Zu langsam im Wasser

15. Dezember 2018 05:59; Akt: 15.12.2018 08:24 Print

Ocean Cleanup hat noch keinen Müll eingesammelt

Das System The Ocean Cleanup zur Säuberung des Pazifiks von Plastikabfall funktioniert noch nicht. Knapp zwei Monate nach dem Start kämpft das Projekt mit unvorhergesehenen Problemen.

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Mit dem Projekt Ocean Cleanup will der 24-jährige Niederländer Boyan Slat innert fünf Jahren den sogenannten Great Pacific Garbage Patch, auch Nordpazifikwirbel genannt, von 40'000 Tonnen Plastikmüll befreien. Der Startschuss für das gigantische Projekt fiel am 8. September 2018 in San Francisco. Hinter den Beteiligten liegen acht Jahre Vorbereitungszeit. (Im Bild: Boyan Slat mit Pressevertretern) Zunächst wurde die erste Ausbaustufe (System 001) der U-förmigen Anlage unter der Golden Gate Brücke hindurch knapp 500 Kilometer von der Küste weg aufs offene Meer gezogen. Nach weiteren Tests zog der schwimmende Müllfänger dann zum Great Pacific Garbage Patch weiter... ... ... der rund dreimal so gross wie Frankreich ist. Dort befindet er sich jetzt (Stand: 27.11.) Die am Meeresgrund verankerte Vorrichtung besteht aus langen, luftgefüllten Plastikrohren, an denen Nylonnetze hängen. Diese ragen drei Meter ins Meer hinunter und bilden so eine Art gigantische Kehrichtschaufel. Der Plastikabfall wird durch die Meeresströmung in diese schwimmenden Barrieren getrieben, wo er alle sechs bis acht Wochen von Schiffen eingesammelt wird. System 001 soll eine Länge von 600 Metern haben. Einmal im Great Pacific Garbage Patch angekommen, sollen die Barrieren auf Dutzende Kilometer Länge ausgebaut werden – um möglichst viel Plastik aufsammeln zu können. Für Meeresbewohner stellt die Vorrichtung laut Ocean Cleanup keine Gefahr dar, da sie von der Strömung unter dem Nylonnetz durchgedrückt würden. Meeresbiologen befürchten allerdings, dass die Vorrichtung dennoch zu einem Massengrab für kleine Lebewesen werde könnte. Slats Ocean-Cleanup-Projekt ist jedoch nicht das einzige, das die Weltmeere von Müll befreien soll. Noch weit von einer Realisierung entfernt ist das Pacific Garbage Screening (PGS) der deutschen Architektin Marcella Hansch. Die riesige Plattform (400 Meter lang) soll Plastikpartikel ohne für Meerestiere gefährliche Netze aus dem Wasser filtern. Da Plastikteilchen, obwohl sie leichter als Wasser sind, durch die Meeresströmung bis zu 30 Meter in die Tiefe gezogen werden können, soll das PGS die Strömung durch seine Bauform zuerst beruhigen. Im ruhigen Wasser soll das Plastik dann durch seinen eigenen Auftrieb an die Wasseroberfläche steigen. An der Oberfläche angekommen, kann das Plastik auf einfachem Weg gesammelt und abgeschöpft werden – ohne Netze. Eine erste Hürde hat Marcella Hansch für ihr Projekt bereits genommen: Mitte Juli wurde eine Crowdfunding-Runde erfolgreich abgeschlossen. 231'205 Euro kamen zusammen. Ebenfalls auf hoher See Plastik einsammeln möchte der Schweizer Yvan Bourgnon mit seinem Quadrimaran Manta: Mit dessen Hilfe sollen pro Törn jeweils 600 Kubikmeter Plastikmüll aus dem Meer gefischt werden. Auslöser für das The Sea Cleaners getaufte Projekt waren Bourgnons Beobachtungen während seiner Weltumrundung mit einem Sportkatamaran. Damals konnte er das Ausmass der Ozeanverschmutzung mit eigenen Augen sehen. Noch gibt es die Manta erst als Modell. 2020 soll dann mit dem Bau des Quadrimarans begonnen werden. Laut Bourgnon wird er 70 Meter lang, 49 Meter breit, 61 Meter hoch und 2500 Tonnen schwer sein.Wind und Strom aus erneuerbaren Quellen sollen ihn antreiben. An Bord des Schiffs befindet sich ein Sortierwerk. Die mit Förderbändern aus dem Wasser geholten Abfälle werden an Bord verdichtet. Über 250 Tonnen Plastik kann das Schiff aufnehmen, bis seine Ladung in einem Hafen gelöscht werden muss. An Land sollen die Abfälle fachgerecht wiederverwertet werden. Ziel von Bourgnons Projekt ist es, Plastik aus dem Meer zu holen, bevor es sich in Nanopartikel zersetzt und von lebenden Organismen aufgenommen wird. Verhindern, dass Plastikmüll zu Mikroplastik zerfällt, will auch One Earth – One Ocean (OEOO). Ihr Konzept einer maritimen Müllabfuhr konzentriert sich auf stark verschmutzte Küstenlinien, wie zum Beispiel in Hongkong. Dazu hat OEOO-Gründer Günther Bonin die «Seekuh» entwickelt. Der Katamaran verfügt über eine Netzkonstruktion zwischen seinen Rümpfen. Diese fischt bis in eine Tiefe von vier Metern treibende Kunststoffteile ab. Pro Fahrt könne so zwei Tonnen Müll gesammelt werden. Ist ein Netz voll, wird es verschlossen und mit einer Boje und einem Peilsender versehen, der seine Position an eine Kontrollzentrale überträgt. Auf hoher See soll ein weiterer Katamaran namens Seefarmer die vollen Netze einsammeln und sie zum Energieschiff See-Elefant bringen. Auf ihm wird der Plastikmüll sortiert, zerkleinert, dem Recycling zugeführt oder durch Erhitzung verflüssigt und so zu schwefelfreiem Heizöl umgewandelt. Realisiert wurde bisher allerdings nur die Seekuh. Ob Günther Bonin seine Vision verwirklichen kann, hängt – wie bei den anderen Projekten auch – in erster Linie davon ab, ob genug Investoren gefunden werden können. Denn so unterschiedlich die Konzepte von Ocean Cleanup, Pacific Garbage Screening, The Sea Cleaners und One Earth – One Ocean sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie rufen auf ihren Websites alle eindringlich zum Spenden auf.

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Das System fange das Plastik zwar ein, aber halte es nicht fest, sagte ein Sprecher des Projekts der Nachrichtenagentur DPA. Der Initiator des Projekts, der Niederländer Boyan Slat, sprach von unvorhergesehenen Problemen, die man aber in den Griff bekommen werde.

Die Organisation hatte bereits vor einigen Wochen von Problemen berichtet. Eine Lösung sei noch nicht gefunden. Das System bewege sich zu langsam im Wasser, sagte Sprecher Jan van Ewijk. «Der genaue Grund dafür ist noch nicht deutlich.» In Computermodellen und Tests sei das Problem nicht aufgetaucht.

Die Anlage besteht aus einer 600 Meter langen Röhre in U-Form. Daran ist ein drei Meter langer Vorhang befestigt, der den Abfall in dem U festhalten soll. Der Plastikmüll soll von Schiffen abgeholt und zur weiteren Verarbeitung an Land gebracht werden.

Mitte Oktober gestartet

Damit The Ocean Cleanup funktioniert, muss das System den Betreibern zufolge schneller durch das Wasser treiben als die Plastikteile, die es einfangen soll. Möglicherweise bremsten aber Wind und Wellen das System ab, sagte der Sprecher. Eine andere Erklärung für den ausbleibenden Erfolg sei, dass die Enden der Röhre wellenförmige Bewegungen verursachten, die das System abbremsen.


Ehrgeiziges Projekt: Bis zu 40'000 Tonnen Plastik hätten eigentlich eingesammelt werden sollen. Video: AFP

Der Abfallfänger war Anfang September aus der Bucht von San Francisco aufs offene Meer zum Great Pacific Garbage Patch (etwa Grosser Pazifikabfallfleck) geschleppt worden. Bei diesem Strömungswirbel sollen sich nach Schätzungen von Wissenschaftlern 1,8 Billionen Plastikteile sammeln. Am 17. Oktober war die Anlage gestartet.

(sda)