Verdacht erhärtet

30. Juli 2019 17:11; Akt: 30.07.2019 17:26 Print

Radioaktive Wolke kam aus russischer Atomfabrik

Im Herbst 2017 zog eine radioaktive Wolke über Europa. Bisher gab es nur Vermutungen zu ihrem Ursprung. Nun haben sich diese erhärtet.

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In weiten Teilen Europas ist Anfang Oktober 2017 der radioaktive Stoff Ruthenium-106 nachgewiesen worden, der in der Natur nicht vorkommt. Die Messstation bei Cadenazzo TI konnte den Stoff auch im Tessin nachweisen. Im Zeitraum vom 2. bis 3. Oktober wurden dort 1900 Microbecquerel pro Kubikmeter gemessen. Eine Gefahr für die Gesundheit hat gemäss BAG jedoch zu keinem Zeitpunkt bestanden. Woher die radioaktive Substanz genau stammte, war bislang unklar. Experten des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz (BFS) gingen jedoch schon früh davon aus, dass sie ursprünglich in der letzten Septemberwoche in Osteuropa freigesetzt wurde, vermutlich im Südural (Bild). Der russische Wetterdienst bestätigte die Vermutungen bald darauf. Demnach wurde die höchste Ruthenium-106-Konzentration in der Messstation Argajasch gemessen, die sich im südlichen Ural – und nur 30 Kilometer von der kerntechnischen Anlage Majak entfernt – befindet. Aufgrund dieser Nähe ... ... hat sich Physiker Simon Proud Satellitenbilder von der Region vorgeknöpft und miteinander verglichen. Dabei stiess er auf Unterschiede: Dort, wo im August noch ein helles Dach zu sehen war, zeigte sich im Oktober ein deutlich dunklerer Bereich. Zwar kommen mehrere Erklärungen für den vermuteten Verlust des Daches in Frage, aber die beiden Vorkommnisse – der Dachverlust und die erhöhten Ruthenium-106-Werte – könnten im Zusammenhang stehen. Es sei laut Proud ein guter Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen. Genau solche hat ein 69-köpfiges Forscherteam durchgeführt. Für ihre Studie haben sie über 1300 Messwerte von 179 Messstationen in ganz Europa ausgewertet. Ergebnis: Aufgrund der Verteilung der Ruthenium-106-Werte, die in Ostrumänien schon früh besonders hoch waren, ist es so gut wie sicher, ... ... dass die Radioaktivität tatsächlich aus Majak stammt. Die Registrierung der Ruthenium-Wolke im rumänischen Zimnicea am 30. September 2017 deute auf eine Freisetzung in Majak zwischen dem 25. September um 18 Uhr abends und dem 26. September mittags hin, so die Forscher. Wie die Forscher in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» schreiben, dürfte es Probleme bei der Wiederaufbereitung abgebrannter Brennelemente gegeben haben. Darauf lasse das Verhältnis von Ruthenium-106 und -103 schliessen, das die Messstationen aufzeichneten. (Symbolbild) Besonders sei auch, dass die abgebrannten Brennelemente noch vor zwei Jahren im Reaktor eingesetzt waren. Eigentlich warte man mindestens drei Jahre, bevor man sich an die Wiederaufbereitung heranwagt, da jüngerer Brennstoff noch stärker radioaktiv ist und problematisch sein kann. Doch warum wurde mit so jungem Material gearbeitet? Die Forscher gehen davon aus, dass dies mit einer Bestellung der Laboratori Nazionali del Gran Sasso in Italien (Bild) zu tun hat. Dort sollten Tests zur Physik von Neutrinos stattfinden, wofür es gemäss Experten eine stark radioaktive Quelle braucht. Etwa Cer-144, das ebenfalls aus abgebrannten Brennelementen hergestellt wird und das nachweislich vom italienischen Labor in Majak bestellt wurde. Und die freigesetzte Menge Ruthenium-106 lässt sich laut den Berechnungen der Forscher sehr gut mit der bestellten Menge Cer-144 korrelieren. (Im Bild: Hochreines Cer) Und jetzt? Zwar können die aktuellen Analysen die Verantwortlichkeit der Russen nicht eindeutig belegen. Aber: «Auch wenn es zurzeit kein offizielles Statement dazu gibt, haben wir eine recht gute Idee, was passiert sein könnte», so die Forscher. (Im Bild: Sperrzone bei Majak) Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass die kerntechnische Anlage von Majak ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerät. (Im Bild: die Arbeiterstadt Osjorsj im Südural nahe Majak) Den ersten Hinweis auf die Vergangenheit der Region bekommt man bereits am Stadteingang Osjorks. Tatsächlich dürfen Besucher bis heute nur auf Einladung und mit Genehmigung einreisen. Wer spontan rein möchte, wird von elektrischen Zäunen und Soldaten gestoppt. Der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit – als Osjorsk noch Tscheljabinsk-40 hiess. Gegründet wurde die Stadt 1946 als Reaktion auf die beiden Atombomben, die die Amerikaner im Jahr zuvor auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten. Die Vorkommnisse hatten die Sowjets eiskalt erwischt, weil ihr Atomprogramm weit weniger fortgeschritten war. (Im Bild: Atombombe über Hiroshima) Ein Unding, befand der sowjetische Diktator Josef Stalin. Und er befahl, nachzuziehen. Im Ural liess er gleich mehrere Rüstungsstädte errichten. Tscheljabinsk-40 war eine davon. Dafür wurde extra ein Gebiet von 980 Quadratkilometern zur Sperrzone erklärt. Abgeschottet von der Aussenwelt arbeiteten dort Forscher um Atomphysiker Igor Kurtschatow rund um die Uhr an der Entwicklung der ersten sowjetischen Atombombe. Dreh- und Angelpunkt war jedoch die Anlage Majak in der Nähe von Osjorsk, in der waffenfähiges Plutonium hergestellt wurde. Die Geheimhaltung funktionierte so gut, dass sogar ein Atomunfall – der sogenannte Kyschtym-Unfall – mehrere Jahrzehnte vor der ganzen Welt verheimlicht werden konnte. Nach einer Panne des Kühlsystems explodierten am 29. September 1957 80 Tonnen hochradioaktiver Abfall. Dabei wurde nach heutigem Wissensstand mehr atomare Strahlung freigesetzt als beim GAU von Tschernobyl. (Im Bild: der havarierte Reaktor von Tschernobyl) 270'000 Menschen wurden verstrahlt, Zehntausende in aller Eile evakuiert. Insgesamt 22 Dörfer mussten dem Erdboden gleichgemacht werden. Die radioaktive Wolke bedeckte damals 23'000 Quadratkilometer und damit eine Fläche, die halb so gross wie die Schweiz ist. Doch das alles wurde verschwiegen. Zwar wurden in den 1970er-Jahren vom sowjetischen Biochemiker und Dissidenten Schores Medwedjew erstmals Vermutungen geäussert, doch Glauben schenken wollte ihm niemand. Stattdessen landete er zeitweise in einer psychiatrischen Klinik. So wurde erst 1989 im Rahmen von Glasnost offiziell bekannt, was 32 Jahre vertuscht worden war. Die Sowjetunion, in der Michail Gorbatschows Perestroika zu mehr Offenheit auch in solchen Dingen geführt hatte, informierte die Internationale Atomenergieagentur über die Katastrophe ... ... und das ganze Ausmass, an dessen Folgen Menschen, Tiere und Natur in der Region noch heute leiden.

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Zwei Jahre ist es her, dass die Welt über den Ursprung einer radioaktiven Ruthenium-106-Wolke rätselte, die über Europa zog. Zwar fiel der Verdacht von Experten bald auf Russland und auch der russische Wetterdienst äusserte sich entsprechend, aber endgültig geklärt werden konnte das Rätsel nicht.

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Daran konnte auch Simon Proud von der University of Oxford nichts ändern, der damals Satellitenbilder von der kerntechnischen Anlage Majak verglich. Dort hatte sich 1957 ein Atomunfall ereignet, der nach heutigem Wissensstand schwerwiegender als der von Tschernobyl war. Und genau dort vermuteten manche Fachleute – auch Proud – die Quelle des rätselhaften Rutheniums-106. Sie sollten recht behalten.

Zweifellos ein Atomunfall

Es deute vieles darauf hin, dass es in der Atomfabrik, in der heute Radionuklide hergestellt und Kernbrennstoffe wiederaufbereitet werden, 2017 erneut einen Unfall gegeben hat, so ein 69-köpfiges Forscherteam im Fachjournal «Proceedings of the National Academy of Sciences». Die Wissenschaftler hatten für die Studie über 1300 Messwerte von 179 Messstationen in ganz Europa ausgewertet (siehe Bildstrecke).

Das Ergebnis: Aufgrund der Verteilung der Ruthenium-106-Werte, die in Ostrumänien schon früh besonders hoch waren, ist es so gut wie erwiesen, dass der Ursprung der Radioaktivität tatsächlich in Majak liegt. «Die Detektion der Ruthenium-Wolke im rumänischen Zimnicea am 30. September 2017 deutet auf eine Freisetzung in Majak zwischen dem 25. September um 18 Uhr abends und dem 26. September mittags hin», so Studienleiter Georg Steinhauser von der Universität Hannover und seine Kollegen. Bodenproben aus der Region stützen diesen Schluss.

Probleme bei der Wiederaufbereitung

Auch punkto Unfallursache haben die Forscher einen Verdacht. Wie schon Anfang 2018 im Fachjournal «Science» von anderen Wissenschaftlern angetönt, dürfte es Probleme bei der Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennelementen gegeben haben. Darauf lasse das Verhältnis von Ruthenium-106 und Ruthenium-103 schliessen, das von den Messstationen aufgezeichnet wurde, so das Urteil der aktuellen Studie.

«Wir wissen aus den Daten, dass der letztlich ‹verunfallte› Brennstoff nur eineinhalb bis zwei Jahre zuvor noch im Reaktor im Einsatz war», erklärte Steinhauser gegenüber Derstandard.at. Das sei besonders. Normalerweise warte man mindestens drei Jahre, bevor man sich an die Wiederaufbereitung heranwage, da jüngerer Brennstoff noch stärker radioaktiv ist und Probleme in der Wiederaufbereitung bescheren kann.

«Recht gute Idee, was passiert sein könnte»

Doch warum arbeiteten die Majak-Mitarbeiter überhaupt mit so aussergewöhnlich jungem Material? Auch darauf haben die Forscher eine Antwort. Sie gehen davon aus, dass dies mit einer Bestellung der Laboratori Nazionali del Gran Sasso in Italien zusammenhänge. Dort sollten Tests zur Physik von Neutrinos stattfinden, wofür es gemäss Experten eine stark radioaktive Quelle braucht: Cer-144, das ebenfalls aus abgebrannten Brennelementen hergestellt wird und das nachweislich vom italienischen Labor in Majak bestellt wurde.

Und die freigesetzte Menge Ruthenium-106 lässt sich laut den Berechnungen der Forscher sehr gut mit der bestellten Menge Cer-144 korrelieren.

Und jetzt? Zwar können die aktuellen Analysen den Zusammenhang zwischen der Ruthenium-Freisetzung und der Cer-144-Produktion in Majak nicht eindeutig belegen. Aber: «Auch wenn es zurzeit kein offizielles Statement dazu gibt, haben wir eine recht gute Idee, was passiert sein könnte», so Steinhauser.

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gaia am 30.07.2019 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Mensch ist Mensch

    Und niemand wird Russland zur Rechenschaft ziehen. Die Menschheit macht weiter wie immer. Irgendwann wird es zu spät sein noch etwas zu ändern. Ja, es ist eine pessimistische Haltung, aber Mordanschläge, Unfälle, Kriege, Menschrechtsverbrechen und keine Regierung unternimmt etwas. Weil der fragiele Frieden bzw. Status erhalten werden möchte. Leider ändert sich somit auch nichts.

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  • Hofnarr am 30.07.2019 17:25 Report Diesen Beitrag melden

    Giftig

    Und es geht immer weiter. Man sieht es nicht, man schmeckt es nicht, aber es ist da, giftig, krankmachend, zerstörend.

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  • Einhornjäger am 30.07.2019 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur die USA ist böse

    Es nie Russland, Russland ist immer unschuldig, Russland würde so etwas nie machen. (Wer Sarkasmus findet darf in behalten)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • communist am 31.07.2019 19:11 Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Irgendwann wird die Menschheit die Erde ausrotten wenn sie nicht zu Verstand kommen.... Es ist einfach schade zu sehen was wir Menschen alles mit Atomkraftwerken, Atombomben und Kriegen macht.

  • Schindler am 31.07.2019 15:59 Report Diesen Beitrag melden

    majak ist nicht der einzige Ort....

    Sarow 1939 , Nowouralsk 1941 , Osjorsk 1945 , Bolschoi Kamen 1947 , Sewersk 1949 , Schelesnogorsk 1950 , Krasnosnamensk 1951 , Trjochgorny 1952 , Sneschinsk 1955

  • S@m.W am 31.07.2019 15:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aha

    Mein Gefühl sagt das hier grosszügig was verschwiegen wird und zwar im grossen stil

  • Cafanja am 31.07.2019 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    Unheimlich

    Wir waren mit unseren beiden Kindern im Tessin Velofahren als diese Wolke über die Region war :(( man macht sich schon Gedanken was alles passieren kann.

    • Hmm am 31.07.2019 13:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Cafanja

      Scho schlimm.. vorallem wenn die Wolke ungefährlich ist. Kleiner Tipp: Angst ist ein schlechter Ratgeber.

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  • Igor am 31.07.2019 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    und Putin

    macht es richtig (auch wenn ich ihn nicht mag): einfach mal verneinen. Und nicht wie unsere Regierung einfach mal kuschen und den Grossmäulern keine Paroli bieten. Eben: "geht euch nichts an" und nicht "wir passen uns an".