Trittfester Protest

11. Februar 2011 15:45; Akt: 11.02.2011 15:54 Print

Mubarak zieht Ägyptern die Schuhe aus

Das ägyptische Volk gibt Hosni Mubarak den Schuh – eine gröbere Beleidigung ist in der arabischen Kultur kaum denkbar.

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Als der starrsinnige Präsident in seiner Rede am Donnerstagabend einmal mehr erklärte, er werde nicht zurücktreten, verwandelte sich die zuvor ausgelassene Stimmung unter den hunderttausenden Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz in blanke Wut. Viele zogen ihre Schuhe aus und schwenkten sie in Richtung Grossleinwand. Damit gaben sie ihrer grenzenlosen Verachtung für den Despoten Ausdruck.

Schuhe gelten in der arabischen Welt – nicht nur im Islam – als unrein. Niemand würde in Strassenschuhen eine Moschee betreten, auch in Privatwohnungen gilt dies als sehr unhöflich. Nur schon jemanden die Schuhsohle zu zeigen gilt als grobe Beleidigung, weshalb man sehr schnell ins Fettnäpfchen treten kann, etwa beim Kreuzen der Beine. Richtig übel ist es, wenn man eine Person mit einem Schuh schlägt oder bewirft.

Schuhwerfer von Bagdad

Eine solche Tat sorgte vor zwei Jahren für Schlagzeilen: Am 14. Dezember 2008 wurde US-Präsident George W. Bush bei seinem letzten Besuch in Bagdad vom Journalisten Montasser al Saidi mit Schuhen beworfen, begleitet vom Ausruf: «Dies ist mein Abschiedskuss, du Hund!» Was die Beleidigung glatt verdoppelte, denn auch Hunde gelten als unrein. Saidi erhielt neun Monate Gefängnis und wurde in der islamischen Welt zum Volkshelden.

Damit schloss sich der Kreis, denn am 9. April 2003 hatte die Welt in Bagdad bereits einmal die spezielle Bedeutung der Schuhe in der arabischen Welt erlebt. Damals wurde eine monumentale Statue von Saddam Hussein in der irakischen Hauptstadt vom Sockel geholt. Zahlreiche Iraker traktierten das Bronzestandbild darauf mit ihren Tretern, auch Poster und Wandbilder des Diktators wurden entsprechend behandelt.

Neues Protestmittel

Es war so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit, denn Saddam hatte nach der Niederlage im Golfkrieg von 1991 im Hotel Raschid in Bagdad ein Bodenmosaik von George Bush senior anbringen lassen, auf dem man nach Belieben herumtrampeln konnte. Nach der US-Invasion 2003 wurde es entfernt. Bei antiwestlichen Demonstrationen in arabischen Ländern laufen die Menschen heute noch gerne über israelische und amerikanische Flaggen, um sie zu beschmutzen. Auch der Schuhwerfer von Bagdad fand diverse Nachahmungstäter.

Die Verwendung von Schuhen als Mittel des politischen Protests ist allerdings relativ neu, wie der Islamwissenschaftler Stefan Reichmuth von der Universität Bochum gegenüber «RP Online» erklärte: «Konkrete historische Belegungen gibt es nicht.» Auch die Menschen in Kairo hätten wohl den Schuhwurf gegen Bush als Vorbild genommen.

(pbl)