Weltweites Experiment

20. Juni 2019 20:01; Akt: 20.06.2019 20:01 Print

So ehrlich sind wir Menschen wirklich

Der Schreck ist gross, wenn das Portemonnaie verloren geht. Besonders, wenn viel Geld drin war. Gerade dann besteht jedoch Grund zur Hoffnung, dass der Finder es zurückgibt.

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Wer ein Portemonnaie mit viel Geld darin findet, könnte sich einfach über den unverhofften Gewinn freuen. Aber gerade bei hohen Geldsummen verhalten sich die Finder überraschend ehrlich, wie ein weltweites Experiment der Universitäten Zürich, Michigan und Utah zeigt.

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Damit widerspricht das Ergebnis klassischen ökonomischen Modellen, dass finanzielle Anreize die Ehrlichkeit senken. Einen wichtigen Grund sehen die Forschenden darin, dass sich die Finder nicht als Diebe fühlen wollen.

Die Wissenschaftler um Michel Maréchal von der Uni Zürich stellten für die Studie Menschen in 355 Städten in 40 Ländern auf die Probe: Eine Person gab vor, ein Portemonnaie gefunden zu haben, aber in Eile zu sein. Also gab sie es beim Empfang von Institutionen wie Hotels, Banken, Museen, Post- oder Polizeistellen ab, damit sich die dortige Person darum kümmere.

Je mehr Geld, desto eher wird es zurückgegeben

In der transparenten Brieftasche befanden sich persönliche Visitenkarten mit Name und Adresse des Besitzers, eine Einkaufsliste, ein Schlüssel und entweder kein Geld, ein mittlerer oder ein hoher Geldbetrag.

Über 17'000 Portemonnaies gaben die Wissenschaftler auf diese Weise ab, wie die Uni Zürich am Donnerstag mitteilte. Anschliessend prüften sie, wie viele der Brieftaschen zum Besitzer zurückfanden. Überraschenderweise stieg die Rückgabequote in 38 von 40 Ländern deutlich, je mehr Geld im Portemonnaie war. Global gesehen stieg die Quote von 51 Prozent beim niedrigeren Betrag auf 72 Prozent beim höheren. Portemonnaies ohne Geld gaben im Durchschnitt nur 40 Prozent zurück.

Am ehrlichsten waren die Finder hoher Geldbeträge in Dänemark: Hier gaben 82 Prozent das gut bestückte Portemonnaie zurück. Auf den hinteren Plätzen der untersuchten Länder rangierten beispielsweise China, Peru, Kasachstan und Kenia, wo nur 8 bis 22 Prozent der unwissenden Probanden die Brieftasche retournierten.

Finanzieller Anreiz versus Ehrlichkeit

Die Schweiz gehörte neben den skandinavischen Ländern zu den ehrlichsten: Die Rückgabequote war hierzulande sowohl bei geldlosen Portemonnaies als auch bei solchen mit hohen Geldsummen sehr hoch, zwischen 73 und 78 Prozent. Die höherer Betrag steigerte die Rückgabequote auch nur leicht.

Hintergrund der Studie war die Frage, welche Faktoren Ehrlichkeit im Alltag beeinflussen, wie Maréchal im Rahmen eine Pressekonferenz zur Studie erklärte. Zwar spielen altruistische Motive den Forschenden zufolge eine Rolle, ein gefundenes Portemonnaie zurückzugeben oder nicht, jedoch gingen die Wissenschaftler zu Beginn davon aus, dass ein grösserer finanzieller Anreiz die Ehrlichkeit des Finders senken sollte. Dieser Meinung waren auch Finanz- und Ethik-Experten, die die Wissenschaftler den Ausgang des Portemonnaie-Experiments voraussagen liessen.

Menschen wollen sich nicht als Diebe fühlen

Dass dem nicht so ist, entdeckten die Forschenden bereits vor einigen Jahren im Rahmen einer Pilotstudie in Finnland mit einem ähnlichen Experiment, erzählte Maréchal. Daraus entstand die Idee, dieses Phänomen global zu untersuchen.

Ein entscheidender Anreiz dürfte laut Maréchal und seinen Kollegen sein, dass sich der Finder beim Entschluss, einen höheren Geldbetrag zu behalten, als Dieb fühlt. Das zeigte auch eine ergänzende Umfrage im Rahmen der Studie: Je mehr Geld in einem gefundenen Portemonnaie steckte, desto mehr empfanden es die Befragten als Diebstahl, es zu behalten.

«Menschen wollen sich als ehrliche Personen sehen, nicht als Diebe», liess sich Maréchal in der Mitteilung zitieren. Ein gefundenes Portemonnaie zu behalten, führe dazu, dass man sein Selbstbild anpassen müsse, was mit psychologischen Kosten verbunden sei.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • IchDuWir am 20.06.2019 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Erinnerung ist heute noch schön...

    Habe vor 30 Jahren 3700fr. in einem Kuvert inkl. Lohnabrechnung in einer Telefonkabine gefunden. Da ich den Namen und die Adresse hatte, habe ich über die damals übliche Auskunft, die Nummer heraus gefunden. Es war ein Vater und sein Monatslohn. Nie werde ich seine Tränen vergessen. Meine Eltern waren sehr Stolz auf mich. War damals 14 Jahre alt... Bin gar nicht auf die Idee gekommen das Geld zu behalten.

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  • Expat am 20.06.2019 20:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht behalten

    Gib es immer zurück, dann kommt es auch zu Dir zurück. Das ist Karma.

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  • Tom am 20.06.2019 20:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe nicht. .

    ...warum sich Bänker und Manager nicht als Diebe fühlen und Ihre Boni abgeben.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Firestarter am 21.06.2019 17:41 Report Diesen Beitrag melden

    ????

    Auch hier wie bei nau Es geht nicht um die Ehrlichkeit der Finder, sonder um die Ehrlichkeit von Abgabestellen/Institutionen wie Hotels, Banken, Museen, Post- oder Polizeistellen. Es wurde nicht ein Portemonnaie als Lockvogel ausgelegt, um zu testen, ob der Finder es abgibt, sondern wie schon erwähnt, es geht um die Institutionen wie Hotels, Banken, Museen, Post- oder Polizeistellen, das sind ja keine Finder. Der gleiche Bericht wie bei nau. kopiepaste.

  • Müller Beat am 21.06.2019 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    Herr

    Als ich eimal ein Portemonnaie mit 450 gefunden habe hat mich das so gefreut dass ich nicht einen Moment daran gedacht habe, das Geld zurückzugeben .Ich war sicher das diese Brieftasche einem reichen Bauer oder Viehhändler gehört .Das Portmonee hab ich in den nächsten Briefkasten geworfen!

  • Sonnenschein am 21.06.2019 11:37 Report Diesen Beitrag melden

    Ehrlich und doch alles falsch gemacht

    Ich habe als Kind beim Spielen einen Riesenstapel zusammengebundener Banknoten an einem Waldrand gefunden und wollte ihn dem Besitzer zurückgeben. In der Nähe waren ein paar junge Männer, also bin ich, naiv und an Gute im Menschen glaubend, zu ihnen hin und fragte, ob sie das Geld verloren hätten. Natürlich hatten sie. Meine Eltern, denen ich später davon erzählte, haben mir dann erklärt, dass nicht jeder ehrlich sei und wie ich künftig vorgehen sollte, falls so etwas noch einmal passieren sollte. An die Jungs in Oberburg, ca. 1988: Ich hoffe Ihr hattet Spass mit dem Geld.

  • Desirée am 21.06.2019 11:36 Report Diesen Beitrag melden

    Gefunden und Tasche gekauft

    Wenn Leute etwas verlieren, so hat das einen tieferen Sinn, der besagt, dass die Person die Sache gar nicht mehr will. So lautet die Karmaregel. Umgekehrt wird die Finderin beschenkt. Also darf man ein gefundenes Portemonnaie ruhig behalten und sich mit dem Bargeld auch was gönnen, zum Beispiel eine wunderschöne Tasche, die jahrelang Freude macht.

    • Erich am 21.06.2019 20:22 Report Diesen Beitrag melden

      Soso...

      Sie haben das Karma-Prinzip nicht verstanden...

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  • Mehrfach ehrlicher Finder am 21.06.2019 09:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Undank ist der Welten Lohn

    Immer wieder liest man vom Undank derjenigen, die ihr verlorenes Porte-monnaie zurückbekommen, und sich im schlimmsten Fall noch beschweren, das Geld würde fehlen.

    • Silberdistel am 21.06.2019 10:34 Report Diesen Beitrag melden

      Danke

      Ich habe vor 3 Wochen mein Portemonnaie vor dem COOP in Riehen im Wägeli vergessen und es wieder zurück erhalten. Ich hatte meine ID darin und wollte am nächsten Tag in die Ferien. Nochmals vielen, vielen Dank an den unbekannten Finder.

    • Karl Gott am 21.06.2019 10:49 Report Diesen Beitrag melden

      Kenn ich

      Vor 20 Jahren fand ich in Portmonai. Habe den den Besitzer via Telefonbuch ausfindig gemacht, in kontaktiert und es ihm persönlich (zu Fuss!) vorbei gebracht. Er hat sich nicht mal bedankt. Meinte nur, er habe die Karten schon sperren lassen und neue beantragt, ob denn kein Geld drin gewesen sei? Seither werfe ich Portmonais, die ich finde, in den Müll.

    • Sven am 21.06.2019 20:24 Report Diesen Beitrag melden

      @Karl Gott

      Weil ja alle Leute gleich reagieren...jaja macht mega sinn.

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