In der Kritik

15. August 2018 19:03; Akt: 15.08.2018 19:03 Print

Pestizidersatz lässt Bienen leben, tötet aber Hummeln

Neonikotinoide können nicht nur Schädlinge, sondern auch Nutzinsekten töten. Deshalb wurden einige verboten. Aber auch der Ersatz steht in der Kritik.

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Ein alternatives Schädlingsgift für die teils in der Landwirtschaft verbotenen Neonikotinoide schädigt nützliche Hummeln. Das berichten Forscher der Royal Holloway University of London im britischen Fachmagazin «Nature»: Dunkle Erdhummeln (Bombus terrestris), die der Substanz Sulfoxaflor ausgesetzt waren, hatten in der Folge viel weniger Nachkommen als ihre Artgenossen.

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Für ihre Studie untersuchten die Forscher Insektizide mit diesem Wirkstoff, der in mehreren Ländern bereits zugelassen ist. In der Schweiz ist Sulfoxaflor bisher noch nicht erlaubt, wie das Bundesamt für Landwirtschaft BLW auf Anfrage der Agentur Keystone-SDA bestätigte.

Auch Ersatz-Insektizid gerät in Verruf

Neonikotinoide hatten lange in der Landwirtschaft den Ruf einer Wunderwaffe, weil sie Fressfeinde der Pflanzen töten, nützliche Insekten aber angeblich verschonten. Nach und nach entdeckten die Forscher allerdings, dass die Substanzen doch Bienen und andere Pflanzenbestäuber schädigen können. Bislang galt Sulfoxaflor als geeigneter Ersatzkandidat in der Agrarwirtschaft.

Das Team um Harry Siviter setzte für die Studie 25 Hummel-Völker zwei Wochen lang Sulfoxaflor in Konzentrationen aus, wie sie nach dem Einsatz auf Feldern auftreten würden.

Schon nach zwei bis drei Wochen zeigten sich deutliche Unterschiede im Vergleich zu 26 unbehandelten Kolonien: Bei den mit Sulfoxaflor in Kontakt gekommenen Hummel-Völkern ging der Nachwuchs insgesamt um 54 Prozent zurück. Der Einsatz des Ersatzstoffes könnte Langzeitfolgen für die Bestände haben – ähnlich wie bei Neonikotinoiden, schreiben die Forscher.

Freilandverbot zum Schutz der Bienen

Wissenschaftler fordern nun, dass neue Insektizidie vor der Zulassung umfangreich überprüft werden müssten. Und obwohl man wisse, dass Sulfoxaflor ähnlich wie Neonikotinoide wirke, sei der Wirkstoff auf EU-Ebene noch immer zugelassen. Fertige Mischugnen müssten aber von den einzelnen Ländern genehmigt werden. Allein in Deutschland seien mindestens drei Anträge gestellt worden.

Im vergangenen Frühjahr stimmten die EU-Staaten mehrheitlich für ein Freilandverbot von drei Neonikotinoiden: Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid. Diese Insektizide dürfen künftig nur noch in Gewächshäusern, aber nicht mehr auf Äckern angewendet werden. Die Entscheidung tritt noch in diesem Jahr in Kraft. Auch die Schweiz zieht in dieser Hinsicht nach: Ab Ende 2018 sind diese Insektizide für die Anwendung im Freiland ebenfalls verboten. Dann müssen Landwirte andere Substanzen im Kampf etwa gegen Maiswurzelbohrer und Rapsglanzkäfer einsetzen.

Die Krux mit den Neonikotinoiden

Studien zufolge schädigen diese Neonikotinoide Wild- und Honigbienen erheblich – mit dramatischen Folgen für die Landwirtschaft. So können die Stoffe etwa die Lern- und Orientierungsfähigkeit der Bienen beeinträchtigen und die für die Bestäubung wichtigen Tierchen sogar lähmen und töten.

Die Moleküle werden auch von Blüten und Pollen aufgenommen und verbreiten sich so in der Umwelt. Vergangenes Jahr hatte ein Team von Schweizer Forschenden festgestellt, dass drei Viertel des weltweit produzierten Honigs Neonikotinoide enthalten. Dabei lag aber die festgestellte Konzentration in den allermeisten Fällen unter dem Grenzwert für den menschlichen Verzehr.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heidi Heidnisch am 15.08.2018 19:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hans was Heiri

    Hummeln liefern zwar keinen Honig, aber sie sind eher noch wichtiger für die Bestäubung der Pflanzen. Und eine dicke Hummel nährt einen Vogel auch viel länger, als eine kleine Biene. Also hört endlich auf, die Natur zu vergiften. Die Neem-Pflanze und diverse Nützlinge können das Gift nämlich ersetzen.

  • Aitofahrer am 15.08.2018 19:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das schädlichste Lebewesen

    Einmal mehr zeigt sich, dass schlussendlich der Mensch das Problem nie wird in den Griff bekommen....die Natur lebt ohne Mensch...der Mensch ohne Natur aber nicht..

  • Ruadhnaid am 15.08.2018 19:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gibts das Tier schon im Zoo?

    Hummeln fliegen pro Tag bis zu 20000 Blüten an mit einem Körper, der laut Mensch nichtmal fliegen dürfte. Wir beissen wiedermal die Hand, die uns füttert. Wir verstehen rein gar nichts mehr und lernen scheinbar auch nicht mehr dazu.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sibyl am 23.08.2018 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    Direkt- oder Langzeitkosten?

    Warum nicht einfach nur noch Bio? So schaden wir uns auf Zeit weniger. Es git dann halt Direktkosten (höherer Preis) statt Langzeitkosten (Umweltschäden, die schlussendlich viel mehr Geld kosten). Warum denken so viele Menschen nur so kurzfristig und egoistisch?

  • Fidel Rinelen am 18.08.2018 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    Detergentien.

    Geschirrwaschwasser mit Detergentien killt das meiste Ungeziefer in meinem Garten, vor allem die Schmierlaeuse.. Ist billig und baut sich von selbst ab.

  • Zürcher Ex-Pat am 18.08.2018 11:38 Report Diesen Beitrag melden

    Gegen Insektizide

    Ich bin gegen alle Giftstoffe in der Natur und als Biologe weiss ich, dass die Natur sich erholen kann und in einigen Jahren unsere Felder wieder gesund sein können. ABER die Erträge werden fallen und um zu überleben, müssen die Bauern deutlich höhere Preise verlangen. Deshalb müssen sich Alle die gegen Gifte sind sich im klaren sein, dass die Lebensmittel deutlich treurer werden wenn die Bauern auf Gifte verzichten. Sind Alle auch dazu bereit, ich bin nicht sicher.

  • Mensch am 16.08.2018 17:48 Report Diesen Beitrag melden

    Die Hummeln müssen sich anpassen

    Nichts gegen die Humeln aber solange die Bienen überleben bin ich mit dem ersatz einverstanden".

  • Martin. am 16.08.2018 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    Lockstoffe im Gift !

    Das wusste ich lang nicht: es werden gezielt Lockstoffe dem Gift beigemischt, was dann wohl ein Todesurteil für die Bienen ist. Früher war das nicht so und die Insekten haben die besprühten Pflanzen gemieden... Es lebe die Wirtschaft, Tod der Natur :-/