Bienensterben

23. November 2013 21:11; Akt: 23.11.2013 21:11 Print

Rettet ein Milbenkiller die Honigbienen?

Er steht selber auf der Liste der gefährdeten Arten, ist aber die Hoffnung der Imker: Der Bücherskorpion vertilgt die Varroamilbe, die den Honigbienen schwer zu schaffen macht.

Bücherskorpion vertilgt Varroamilben (Quelle: Youtube/Torben Schiffer, beenature-project.com)
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Der Bücherskorpion (Chelifer cancroides) ist trotz seines deutschen Namens kein Skorpion. Das nur wenige Millimeter grosse Spinnentier gehört zur Ordnung der Pseudoskorpione und ist für Menschen vollkommen harmlos, denn seine Scheren können die Haut nicht durchdringen. Im Gegenteil: Der Räuber ist für uns nützlich, da er allerlei unangenehmes Kleingetier vertilgt, beispielsweise Staubläuse, Bücherläuse und Hausstaubmilben. Und mit grossem Appetit auch Varroamilben.

Letztere sind der Albtraum der Imker, denn sie befallen mit Vorliebe Honigbienen. Die aus Asien eingeschleppte Milbe – ein etwa 1,2 mm langer und 1,6 mm breiter Parasit – wurde 1977 erstmals in Deutschland angetroffen. Seither macht die Milbe, die sich in der Brut des Bienenstocks entwickelt und vermehrt, den europäischen Bienenvölkern zu schaffen. Ein Befall durch Varroamilben (Varroose) schwächt ein Bienenvolk und macht die Insekten anfälliger für Krankheiten.

Hauptursache für das Bienensterben

Für Bienenforscher ist die Varroamilbe eine der Hauptursachen für das Bienensterben, dem sogenannten «Colony Collapse Disorder» (CCD). In den letzten Jahren hat es besorgniserregende Ausmasse angenommen; in Deutschland starben rund 15 bis 25 Prozent der Bienen, in der Schweiz sogar fast 50 Prozent.

Wenn die Honigbiene stirbt, ist nicht nur unser Honignachschub gefährdet. Die fleissigen Insekten sind für das Ökosystem enorm wichtig, weil sie eine Unmenge von Pflanzen bestäuben. Man schätzt, dass rund 84 Prozent aller Pflanzen in Mitteleuropa auf eine Fremdbestäubung angewiesen sind – und von diesen wiederum rund 80 Prozent von Bienen bestäubt werden.

Biologischer Fressfeind der Milbe

Aus diesem Grund gehört die Bekämpfung der Varroamilbe zu den wichtigsten Aufgaben der Imker. Grosse Hoffnungen weckt zurzeit eine Methode, die ganz ohne Chemie auskommt: Der Bücherskorpion als biologischer Fressfeind der Varroamilbe solls richten. Der Pseudoskorpion packt die Milbe mit seinen langen Fangarmen, an denen Scheren mit feinen Tasthaaren und einem Giftzahn sitzen, und lähmt sie mit Gift. Danach führt er sein Opfer zu seinen Mundwerkzeugen und saugt es aus. Um eine Milbe zu erlegen, benötigt der Bücherskorpion zwischen 30 und 60 Minuten. Chelifer cancroides gibt sich dabei nicht mit einer Milbe zufrieden, wenn das Angebot es zulässt: Die Tierchen fangen und lähmen während ihrer Mahlzeit bis zu zwei weitere Milben auf Vorrat.

Der kleine Räuber mit dem grossen Appetit war früher – ausser in Bücherregalen, was ihm seinen Namen gab – auch in Bienenstöcken anzutreffen; in der Tat lebte er mit den Bienen in Symbiose. Doch die modernen Stöcke haben kaum noch Löcher und Ritzen, die dem Spaltenbewohner Unterschlupf bieten. Zudem vertrieb auch der Chemie-Einsatz zur Varroose-Bekämpfung vertrieb die nützlichen Spinnentiere aus den Bienenstöcken. Heute steht die Art auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Extrem niedriger Milben-Befall

Der Hamburger Lehrer Torben Schiffer hat seine Diplomarbeit über den nützlichen Räuber geschrieben und propagiert nun mit dem «Beenature-Project» dessen Einsatz in den Bienenstöcken. In seinem Versuchs-Bienenstock waren die Ergebnisse positiv: Der Varroamilben-Befall sei dort extrem niedrig. Nun müsse aber noch der wissenschaftliche Nachweis erbracht werden.

Experten warnen, es müsse zunächst geprüft werden, ob die Pheromone, also die chemischen Botenstoffe, mit denen die Pseudoskorpione kommunizieren, die Kommunikation der Bienen stören könnten. Diese kommunizieren nämlich ebenfalls mit Pheromonen. Sie weisen auch darauf hin, dass die Bücherskorpione – im Gegensatz zu chemischen Mitteln – nicht in die Brutzellen gelangen, wo sich die Milben massenhaft vermehren. Die Räuber vertilgen aber die fruchtbaren Weibchen und hemmen so die Fortpflanzung der Schädlinge ebenfalls.

Schiffer wird den Milbenkiller auf jeden Fall weiterhin erforschen. Derzeit beschäftigen sich im Rahmen des Wettbewerbs «Jugend forscht» drei Schülerteams unter seiner Regie mit dem gefässigen Spinnentier.

(dhr)