Entdeckung

14. Januar 2011 21:07; Akt: 14.01.2011 21:19 Print

Rinderwahnsinn über die Luft übertragbar

von Susanne Gabriel, AP - Rinderwahnsinn oder die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sind weit ansteckender als bisher bekannt. Ihre Erreger, Prionen, können über die Luft übertragen werden.

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Mikroskopische Aufnahme von infiziertem Gewebe (Bild: Public Health Image Library)

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Forscher der Universitäten Zürich und Tübingen haben den Übertragungsweg über die Luft erstmals nachwiesen. Demnach können die infektiösen Proteine als Schwebeteilchen eingeatmet werden und von den Atemwegen direkt ins Gehirn gelangen. Die Wissenschaftler empfehlen in der Fachzeitschrift «PLoS Pathog» besondere Schutzvorkehrungen für Mitarbeiter von Laboren, Schlachthöfen und Futtermittelfabriken.

Prionen sind Ursache des Rinderwahnsinns BSE (Bovine spongiforme Enzephalopathie). Der Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch kann die Variante der tödlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) auslosen, an der weltweit bislang 200 bis 300 Menschen starben. Zudem können sich Menschen auch über kontaminierte chirurgische Instrumente oder durch Bluttransfusionen infizieren.

Dass Prionen ähnlich wie Grippeviren auch durch die Luft übertragen werden, galt bislang als unwahrscheinlich. Studienleiter Adriano Aguzzi aus Zürich warnte allerdings vor Panik: «Die Resultate beziehen sich auf die Produktion von Areosolen in Laborbedingungen», erklärte er. «Sie bedeuten nicht, dass Creutzfeldt-Jakob-Patienten Prionen mit der Atemluft ausscheiden.»

100-prozentige Infektionsrate bei Mäusen

Die Forscher fanden heraus, dass Luft sehr wohl als Überträger von Prioneninfektionen dienen kann: Die Neuropathologen setzten Mäuse in speziellen Inhalationskammern in Luft gelösten Schwebeteilchen aus, die Prionen enthielten. «Eine nur einminütige Exposition reichte aus, um 100 Prozent der Versuchstiere mit der Krankheit zu infizieren», erklärte Studienleiter Aguzzi. Je länger der Kontakt zu den Aerosolen anhielt, desto schneller erkrankten die Mäuse.

Offensichtlich konnten die Prionen bei diesem Experiment direkt über die Atemwege ins Gehirn gelangen und sich dort ansiedeln, da verschiedenartige Defekte des Immunsystems - von denen aus früheren Experimenten bekannt ist, dass sie den Durchlass von Prionen vom Verdauungstrakt zum Gehirn unterbinden - die Infektion nicht verhindern konnten.

Weltweit Hunderttausende BSE-infizierte Rinder

Die Forscher folgern daraus, dass Mitarbeiter von Laboren, Schlachthöfen und Tierfutterfabriken besser vor Prionenerkrankungen geschützt werden sollten. Eine Überarbeitung der entsprechenden Vorschriften sei ratsam. «Es empfiehlt sich, Vorkehrungen zu treffen, um das Risiko einer solchen Prioneninfektion bei Mensch und Tier zu minimieren», betonte Aguzzi.

Hunderttausende mit BSE infizierte Rinder sind weltweit registriert worden, nach Zahlen der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) davon allein etwa 180 000 in Grossbritannien.

BSE und vCJK werden vermutlich von einem Prion, einem infektiösen Eiweissmolekül ausgelöst, das aus einem normalen Nervenzellenprotein entstanden ist, seine biochemischen Eigenschaften aber verändert hat. Dieses Prion bindet sich offenbar an Nervenzellen und zwingt anderen Prionprotein-Molekülen seine Struktur auf. Infolge der Prionvermehrung kommt es zur Schädigung der Kontakte zwischen Nervenzellen und zum Absterben von Nervenzellen. Dabei entstehen Löcher im Gehirn.

(Quelle: «PLoS Pathog», Vol. 7:e1001257)