überall

12. Juni 2019 11:05; Akt: 13.06.2019 09:41 Print

Wir essen pro Woche eine Kreditkarte

In Lebensmitteln, in Kosmetika oder in der Luft: Mikroplastik findet sich heutzutage überall. Erschreckend ist allerdings, wie viele dieser Plastikteilchen im Körper des Menschen landen.

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Synthetische Kleidung, Autoreifen, Kontaktlinsen: Produkte aus Kunststoff geben riesige Mengen von Mikroplastik in die Umwelt ab, die am Ende auch im Menschen landen. Konkret in Zahlen: Im globalen Durchschnitt nimmt eine Person wöchentlich bis zu fünf Gramm Mikroplastik auf – das entspricht etwa dem Gewicht einer Kreditkarte.

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Aus einer Untersuchung der University of Newcastle in Australien im Auftrag des WWF geht hervor, dass die Zahl von Menschen aufgenommenen Plastikteilchen pro Woche bis zu 2000 beträgt. Dies entspricht etwa 21 Gramm pro Monat und etwas mehr als 250 Gramm Plastik im Jahr. «Kunststoffmüll verschmutzt nicht nur Flüsse und Ozeane und schadet den Meereslebewesen, sondern ist inzwischen auch im Boden und in der Luft nachgewiesen», mahnte die Leiterin Meeresschutz des WWF Deutschland, Heike Vesper.

Mikroplastik in Honig, Muscheln und Fisch

«Wir können nicht verhindern, dass wir selbst Plastik aufnehmen», fügte Vesper hinzu. «Mikroplastik belastet die Luft, die wir atmen, unsere Nahrung und das Wasser, das wir trinken.» Es werde derzeit noch erforscht, wie sich die Aufnahme von Plastik auf die menschliche Gesundheit auswirke. Klar sei aber, dass es sich bei Plastikverschmutzung um ein globales Problem handle, das auch die Menschen direkt betreffe.

«Denn grosse Plastikteile zerfallen zu Mikroplastik, das mittlerweile in Nahrungsmitteln wie Honig, Muscheln und Fisch nachgewiesen wurde», betonte Vesper. Weitere Quellen seien Abrieb von Mikroplastik in Plastikflaschen und Synthetikfasern in der Atemluft. «Wenn wir kein Plastik in unserem Körper wollen, müssen wir verhindern, dass jedes Jahr Millionen Tonnen Kunststoffmüll in die Natur geraten.»

Dafür bedürfe es eines globalen Abkommens gegen Plastikverschmutzung mit verbindlichen Zielen, erklärte der WWF. Auch Unternehmen müssten der erweiterten Verantwortung für ihre Produkte und den von ihnen verursachten Müll besser gerecht werden. Oberstes Ziel müsse sein, unnötiges Plastik zu vermeiden.

Mikroplastik kann eingeatmet werden

Die Resultate aus Australien stimmen mit Studienergebnissen aus Kanada und Österreich überein. Erst Anfang Juni hatten kanadische Wissenschaftler die Zahl der Mikroplastik-Teilchen, die ein erwachsener Mann pro Jahr unfreiwillig isst und einatmet, auf bis zu 52'000 beziffert.

Das ist laut der Studie, die in der Zeitschrift Environmental Science and Technology veröffentlicht wurde, aber noch lange nicht das Maximum. Wer ein Jahr lang nur Wasser aus Plastikflaschen trinkt, nimmt demnach 90'000 zusätzliche Partikel an Mikroplastik zu sich. Für ihre Analyse hatten die Wissenschaftler mehrere hundert Datensätze zur Verschmutzung durch Mikroplastik ausgewertet und sie mit den durchschnittlichen Lebens- und Essgewohnheiten von US-Bürger verglichen.

Die Lösung: Nutzung von Plastik zu verringern

Wie viele Partikel ein Mensch genau zu sich nimmt, hängt den Wissenschaftlern zufolge in hohem Masse davon ab, wo er lebt und was er isst. Die Einnahme von Kleinstpartikeln seien vor allem gefährlich: Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 130 Mikrometern «haben das Potenzial, Teil des menschlichen Gewebes zu werden (und) eine lokale Immunreaktion auszulösen», heisst es in der Studie.

Zugleich betonten die Forscher: «Der wirksamste Weg, um den menschlichen Konsum von Mikroplastik zu reduzieren ist wahrscheinlich, die Produktion und Nutzung von Plastik zu verringern.»

Mikroplastik im Stuhl nachgewiesen

In einer weiteren Untersuchung vom österreichischen Umweltbundesamt (UBA) und der MedUni Wien hatten Forscher vergangenes Jahr Spuren von Mikroplastik im menschlichen Körper nachweisen können. Sie stellten bei Probanden, die in Plastik verpackte Lebensmittel oder Getränke aus PET-Flaschen konsumierten, fest, dass Mikroplastik im Stuhl zu finden war.

Im Mittel wurden 20 Mikroplastik-Teilchen pro zehn Gramm Stuhl gefunden. «In unserem Labor konnten wir neun verschiedene Kunststoffarten in der Grösse von 50 bis 500 Mikrometer nachweisen», berichtete Bettina Liebmann, die für Mikroplastik-Analysen zuständige Expertin im UBA. Am häufigsten fanden sich PP (Polypropylen) und PET (Polyethylenterephthalat). Analysiert wurde hinsichtlich zehn der weltweit meist verbreiteten Kunststoffe.

Als Mikroplastik werden Plastikteilchen mit einer Grösse kleiner als fünf Millimeter bezeichnet. Es wird als Zusatz in Kosmetikprodukten verwendet, entsteht aber vor allem ungewollt durch Zerkleinerung, Abrieb oder Zersetzung grösserer Plastikteile in der Umwelt.

Seit dem Jahr 2000 wurde laut WWF so viel Plastik produziert wie in allen Jahren zuvor zusammen. Etwa ein Drittel der Plastikmenge gelangt demnach unkontrolliert in die Umwelt.

(kle)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Plastik/ Becher am 05.06.2019 21:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Römer

    Ich trinke immer aus meinem römischen Bleibecher. Garantiert keine Plastikverunreinigungen.

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  • Sibyl am 06.06.2019 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    Zurückrudern

    Als ich noch Kind war (anfangs 1960), gab es alles nur in Glasflaschen. Das schmeckte komischerweise auch besser. Natürlich musste man dafür mehr schleppen und trank häufig einfach Hahnenburger. Dann wurden plötzlich die Tetrapack eingeführt und erst vor etwa 30 Jahren die PET. Ich weiss noch wie gruusig ich diese PET fand und entsetzt war, das die Leute im Ausland schon länger Wasser so kauften. Ebenso wurden Lebensmittel im Wachspapier aufbewahrt statt in Plastik. Es ging uns nicht schlechter damit! Zurück zu alten Zeiten wäre das nichts?

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  • F.S. am 05.06.2019 21:38 Report Diesen Beitrag melden

    Sorry, nein

    Alu hat innen eine Kunststoffbeschichtung. Lieber Glas oder besten Hahnenburger.

Die neusten Leser-Kommentare

  • 807687 am 20.06.2019 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Glas, auch Recyclingglas...

    ...statt Plastik. Und haben wir nicht schon vor 30, 40 Jahren den Slogan "Jute statt Plastik" gelebt oder zu leben versucht? Es ist schon damals ein problem gewesen, aber die Industrie hat uns weiterhin mit Plastik zwangsbeglückt. Seit ich von zuhause weggezogen bin, lasse ich Plastikverpackungen, die ich nicht umgehen kann, in den Läden zurück. Täte das jeder oder hätte das seit 30,40 Jahren jeder getan, hätten wir das Problem nicht. Zusätze in Kosmetika: Auch da gibt's Alternativen, die halt etwas mehr kosten, dafür bleibt man gesund. Plastik ist für den Körper ein Fremdkörper.

  • Pitt Almeida am 14.06.2019 22:07 Report Diesen Beitrag melden

    Sammelstellen

    Wenn ihr Plastic aus dem Verkehr ziehen wollt, schafft Plastic-Sammelstellen. In Basel gibts noch keine einzige.

  • S. Berger am 13.06.2019 18:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was ist schädlich

    Plastik: Problem Mineralwasser (Natrium, Kalzium, Mangan, Magnesium, etc): kein Problem

    • Tomi Hilficker am 16.06.2019 05:37 Report Diesen Beitrag melden

      Weichmacher

      Das Hauptproblem bei Plasticflaschen heisst Weichmacher.

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  • Nervensäge am 13.06.2019 15:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umfrage

    Es fehlt:" kann ich von den Steuern abziehen"

  • Anja Klabeutermann am 13.06.2019 11:19 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt weiss ich endlich, wieso ich heute

    mit 68 Jahren rund 15kg schwerer bin als vor 60 Jahren! Da ja Plastik nicht abgebaut und nur verkleinert wird, werde ich wohl nach dem Tode Sondermüll werden und ziemlich übel nach Kunstoff riechen im Krematorium; etwa so wie ein Kabelbrand. Gehöre ich jetzt in die Wertstofftonne?

    • 807687 am 20.06.2019 14:24 Report Diesen Beitrag melden

      Im Krematorium...

      schmilzst Du zu einem kleinen schwarzen, harten Klumpen ;-) Noch ein bisschen Amalgam in den Zahplomben, Silikon in den Brüsten und vielleicht Aluminium im Gehirn... würde sagen: Sondermüll.

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