Mythos der Alpen

24. Juli 2008 14:27; Akt: 24.07.2008 14:40 Print

Mit Hanfseilen durch die Eiger-Nordwand

von Olaf Kunz - Bis in die 30er-Jahre hinein galt die Eiger-Nordwand als unbesteigbar. Tatsächlich bezahlten neun Bergsteiger den Begehungsversuch der «Mordwand» mit dem Leben, bevor vor 70 Jahren die ersten Gipfelstürmer das Ziel über die Nordroute erreichten.

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«Gelber Engel», «Symphonie de Liberté» oder «Deep Blue Sea» - was nach lustigen Titeln für romantische Filme klingt, sind in Wirklichkeit Namen für einen Mythos. Es sind drei von insgesamt 23 Routen durch die legendäre Eiger-Nordwand, die heute aufgelistet sind. Dabei galt diese Seite des geschichtsträchtigen 3.970 Meter hohen Eigers noch Anfang des vergangenen Jahrhunderts schlichtweg als unbesteigbar. Dunkle, tiefe Felsschluchten wechseln sich mit gigantischen Eisfeldern ab und häufig lösen sich unvorhergesehen Stein- und Eislawinen.

Dramen in der Nordwand

Der erste Versuch, die Norwand zu besteigen, wurde 1935 unternommen. Am 21. August machen sich die beiden Münchner Max Sedelmayr und Karl Mehringer auf den Weg zum Gipfel. Doch ein Wetterumsturz wird für die beiden zur Todesfalle. Die beiden Männer erfrieren in 3300 Metern Höhe. Diese Wandstelle heisst seither «Todesbiwak».

Auch der zweite Anlauf wird von Ausländern unternommen. Andreas Hinterstoisser und Toni Kurz aus Deutschland sowie Willi Anderer und Edi Rainer aus Österreich steigen 1936 zunächst getrennt ein und schliessen sich dann zu einer Seilschaft zusammen. Abermals wird das Wetter zur Todesfalle. Sie queren ein grosses Eisfeld und holen nach Erreichen des Ziels das Seil ein. Ein tragischer Fehler, wie sich herausstellen sollte.

Als das Wetter umschlägt, müssen die Männer deshalb die von Steinschlag und Lawinen gefährdete Direttissima hinabsteigen. Dabei stürzen Hinterstoisser, Anderer und Rainer ab. Toni Kurz überlebt. Retter sind alarmiert und wollen Hilfe leisten. Um ihn zu erreichen, werfen sie ihm ein Rettungsseil zu, an das ein zweites geknotet wurde, um die notwendige Länge zu erreichen. Just dieser Knoten wird Toni Kurz zum Verhängnis. Mit dem Schnappring bleibt er am Knoten hängen und kommt nicht weiter. Nur wenige Meter von den Helfern entfernt stirbt er an Überanstrengung.

«Wir haben nie gezweifelt»

Die Deutschen Anderl Heckmair und Ludwig Vörg sowie die beiden Österreicher Heinrich Harrer und Fritz Kasparek konnten die Tragödien nicht schrecken. Sie schlossen sich am 21. Juli 1938 für das «Unternehmen Nordwand» zu einer Seilschaft zusammen. Sie hatten aus den Fehlentscheidungen der Vergangenheit und den Erfahrungen der Überlebenden gelernt.

Dennoch war ihr Leben bei der Besteigung mehr als einmal in Gefahr. Vor allem die sogenannte «Spinne» wäre ihnen fast zum Verhängnis geworden. In dem vierten gefährlichen Eisfeld auf dem Weg zum Gipfel gibt es mehrere Rinnen, die durchs Fernglas betrachtet wie die Beine einer Spinne aussehen. Durch diese Rinnen gehen immer wieder Lawinen und Steinschläge ab. Doch alle vier überleben wie durch ein Wunder und erreichen am 24. Juli relativ unbeschadet den Gipfel über die klassische Nordroute.

Jahre später schreibt Harrer über den Moment, als sie den Gipfel erreichen: «Die Befreiung kommt zu plötzlich, unsere Sinne und Nerven sind zu abgestumpft, unsere Körper zu müde, um einen Gefühlstaumel zu gestatten. Wir sind nicht mit knapper Not dem Verderben entronnen, sondern haben in unserer Freundschaft immer Halt und Zuversicht gefunden. Nie haben wir am guten Ausgang unseres Unternehmens gezweifelt. Aber der Weg war schwer.»

Gipfelstürmer mit Armbinde

Später flüchtete Harrer aus einem Internierungslager in Indien, schaffte es mit Peter Aufschnaiter nach Tibet und lebte dort sieben Jahre lang zunächst als Übersetzer und Fotograf für die tibetische Regierung, später als Lehrer und Berater. Schliesslich wurde er ein Freund des jungen XIV. Dalai Lama. Mit diesem verband ihn bis zuletzt eine tiefe Freundschaft. Diese Lebensgeschichte wurde später verfilmt («Sieben Jahre Tibet»).

Während der Berichterstattung über den Film rückte die NS-Vergangenheit des Bergsteigers in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Der am 6. Juli 1912 geborene Harrer trat nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich 1938 der NSDAP bei und schloss sich auch der SS an. Schon 1933 wurde er als 21-Jähriger Mitglied der SA-Untergrundorganisation in Österreich. Er selbst bezeichnete all dies später als dummen Fehler und ideologischen Irrtum.

Hoch in 2 Stunden und 47 Minuten

Noch immer ist die Nordwand eine Herausforderung für Alpinisten. Nach wie vor benötigen Bergsteiger heute durchschnittlich zwei volle Tage für die Durchsteigung der Nordwand. Seit der Erstbegehung gab es jedoch immer wieder Alpinisten, die sehr viel schneller auf der sogenannten Heckmair-Route unterwegs waren. Am 13. Februar 2008 wurde der bislang erstaunlichste Rekord aufgestellt. Der berüchtigte Schweizer Extrem-Bergsteiger Ueli Steck sprintete die rund 1800 nahezu senkrechten Meter in unglaublichen 2 Stunden und 47 Minuten hinauf.