Literaturnobelpreis

10. Dezember 2019 18:52; Akt: 12.12.2019 10:23 Print

Proteste während Preisübergabe an Handke

Die Überreichung des Literaturnobelpreises an Peter Handke hat erneut für grosse Empörung gesorgt. Der Schriftsteller seinerseits hüllt sich in Schweigen.

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Peter Handke (67), österreichischer Schriftsteller, wurde in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Er wurde von der Schwedischen Akademie für sein «einflussreiches Werk» ausgezeichnet. Handke wurde 1966 mit einer Schmährede gegen den bekannten Literaturzirkel Gruppe 47, der unter anderem auch Günter Grass angehörte, bekannt. Auch später polarisierte er mit seinen Werken. Handke provozierte aber nicht nur literarisch. Während und auch nach dem Balkan-Konflikt sympathisierte Handke offen mit dem jugoslawischen Machthaber Slobodan Milosevic und verurteilte die Nato für ihre Luftschläge auf Gebiete des serbischen Regimes. Dass Handke nun den Literaturnobelpreis erhalten hat, führte zu heftiger Kritik. Der Ministerpräsident Albaniens, Edi Rama, schrieb auf Twitter: «Ich hätte nie gedacht, dass ich wegen eines Nobelpreises das Gefühl haben würde, kotzen zu müssen.» Zudem wurde eine Online-Petition lanciert, die verlangt, dass Handke der Preis wieder aberkannt wird. Im Bild: Ein Verkaufsstand einer Buchhandelskette mit Handke-Büchern. Und Asan Jashari, Vertreter der albanischen Kommunität in der Gemeinde Ostermundigen, fragt: «Wie kann das sein? Es ist noch nicht einmal zwanzig Jahre her als Handke Milosevic unterstützte.» Shefqet Cakolli glaubt nicht, dass die Preisverleihung zu Spannungen zwischen Serben und Albanern führen wird: «Es ist das Nobelpreis-Komitee, das uns mit der Verleihung beleidigt hat, nicht die Serben. Der Konflikt mit ihnen ist schon lange her. Wir sind nur auf das Komitee wütend.» Bei der serbischen Community sei die Verleihung bislang kein so grosses Thema, sagt Dragan Gavric, Mitglied der Gemeinschaft der Serben. «Das wird vor allem in den europäischen Medien und in Social Media in Serbien thematisiert. Bei uns hier in der Schweiz aber nicht so.»

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Begleitet von Protesten ist der österreichische Schriftsteller Peter Handke in Stockholm mit dem diesjährigen Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden.

Neben ihm nahmen am Dienstag auch die polnische Autorin und Preisträgerin für das Jahr 2018, Olga Tokarczuk, sowie zwölf Wissenschaftler in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie und Wirtschaft ihre Nobelmedaillen und -diplome bei einer feierlichen Zeremonie im Stockholmer Konzerthaus entgegen.

Zeitgleich zum anschliessenden Nobelbankett wurde auf dem nahegelegenen Norrmalmstorg gegen die Vergabe an Handke wegen dessen umstrittener Positionierung im Jugoslawien-Konflikt protestiert.

Kontroverse blieb unerwähnt

Der Vorsitzende des Nobelkomitees, Anders Olsson, liess die Kontroverse in seiner Laudatio auf Handke unerwähnt. Als Schwedens König Carl XVI. Gustaf die Auszeichnung überreichte, gab es aus dem Publikum höflichen Applaus und keine Pfiffe.

Die Akademie hatte ihre Entscheidung für Handke im Vorfeld vehement verteidigt. Man müsse zwischen der Person und ihrem literarischen Werk unterscheiden, hatte sie erklärt.

Handke hatte sich im Jugoslawien-Konflikt stark mit Serbien solidarisiert und nach Ansicht von Kritikern die von Serben begangenen Kriegsverbrechen bagatellisiert oder geleugnet. 2006 hielt er bei der Beerdigung des sechs Jahre zuvor gestürzten serbischen Führers Slobodan Milosevic eine Rede.

Proteste aus EU, Türkei und Serbien

Dass die Schwedische Akademie ausgerechnet ihn auszeichnete, erzürnte nicht nur Organisationen wie die Mütter von Srebrenica und die Gesellschaft für bedrohte Völker. Staaten wie das EU-Land Kroatien und die Türkei verzichteten aus Protest gegen Handke auf die Teilnahme ihrer Botschafter an der Preisverleihung.

Zum abendlichen Protest auf dem Norrmalmstorg, auf dem bereits zu Balkankriegszeiten Kundgebungen gegen den Konflikt abgehalten worden waren, kamen nach Schätzungen zunächst etwa 200 Teilnehmer. «Handkes Literatur schreibt die Geschichte um, er stellt einen Genozid infrage, der bewiesen worden ist», sagte eine der Initiatorinnen, Teufika Sabanovic, der Nachrichtenagentur DPA. Sie glaube nicht daran, dass sich Handke eines Tages doch noch bei den Völkermordopfern entschuldigen werde.

Keine Fragen beantwortet

Handke habe bereits auf der Pressekonferenz in der Schwedischen Akademie eine goldene Gelegenheit verstreichen lassen, auf Fragen zu seiner Haltung zum Jugoslawien-Konflikt angemessen zu antworten, sagte Sabanovic.

Auf der Demonstration sagte die Teilnehmerin Halima Subasic, sie sei zu dem Protest gekommen, um ihre Solidarität mit den Völkermordopfern zu zeigen. «Man kann das alles nicht vereinfachen und bloss sagen, man müsse zwischen Literatur und der Person unterscheiden.»

Bereits am Vormittag hatten Demonstranten schwedischen Medienberichten zufolge direkt vor dem Konzerthaus ein Transparent in die Höhe gehalten, auf dem Handke aufgefordert wurde, bei den Opfern des Völkermords von Srebrenica um Entschuldigung zu bitten.

Völkermord geleugnet

«Wie könnt ihr es wagen, Peter Handke den Nobelpreis zu geben?», fragte auch der Theaterregisseur und Schriftsteller Jasenko Selimovic, der 1992 als Flüchtling aus Sarajevo nach Schweden gekommen war, in einem Meinungsbeitrag in der schwedischen Zeitung «Dagens Nyheter». Den Leugner eines Völkermords mit der Auszeichnung zu belohnen, sorge auch dafür, dass die Geschichte revidiert werde. «Der Beschluss wird die Schwedische Akademie auf ewig verfolgen.»
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan meldete sich am Dienstag ebenfalls zu Wort und bezeichnete Handke als «rassistische Person» und «Mörder».

Der Zerfall Jugoslawiens zu Beginn der 1990er-Jahre war mit äusserst blutigen Kriegen zwischen Serbien und anderen Nachfolgestaaten einhergegangen. Allein in Bosnien gab es 100'000 Tote und zwei Millionen Vertriebene.
Auch wenn alle Seiten Kriegsverbrechen begingen, belegen Erkenntnisse der Zeitgeschichtsforschung sowie die Rechtssprechung des Internationalen Jugoslawien-Tribunals in Den Haag, dass die Kriege von Milosevic geplant und initiiert wurden und dass die meisten und schwersten Gräuel auf dessen Konto gingen.

Der Literaturnobelpreis war 2018 wegen eines Skandals ausgefallen, deshalb gab es in diesem Jahr zwei Preisträger: Olga Tokarczuk für 2018 und Handke für 2019.

(kat/sda)