«Ruinen-Porno»

11. Oktober 2019 08:22; Akt: 11.10.2019 08:32 Print

Tschernobyl-Kontrollraum darf nun betreten werden

Der harvarierte Reaktor 4 von Tschernobyl war für Touristen bislang tabu. Nun hat die Ukraine die radioaktiv verseuchte Schaltzentrale für Besucher freigegeben.

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Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Es war der erste nukleare Unfall, der auf der internationalen Bewertungsskala Ines mit dem Maximum von sieben Punkten eingestuft wurde. Das heute stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde zwischen 1970 und 1983 erbaut. Dabei wurden vier der insgesamt sechs geplanten Reaktorblöcke fertiggestellt. Im AKW wurden graphitmoderierte Reaktoren des Typs RBMK-1000 eingesetzt, die gravierende Sicherheitsmängel aufwiesen. Gleichwohl galt das Kraftwerk in der Sowjetunion als Musteranlage. Am Anfang des Super-GAUs in Tschernobyl stand ein Experiment. Um festzustellen, wie viel Leistung der Generator nach der Abkopplung vom Netz und von der Dampfversorgung noch liefert, schaltete das Personal im Lenin-Kraftwerk am Abend des 25. April 1986 die Sicherheitssysteme in Block 4 ab. Um 1.23 Uhr kam es zum Turbinenstillstand. Es entstand ein Hitzestau. Die Leistung des 1000-Megawatt-Reaktors stieg innerhalb von Sekunden plötzlich drastisch an, eine manuelle Notabschaltung war nicht mehr möglich. Dampf und Wasserstoff lösten gewaltige Explosionen aus und sprengten die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorgebäudes weg. Der Reaktorkern schmolz und der Graphitmantel der Brennelemente fing Feuer. Eine Wolke aus radioaktiven Spaltprodukten wurde in die Luft geschleudert. Das Graphit-Feuer konnte neun Tage lang nicht gelöscht werden. Das freigesetzte radioaktive Material verstrahlte bis zu km² Fläche in der Ukraine, Weissrussland und Russland. Greenpeace schätzt, dass in den betroffenen Gebieten rund sieben Millionen Menschen lebten. Hunderttausende von Aufräumarbeitern, sogenannte Liquidatoren, mussten unter lebensgefährlichen Bedingungen den radioaktiven Schutt wegräumen. An den am stärksten verstrahlten Stellen wurden die Liquidatoren jeweils nur wenige Sekunden lang eingesetzt. Dennoch wurden viele von ihnen lebensbedrohlich verstrahlt. Ein Kraftwerksmitarbeiter zeigt im Jahr 2000 auf den Ort, wo 1986 der Reaktor explodierte. Verfestigter Schaum, Bleihaufen und Bor-Pulver, von Helikoptern aus abgeworfen, zeugen von den verzweifelten Versuchen, die nuklearen Prozesse im beschädigten Reaktor zu stoppen. Aus Helikoptern wurden neben Blei und Bor auch Dolomit, Sand und Lehm abgeworfen, um die Freisetzung von Spaltprodukten einzudämmen. Die dabei eingesetzten Helikopter stehen – zusammen mit anderen Fahrzeugen und Geräten – heute noch in der Sperrzone. Sie sind verstrahlt. Die Aufräumarbeiten dauerten drei Jahre. Arbeiter feierten im November 1986 vor Reaktorblock 4 die Errichtung der ersten Hülle des Sarkophags. Auf dem Banner steht: «Wir werden die Vorgabe der Regierung erfüllen!» Dieser erste Sarkophag hat seine Lebenserwartung bereits erreicht und ist brüchig geworden. Der zweite soll für mindestens 100 Jahre die Freisetzung von Strahlung verhindern. Er sollte 2014 fertig sein, allerdings verzögerte sich das Projekt wegen der Ukraine-Krise. Zudem fehlt das Geld. Von den rund innerhalb der ersten zehn Jahre. Um den Reaktor wurde eine Sperrzone errichtet. Nur vier Kilometer vom Reaktor entfernt, lebten in der erst 1970 gegründeten Stadt Pripjat knapp <nobr>50'000</nobr> Menschen. Einen Tag nach der Katastrophe befahlen die Behörden die Evakuierung der Industriestadt. Zunächst hiesses, es handle sich um eine reine Vorsichtsmassnahme; alles werde lediglich drei Tage dauern. Doch die Bewohner durften nie mehr zurückkehren. Die Strahlenbelastung war – und ist – zu hoch. Schritt für Schritt wurden später alle Anwohner im Umkreis von 30 Kilometern in Sicherheit gebracht. Aus Pripjat wurde eine Geisterstadt. Die kontaminierte Zone reichte weit bis nach Weissrussland hinein, das besonders schwer vom radioaktiven Fallout getroffen wurde. Die Kernschmelze in Tschernobyl und der Austritt von grossen Mengen Radioaktivität war ein Super-GAU, der über den GAU («Grösster anzunehmender Unfall») hinausgeht. Der GAU bezeichnet den schlimmsten beherrschbaren Störfall, für den das Kraftwerk ausgelegt ist. Auch im Westen hatte die Katastrophe Folgen: Die radioaktive Wolke kontaminierte grosse Gebiete in Skandinavien und Mitteleuropa. Hier wurde ein westdeutsches Auto an der ostdeutsch-polnischen Grenze dekontaminiert. Schwangeren und Kleinkindern unter zehn Jahren wurde geraten, auf Gemüse und Milch zu verzichten. Ein wegen der radioaktiven Wolke geschlossener Spielplatz in Wiesbaden. Der Super-GAU in dem sowjetischen AKW stärkte in der Folge die ökologischen und atomkritischen Bewegungen im Westen. Auch in der Schweiz erhielt die Anti-AKW-Bewegung Aufwind. Tschernobyl und die Sperrzone entwickeln sich immer mehr zu einer eigentlichen Touristenattraktion.

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Bis zum 26. April 1986 war die Welt im Atomkraftwerk Tschernobyl in Ordnung, dann kam es dort zur Kernschmelze. Der Reaktorblock 4 explodierte. Obwohl die dabei freigesetzte Radioaktivität die Region weiträumig verseuchte, zieht es Menschen seit 2011, als die Ukraine die Zone um das havarierte Kraftwerk für Besucher freigab, in immer grösseren Strömen dorthin.

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Experten bezeichnen solche Reisen an Albtraumstätte als «Dark Tourism». Menschen, die sich von Orten mit morbider Geschichte angezogen fühlen, sprechen auch gern von «Ruinen-Porno». Sie finden Gefallen am Verfall. Die in der Gegend um Tschernobyl immer noch vorherrschende Radioaktivität sorgt für einen weiteren Kitzel.

Nach fünf Minuten ist Schluss

Ein Bereich war bisher für Touristen aber gesperrt: Reaktor 4, der häufig als Epizentrum der Atomkatastrophe (siehe Bildstrecke oben) bezeichnet wird. Schliesslich nahm hier das Desaster seinen Lauf. Neu darf nun aber zumindest der Kontrollraum besichtigt werden – allerdings nur für maximal fünf Minuten.

Der Grund: In der einstigen Schaltzentrale ist die Radioaktivität immer noch hoch. Laut der Nachrichtenagentur Ruptly ist die Strahlung im Innern 40'000-mal höher als in Gegenden ohne atomare Vergangenheit.

Folgen für die Gesundheit?

Um keinen Schaden zu nehmen, müssen Besucher des Kontrollraums gemäss CNN Schutzanzug, Helm und Maske tragen. Im Anschluss an ihren Besuch müssen sie sich zudem zwei Strahlungstests unterziehen, um die Radioaktivitätswerte im Körper zu ermitteln.

Laut der britischen Zeitung «Telegraph» müssen Besucher des Kontrollraums nicht mit negativen Folgen für die Gesundheit (siehe Box) rechnen. Der Aufenthalt sei zu kurz, als dass er zu gesundheitlichen Schäden führen könne. Sofern sich die Besucher an die Vorgabe der Veranstalter hielten, bekämen sie weniger Strahlung ab als während einer Stunde auf einem Transatlantikflug, zitiert Spiegel.de Jaroslaw Jemeljanenko von Chernobyl Tour.

In Tschernobyl brennt auf einmal wieder Licht

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Paul McCartney am 11.10.2019 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    Atom- und andere Pilze

    In der Schweiz sollen die Steinpilze etc. wegen Tschernobyl immer noch das radioaktive Cäsium enthalten. Und im Coop etc. gibts frische solche Pilze aus Weissrussland. Kann mir das mal jemand erklären resp. wurden diese Pilze eigentlich mal geprüft?

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  • sc am 11.10.2019 08:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grösste Atomkatastrophe

    Unglaublich, da drin muss es sich ganz komisch anfühlen, wäre sicher interessant!

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  • Türke am 11.10.2019 08:51 Report Diesen Beitrag melden

    In der Ukraine hat es sehr sehr

    anständige, ehrenvolle schöne Menschen. Ich wünsche euch nur das Beste.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bud S. am 12.10.2019 18:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jaja Russland und seine Informationen

    sorry aber ich würde den russischen Vorgaben nicht trauen. von wegen weniger Strahlung als bei einen Transatlantikflug. die Vergangenheit hat ja gezeigt das man alles gern vertuschen und verharmlosen wollte. ob nun in Tschernobyl oder der ewig geheim gehaltene Kyschtym Unfall. da wurde zu spät und nahezu gar nicht informiert. Wer den Reaktor Kontrollraum betritt sollte mit seinem Leben abgeschlossen haben. die Strahlung ist immens und weitaus schlimmer so das man nur eine Minute rein gehen sollte, wenn man unbedingt muss.

  • Reto C am 12.10.2019 16:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das machen nur unvernünftige

    Schon klar machen die solche Touren, geht halt wieder mal uns Geld. Wer da hin reist und ein paar Jahre später an Krebs erkrankt soll dann aber bitte ein Teil der Kosten selbst berappen. Die Gefahr dort ist immer noch extrem.

  • Anonym am 12.10.2019 13:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr cool!

    Sehr beeindruckend - Ich kann auf einer Hand abzählen wie oft ich schon hier war, nämlich 14 mal.

  • anonym am 12.10.2019 12:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    serie

    die serie " chernobyl" von 2019 ist sehr interessant und eindrücklich für alle die sie noch nicht kennen!

  • Anony Mouse am 11.10.2019 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chernobyl VR Project

    Wer ein VR headset hat kann sich diese Doku mal reinziehen. Sehr eindrücklich.