Klimawandel

08. Juni 2010 23:50; Akt: 10.06.2010 16:24 Print

Nicht der Mensch allein ist schuld

von Simon Köchlin - Wer trägt die Schuld am rasanten Gletscherschwund der letzten paar Jahre? Es ist der Mensch. Allerdings nur etwa zur Hälfte.

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Der Aletschgletscher im Wallis ist der flächenmässig grösste und längste Gletscher der Alpen.

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Die Studie der Forscher der ETH Zürich und der Universität Freiburg bestreiten in keiner Weise, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel ein ernstes Problem sei - auch für die Gletscher, sagte der Glaziologe Matthias Huss von der Universität Freiburg. Sie zeige aber, dass der momentane, rasche Rückgang der Gletscher wohl durch natürliche Schwankungen des Klimas noch verstärkt werde.

Huss hatte mit Kollegen der ETH Zürich für die letzten 100 Jahre die jährlichen Volumenänderungen von 30 Gletschern in der Schweiz berechnet. Neben direkten Eis-Messungen benutzten die Forscher alte Landkarten, Luftbilder und Abflussdaten. «Wir konnten erstmals eine solche Zeitreihe für einen repräsentativen Ausschnitt eines ganzen Gebirges erstellen», sagte Huss.

Die Hälfte geschmolzen

Insgesamt haben die 30 Gletscher seit 1910 rund 13 Kubikkilometer Eis verloren. Das entspricht rund 30 Prozent ihres damaligen Volumens, wie die Forscher im Fachmagazin «Geophysical Research Letters» berichten. Alle Gletscher sind heute kleiner als vor 100 Jahren, aber das Tempo des Massenverlustes unterscheidet sich um bis zu einem Faktor drei.

«Die zeitlichen Schwankungen sind bei allen Gletschern ähnlich», erklärt Huss: In den 1910-er-Jahren und in den späten 1970-ern gab es kurze Perioden, in denen die Masse zunahm. In den 1940-ern und seit den 1980-ern dagegen schmolzen die Eisgiganten überdurchschnittlich stark.

Huss und seine Kollegen verglichen diese Schwankungen nun mit der so genannten Atlantischen Multidekadischen Oszillation, einem natürlichen Klimaphänomen. Es äussert sich darin, dass die Oberflächentemperatur des Atlantiks in einem Rhythmus von etwa 60 Jahren jeweils zu- und wieder abnimmt.

Kurven stimmen überein

Wie diese Oszillation entstehe, sei nicht ganz klar, sagte Huss. Man gehe aber davon aus, dass die Zirkulation der Ozeane einen Einfluss habe. Forscher vermuten, dass die Oszillation diverse Faktoren des Klimas beeinflusst, zum Beispiel die Regenmenge in Europa oder Hurrikane in Nordamerika.

Laut Huss stimmten die Kurven der Gletscherschwankungen und der Atlantische Oszillation gut überein. Das galt auch, als die Forscher die Längenveränderung des Unteren Grindelwaldgletschers der letzten 250 Jahre mit Rekonstruktionen des Oszillation-Index verglichen. Das natürliche Klimaphänomen habe also die Veränderungen der Gletscher beeinflusst.

Verlangsamt sich Schwund?

Momentan herrschen laut den Forschern im Atlantik Verhältnisse, die den Gletscherschwund beschleunigen. Sie schätzen aufgrund ihrer Daten, dass seit dem Jahr 2000 etwa die Hälfte der Volumenabnahme auf die natürliche Klimaschwankung zurückgeführt werden kann.

In den nächsten 30 Jahren könnte sich die Situation im Atlantik laut Modellrechnungen wieder umkehren. Das würde bedeuten, dass die Oszillation allein eine Vergrösserung der Gletscher zulassen würde. Das werde aber nicht eintreffen, das Abschmelzen werde sich höchstens verlangsamen, sagte Huss. Denn der Einfluss des Menschen auf das Klima werde immer stärker.