Leck an Bord

05. September 2018 19:12; Akt: 05.09.2018 19:12 Print

Ist ein psychisch gestörter Astronaut auf der ISS?

Das Loch in der Internationalen Raumstation ISS ist gestopft. Doch vom Tisch ist der Vorfall damit noch nicht. Ein Ex-Kosmonaut vermutet Sabotage.

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Vergangene Woche war die Besatzung der ISS ganz anders gefordert als sonst: Sie musste ein Druck-Leck stopfen, was ihr auch gelang. Die Nasa teilte sofort mit: Die Mannschaft der aktuellen Expedition-56 sei zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen. Damit könnte das Thema für die Öffentlichkeit eigentlich ad acta gelegt werden – wird es aber nicht. Im Zuge der Ursachensuche wurden nun Vermutungen laut, nach denen einen Produktionsfehler vorliegt – oder Sabotage durch ein aktuelles Besatzungsmitglied. Die Ermittlungen laufen. Wie das temporäre Zuhause der ISS-Crew aussieht, zeigen die nächsten Bilder. Diese Bilder aus dem Inneren der Internationalen Raumstation schoss die italienische Astronautin Samantha Cristoforetti vor ihrer Rückreise zur Erde (2014). Vor ihrer Abreise machte die 38-Jährige ein Bild in jedem Modul der ISS, die zuvor 199 Tage lang ihr Zuhause war. Zur Freude aller Weltraum-Fans wurden die detailreichen Bilder nun zu einem interaktiven Panoroma zusammengefügt und ... ... auf eine Website der ESA (European Space Agency) gestellt. Die ISS blickt bereits auf eine lange Geschichte zurück: Am 20. November 1998 wurde es ernst mit dem Abenteuer «Internationale Raumstation». Auf dem Weltraumbahnhof Baikonur startete eine unbemannte russische Proton-Rakete mit dem ersten Bauteil für die ISS. Das Fundament der ISS: Das Fracht- und Antriebsmodul «Sarja», hier während seiner Montage im Kosmischen Forschungs- und Produktionszentrum M. W. Chrunitschew. Nur Tage später startete das Space Shuttle Endeavour mit dem Verbindungsknoten «Unity», dem Bindeglied zwischen dem russischen und dem amerikanischen Teil der Station. Die Aufnahme zeigt Astronaut Jim Newman am 7. Dezember 1998 bei Montagearbeiten an «Unity». Die beiden ersten Astronauten in der ISS: Der Kosmonaut Sergei Krikaljow (oben) und der Astronaut Robert Cabana am 10. Dezember 1998. Die ISS am 26. Mai 2000 vom Space Shuttle «Atlantis» aus aufgenommen. Noch besteht sie lediglich aus «Sarja» und «Unity». Ab dem Sommer 2000 wurde die ISS weiter ausgebaut. Ende Oktober des Jahres war sie so weit, dass sie die erste permanente Besatzung aufnehmen konnte. Bill Shepherd, Juri Gidsenko und Sergei Krikaljow starteten die bis heute ununterbrochene menschliche Präsenz an Bord der ISS. Bereits die zweite ISS-Besatzung war keine rein männliche Angelegenheit mehr. Susan Helms verbrachte 2001 als Teil der Expedition 2 mit Juri Ussatschow (M.) und James Voss 163 Tage an Bord der Station. Kurz darauf entdeckten auch die Touristen die ISS für sich. Dennis Tito (vorne) liess sich im Frühjahr 2001 das Privileg, der erste Weltraumtourist an Bord der Station zu sein, 20 Millionen Dollar kosten. Ihm folgten bis 2009 sechs weitere, darunter die amerikanisch-iranische Multimillionärin Anousheh Ansari. Von grösseren Problemen blieb die ISS lange verschont. Der erste Notfall trat am 18. September 2006 ein: Ein russischer Sauerstoffgenerator überhitzte und es traten ätzende Dämpfe aus. Die Besatzung zog vorsichtshalber Masken und Handschuhe an. Nach offiziellen Angaben waren ihre Leben aber zu keiner Zeit in Gefahr. Die ISS Anfang 2010: Der Ausbau war zu diesem Zeitpunkt beinahe komplett. Danach kamen mit den letzten Space-Shuttle-Flügen noch vier weitere Ausbauelemente dazu. 2014 soll eine Proton-Rakete ein russisches Fracht- und Labormodul und einen europäischer Roboterarm zur ISS bringen. Das Ende der letzten Space-Shuttle-Mission am 21. Juli 2011 bedeutete den Verlust des potentesten Versorgungsweges zur ISS. Bis auf Weiteres können die Besatzungen nur noch mit russischen Sojus-Raumschiffen zur Station und wieder zurück gelangen. Am 28. Mai geschah Historisches: Mit «Dragon» koppelte erstmals ein privates Versorgungsschiff an die ISS an. Die USA setzen nach Ende des Shuttle-Programms ganz auf private Dienstleister, um die Station mit Nachschub zu versorgen. Künftig sind auch bemannte Flüge geplant. 2013 kam es zu zwei Notfällen. Ein Defekt an einer Pumpensteuerung mit einem resultierenden Ammoniak-Leck zwang die Astronauten Chris Cassidy (abgebildet) und Tom Marshburn am 11. Mai zu einem ausserplanmässigen Weltraumspaziergang. Sie konnten das Teil am Solarmodul P6 austauschen. Gefährlicher war der Ausseneinsatz von Luca Pamitano am 16. Juli. In seinem Helm sammelte sich Wasser aus einer Trinkflasche. Er drohte zu ertrinken. Chris Cassidy rettete ihm das Leben, indem er ihn zur Luftschleuse zurückführte. Ein Höhepunkt des Jubiläumsjahres: Am 9. November 2013 nahmen die Kosmonauten Oleg Kotow und Sergei Rjasanski die olympische Fackel für die Winterspiele in Sotschi 2014 auf einen Weltraumspaziergang mit. Bis 2020 wird es die ISS sicher noch geben, anschliessend ist die Finanzierung ungewiss.

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Fehler gesehen?

Russland hat damit begonnen, nach den Ursachen für das winzige Sauerstoffleck an einer an der ISS angedockten Sojus-Kapsel zu forschen. Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos prüfe eine Beschädigung der Sojus-Kapsel auf der Erde, erklärte ihr Chef Dmitri Rogosin am Dienstag. «Aber es gibt auch eine andere Version, die wir nicht ausschliessen: eine absichtliche Störung im Weltall», fügte er hinzu.

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Laut Rogosin wurden «mehrere Versuche» festgestellt, ein Loch in die Sojus zu bohren. Diese seien mit «zögerlicher Hand» ausgeführt worden. Nun stelle sich die Frage: «Um was handelt es sich: Um einen Herstellungsfehler oder um einen vorsätzlichen Akt?»

Raumstationskoller?

Ein winziger Riss in der Sojus-Kapsel hatte am Donnerstag ein Sauerstoffleck und einen Druckabfall in der ISS verursacht. Die Besatzung geriet dadurch nicht in Gefahr. Die Astronauten verschlossen den Riss mit Klebeband. Rogosin hatte zunächst erklärt, der Riss sei vermutlich durch einen winzigen Meteoriten verursacht worden. Diese Erklärung werde mittlerweile ausgeschlossen, teilte der Roskosmos-Direktor mit.

Duma-Mitglied und Ex-Kosmonaut Maxim Surajew deutete an, dass ein psychisch gestörter Astronaut das Leck gebohrt haben könnte, um einen früheren Rückflug zu erzwingen. «Wir sind alle Menschen und jeder könnte nach Hause wollen», sagte er der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass ein Besatzungsmitglied «diese seltsame Nummer abgezogen hat».

Hoffen auf Produktionsfehler

Surajew, Mitglied von Präsident Wladimir Putins regierender Partei Einiges Russland, sagte, er hoffe darauf, dass es sich um einen Produktionsfehler handle, «obwohl das auch sehr traurig ist – so etwas gab es in der Geschichte der Sojus-Raumfähren noch nicht».

Eine Quelle aus der Raumfahrtindustrie sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, dass die Raumfähre während der Testphase auf dem Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan beschädigt worden sein könnte.

RIA Nowosti berichtete unter Berufung auf Kreise in der russischen Raumfahrtbranche, eine russische Kommission solle nun die Verantwortlichen für das Leck identifizieren. Ausserdem würden alle russischen Raumfähren vom Typ Sojus und Progress überprüft.

Aktuelle Besatzung äussert sich nicht

Auf der ISS arbeiten Russland und die USA trotz zahlreicher diplomatischer Spannungen zusammen. Die Besatzung besteht derzeit aus sechs Astronauten – drei aus den USA, zwei aus Russland und Alexander Gerst aus Deutschland. Er soll bis im Dezember auf der Station bleiben und im Oktober als erster Deutscher das Kommando auf der ISS übernehmen.

Auf das Leck an Bord der ISS angesprochen, sagte Gerst an Bord der ISS am Dienstag während eines Live-Gesprächs mit Kindern in Berlin, es habe einen Vorfall gegeben. Zu den Gründen sagte er allerdings nichts.

(fee/afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dä Jesus am 05.09.2018 23:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kinorealität

    Keine Gefahr für Astronauten? Aber Hollywood sagt doch, dass ein kleines Loch in der Hülle, sofort aufreisst und die ganze Crew, in einem 10 Minütigen dramatischen Druckabfall ins All hinaus saugt, wo ihnen dann die Köpfe explodieren und die Raumstation dann mit mehreren lautstarken Explosionen (im Vakuum) und einem riesigen finalen Feuerball (ohne Luft) in Stücke gerissen wird und dann tausende von Tonnen Wrackteile, mit chirurgischer Präzision, auf Washington, New York, oder eine andere amerikanische Grosstadt nieder regnen, wo die Menschen dann plündernd und mordend durch die Strasdenbziehen, weil die Trümmer eine weltweite Klimakatastrophe, Erdbeben und Tsunamis ausgelöst haben, die die Endzeit eingeläutet haben. So jetzt mal Luft holen. Wollt ihr mir sagen, dass Hollywood lügt!?

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  • René am 05.09.2018 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Terrorgefahr aus dem All

    Vielleicht ein IS Kämpfer ? Die Cheiben sind doch schon überall .

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  • sere am 05.09.2018 19:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das gibts

    raumfahrtkoller, so viel ich weiss, können dies auch ausgebildete leute kriegen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Erich am 06.09.2018 13:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    PUK

    Die sollen unsere Parlamentarier ermitteln lassen, die haben grosse Erfahrungen mit Löchern. Selbst die Bundeskasse die jedes Jahr ein Loch prognostiziert bekommt läuft im nächsten Jahr wieder über.

  • Verve am 06.09.2018 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Guter Stoff

    fürs Kino oder Theater....

  • Flexo am 06.09.2018 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    Flextape

    Dieses Flextape schliesst wohl auch Löcher im Weltall, welches 1bar Druck auf die Öffnung bekommt. Krass das Teil!

    • Pete am 06.09.2018 12:57 Report Diesen Beitrag melden

      @Flexo

      Sehe das Problem nicht. Wenn das Klebeband von innen angebracht wird hilft der Druck sogar noch beim verschliessen. Das Prinzip sollte man eigentlich aus dem Freibad von den Aufblasventilen diverser Schwimmhilfen kennen.

    • Pablo am 06.09.2018 18:08 Report Diesen Beitrag melden

      @Flexo

      Der Weltraum ist eigentlich, vom Druck, nicht so gefährlich. Ein Uboot das 10 Meter einwirkenden Druck aushällt man man nur so bauen das es das gleiche an ziehendem Druck aushällt. Und ein Bar ist ja nichts. aber wenns so einfach währe. Zuerst musste da raus, dann Strahlung, Trümmer, Teile, Aliens, Allverschmutztung, ein Tesla der rumschwirt, dauernd schlechte Nachrichten von der Erde.

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  • Horst Tappert am 06.09.2018 12:38 Report Diesen Beitrag melden

    Cola Büchse im Weltraum

    im Vakuum ein Loch in der Aussenhaut, welches mit Klebeband repariert wird? Haben sich wohl noch nie mit dem Vakuum als solches auseinandergesetzt! Selten so einen Schwachsinn gehört...

  • Perry Rodan am 06.09.2018 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    einfach zukleben

    Die haben doch ein SUPERKLEBEBAND wie bei der Mondlandefähre, sollte doch absolut kein Problem sein. Wers glaubt wird selig.

    • E Schwiizer am 06.09.2018 22:09 Report Diesen Beitrag melden

      Ist aber so.

      Erst das Reparaturharz eingebracht, danach mit dem Tape drübergeklebt, damit das Harz nicht weggekratzt wird. Hällt bombenfest und ist eine Prozedur, die schon oft in Sojus-Kapseln angwendet wurde... Tip: die Hitzeschutzkacheln beim Spaceshuttle waren auch nur angeklebt... ;-)

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